Wie grammatikalische Formen zu Mördern werden können

„Tötungsdelikte werden in Deutschland zu etwa 90 Prozent von Männern begangen. Und auch bei anderen Gewalttaten, die mit Waffen begangen werden, wie Raubdelikte oder Körperverletzungen, zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. […]
Knapp jeder 50. junge Mann ist heute aktenkundig bei der Polizei und wird als
Täter verdächtigt – aber nur jede 1000. junge Frau.“

Gingen wir davon aus, dass unsere Vorstellungen von Geschlechtern aus mehreren Teilen bestehen. Vielleicht einem biologischen Geschlecht, das chromosomal im Genom festgelegt ist und auf die sich durchschnittliche Beeinflussungen im Hormonhaushalt rückführen lassen. Als einen anderen wichtigen Teil für die Individualentwicklung und Ausprägung der Geschlechterrolle können wir unter anderem das soziale Geschlecht annehmen.
Es würde unter anderem durch feste Rollenbilder, die durch die Familie, das Umfeld und allgemein die Kultur gebildet und weitergetragen werden.
Wann sich diese festen Rollenbilder gebildet hätten, ist bis heute nicht geklärt. Neue archäologische Befunde deuten darauf hin, dass es bis in die europäische Jungsteinzeit keine festen Rollenbilder gab. Aus verschiedenen DNA- Untersuchungen von menschlichen Überresten wüsste man, dass es, anders als in der historischen Archäologie vermutet, auch Sammler und Kriegerinnen gab.

„Ihr Junge hat aber einen wachen Blick!“ „Sie haben da aber ein süßes Mädchen!“

Mit diesen Rollenbildern würden unzählige Eigenschaften verknüpft.
Der “Rollen“- Mann müsste beispielsweise stark sein und die Familie versorgen und im Notfall einem „Konkurrenten“ auch mal Gewalt antun.
Wer diesen Stereotypen nicht entspricht gälte in bestimmten Kreisen schnell als verweichlicht oder nicht männlich und würde aus diesem negativen Feedback lernen.
Ihm würde die Gewalt quasi anerzogen werden.
Ähnliche Rollenbilder gäbe es für alle Geschlechter.

Natürlich wären viele dieser positiven wie negativen Zuschreibungen inzwischen ein untrennbares Gemisch aus genetischen, hormonellen, kulturellen und sozialen Einflüssen.
Der Mensch, der bei dem heutigen Stand der Wissenschaft, mehrheitlich als das einzig vernunftbegabte Wesen gilt, könnte mithilfe seiner Moral Einfluss auf seine Handlungen nehmen und wäre nicht nur hormonell gesteuert. Wäre dies nicht der Fall, müssten wir wohl grundlegend unser Rechtssystem überdenken.

Wo würde diese Kultur weiter getragen werden?
Eigentlich in jedem Buch, jedem Film, jedem Theaterstück, jeder Werbung und jeder Geschichte, die die Vorstellung von klassischen Rollenbildern aus der Vergangenheit in die Gegenwart trägt oder ein Geschlecht über alle anderen stellt.
Eines meiner Lieblingsbeispiele für diesen Fall ist das, in einigen konservativen Kreisen immer noch verwendete, generische Maskulinum (Sprachhistorisch: Verwendung ausschließlich männlicher Formen als Oberbegriff eine Kategorie).
Die Sprache trägt hier die historisch, patriarchalen Strukturen, in denen die Ungleichbehandlung der Geschlechter noch nicht einmal in Frage gestellt wurden, in unsere Gegenwart.
Man könnte davon ausgehen, dass diese unterschiedliche Gewichtung, Individuen anderer Geschlechter nicht einmal Nennen zu müssen, in unserem Unterbewusstsein mitschwingt und die kreierende Wirkung der Sprache nutzen könnte, wenn wir nur die männlichen Formen verwenden, aber scheinbar die Personen anderer Geschlechter wortlos mit meinen.

Wenn wir nun also diese konstruierten Teile der Rollenbilder aufbrechen und so das Lernverhalten junger Menschen und ihrer Selbstwahrnehmung zum Positiven beeinflussen, könnten wir davon ausgehen, dass zum Beispiel die Aggressivität, die durch ein männliches Rollenbild suggeriert wird, gesenkt würde.

Das umfasst natürlich nicht alle Delikte, da es wie oben genannt noch viele andere Beeinträchtigungen des Individuums in der Entwicklung gibt, doch wir könnten davon ausgehen, dass zumindest der kulturelle soziale Teil abnimmt, der unter Umständen das Fass zum Überlaufen bringen könnte.

Daher könnte man ohne Probleme und Polemik sagen, dass in der Vergangenheit begangene Straftaten durch aufgeweichte Rollenbilder wohl nicht so stattgefunden hätten.

Ist das Ideologisch?
Natürlich! Genauso wie zu behaupten, dass das geschlechtliche Rollenbild nur genetisch beeinflusst wird, dass die Täter mit höheren Jugendstrafen anders handeln würden oder dass durch ein erweitertes Waffenrecht nur die Möglichkeit zur Selbstverteidigung erweitert und nicht missbraucht werden würde.
Einen eindeutigen Beweis haben wir in der Gesellschaft nie.
Wir haben nur Theorien und Modelle.

Das Problem bei den anderen Beispielen ist, unabhängig ob man daran glaubt oder nicht, dass die Befürchtungen der Kritiker und Kritikerinnen Leben zerstören könnten.
Doch was würde passieren, wenn die Aufweichung von Rollendenken oder der Anpassung von Sprache nicht funktionieren und wir es trotzdem tun? Naja, wir würden unsere Sprache ein wenig anders verwenden als bisher üblich, in neuen Kinderbüchern würde der Papa und nicht die Mama kochen, das kleine Pinguinküken würde bei Papa und Papa aufwachsen und Mädchen würden mit Autos spielen.

Die Vermeidung des generischen Maskulinums bringt keinen Nachteil (außer für Menschen, die sich als Männer fühlen und ihren, durch die Sprache ausgedrückten höheren Status in der Kultur und den Köpfen nicht verlieren wollen) und schaden nach meinen Erfahrungen auch niemandem körperlich, warum wehren sich dennoch Menschen aggressiv dagegen Alternativen zu verwenden, obwohl diese (unter den oben erläuterten Umständen) vielleicht sogar Leben schützen könnten.

Diese Gedanken stecken in Überlegungen, aus aktuellen und medienwirksamen Fällen zu lernen.

Wer diese oben erläuterten Schlussfolgerungen noch einmal aus einer anderen Perspektive am aktuellen Fall Tuğçe nachvollziehen möchte, kann auch hier noch einmal nachlesen.

Moralische Ansichten werden immer aus Enttäuschungen geboren!
Lernen wir aus dieser!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Wie grammatikalische Formen zu Mördern werden können

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s