Wer ist eigentlich deutsch?

Eine Umfrage des Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) bildet ab, dass 96,8% der Bevölkerung überzeugt sind, dass Deutsch sei, wer deutsch sprechen könne.

Ein für mich sehr überraschendes Ergebnis.

Wenn man so eine Frage hört, fragt man sich wahrscheinlich, wie ist denn dieses Sprechen der deutschen Sprache eigentlich definiert? Was ist eigentlich Sprache? Was hat diese mit nationalen Zusammenhängen zu tun und wo ist eigentlich die Abgrenzung zum Dialekt?

Wir denken an die vielen Sprachen, die in einem Staatsgebiet gesprochen werden. Wahrscheinlich an den Unterschied von Nationalstaaten und beispielsweise der Schweiz oder Belgien.  An die Anfänge der europäischen Moderne, als sich in Deutschland langsam die Vorstellung eines geeinten Nationalstaates bildet, in dem an Universitäten auf Latein gelehrt und als Zeichen des edlen Blutes Französisch gesprochen wurde.

Wahrscheinlich denken auch viele darüber nach, wie denn eigentlich so ein standardisiertes Deutsch aussieht. Ist diese Sprache irgendwo genormt und gibt es nur eine aktuelle Version, mit der man sich Deutsch fühlen darf? Sind meine Vorfahren und Vorfahrinnen nicht Deutsch, weil einige moderne Sprachentwicklungen, die heute als korrekt genormt sind, nicht in ihrer Sprache zu verzeichnen waren? Kann ein Mensch, der auf die deutsche Gebärden- Sprache angewiesen ist kein Deutscher oder keine Deutsche sein?
Ist jeder oder jede der oder die deutsch spricht ein Deutscher oder eine Deutsche oder kann nur niemand deutsch sein, der nicht Deutsch spricht?
Gilt auch noch als Deutsch wer Lehnwörter verwendet? Ab wann ist ein Satz ein deutscher Satz mit vielen Lehnwörtern und ab wann nicht mehr deutsch?
Wer sollte eigentlich diese einheitliche Sprache definieren? Die Duden- Redaktion? Selbst die tut das bis jetzt nicht, auch wenn dieser Gedanke weit verbreitet ist.

Scheinbar wäre also für diese Vorstellung einer einheitlich genormten, eindeutig definierten Form der deutschen Sprache (oder des deutschen Dialekts?) notwendig um andere Definitionen (zum Beispiel für die nationale Identität) darauf zu stützen.

Wir denken sicherlich auch an die Frage mit der Abgrenzung zwischen Sprache und Dialekt, die philologisch bis heute nicht eindeutig beantwortet werden kann.
Wenn diese Frage nicht beantwortet werden kann, wer legt dann fest, welche Sprache in einem bestimmten Gebiet Vorrecht hat?
Haben Sprachen unterschiedliche Qualitäten oder warum lohnt es sich für die Durchsetzung der eigenen zu kämpfen?

Der für mich sinnvollste Versuch einer Abgrenzung ist der, eine Erklärung für die Unterscheidung in einer nationalistischen Abgrenzung zu suchen. Allerdings könnte diese dann in keinem Fall eine Zugehörigkeit zu einer ‚kulturellen‘ Gemeinschaft definieren.

Sind nicht eigentlich alle indogermanischen Sprachen nur Dialekte von indogermanischen Vorgängersprachen?

Warum sorgt die CSU eigentlich mit der Idee für so viel Häme, dass in Deutschland nur noch deutsch gesprochen werden darf, wenn statistisch 96,8% der Bevölkerung ähnliche Gedanken haben?
Utopien sind beide und aus meiner Sicht nicht einmal Wünschenswerte.

Für mich ist das vielversprechendste Indiz für die Zuordnung einer bestimmten Identität immer noch die in der Kulturwissenschaft verbreitete Methode: die Selbstbezeichnung.

Und Mehrsprachigkeit hat auch noch keinem geschadet.

Als weiteren Artikel zum Irrsinn der Gleichsetzung von Kultur, Staat und Sprache kann ich noch diesen Blogeintrag des Sprachwissenschaftlers Anatol Sasanowitsch empfehlen.

Ciao, bye, Servus und Salut!

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