Das gefährliche Missverständnis der Bibel- und Koraninterpretation

Schon häufig spielte ich darauf an, dass es im Islam keine einzig wahre Lehrmeinung gibt. Wie ist das gemeint?

Betrachten wir zunächst die uns wahrscheinlich bekanntere christliche Kirche. Hier ist uns eine weite Pluralität aus verschiedenen Konfessionen und Riten bekannt. Wichtig für all diese Konfessionen ist, dass es an oberster Stelle eine Institution gibt, die am Ende sagt, wie die geleiteten Bahnen aussehen.
Man könnte sagen, wir haben heute eine Situation wie mit den Grundrechten. Es gibt auch in den Kirchen einen Meinungspluralismus, doch diese Meinung ist beschränkt auf einen bestimmten Rahmen, der von einer Institution vorgegeben wird.
Das ist auf der einen Seite ein praktisches Werkzeug, weil bestimmte menschenverachtende Meinungen ausgeschlossen werden können. Wenn nun also eine rückwärtsgewandte Bruderschaft, wie die Priesterbruderschaft St. Pius X., der Meinung ist, sie möchten die Bibel und die katholische Tradition in einer sehr konservativen, speziellen Weise auslegen, hat die katholische Kirche die Option zu sagen: „Die gehören nicht mehr zu uns./ Das entspricht nicht unseren Ansichten./ Sie sind offiziell nicht mehr katholisch.“ Schön.
Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass die Anpassung an die moderne Realität zwangsweise eine gewisse Zeit braucht, um im gelebten christlichen Glauben ankommen zu können. Wenn jetzt zum Beispiel ein Martin Luther sagt, dass ihm der Ablasshandel im Sinne der Nächstenliebe nicht so gefällt, dauert es um die 30 Jahre, bis die katholische Kirche im Konzil von Trient darauf reagieren kann.
Das ist leider ein sehr altes und überspitztes Beispiel, doch wohl den meisten Lesenden hier bekannt.

Mein Dozent für christliche Sozialethik sagte einmal treffend im Wortlaut:
„Die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen bemerken ein Problem mit ca. 10- 15 Monaten Verzögerung. Die Wissenschaft erreicht das Problem mit ein paar Jahren Verzögerung. In der Lokalpolitik sollte man mit einer Verzögerung von ca. 10- 15 Jahren rechnen. Die Kirche bekommt dann noch danach etwas davon mit.“
Diese Formulierung trifft es, wie ich finde, sehr treffend. Ein Beispiel dafür wäre zum Beispiel die Wahrnehmung von Sexualität, während für die Mehrheit der Menschen in Deutschland die Pluralität von Geschlechtern wahrscheinlich schon gelebt und selten hinterfragt wird (vereinzelte, sehr konservative Minderheiten ausgenommen), wurde sie von der Wissenschaft gerade erst nachgewiesen. In der Politik denkt man so langsam darüber nach, wie man den Alltag an diese wissenschaftliche Erkenntnis anpassen könne. Die Kirche eiert noch irgendwo bei dem Thema Homosexualität herum, was für die Menschen zu Beginn der Kette wahrscheinlich mehrheitlich überhaupt kein Problem mehr darstellt.
Diese Erkenntnis hat seine Vor- und seine Nachteile, muss aber in jedem Fall hingenommen werden.

Wichtig ist, dass in den christlichen Kirchen jede Obrigkeit nur für sich selbst und nicht für die gesamte Christenheit spricht. Natürlich kann auch jemand Christ*in sein, der oder die nicht im Sinne irgendeiner der Institutionen,aber trotzdem an die christliche Religion glaubt.

Im folgenden werde ich einige Situationen aus der katholischen Kirche erläutern.

In der Auslegung der Bibel, duldet die Katholische Kirche weniger Spielraum. Sie veröffentlichte im Zuge des Vaticanum II das „Dei verbum“, welches wahrscheinlich mindestens jedem gläubigen Katholiken oder jeder gläubigen Katholikin bekannt sein sollte.
Hier wird für jedem oder jeder Gläubige*n genau formuliert, wie die Heilige Schrift interpretiert werden sollte.
Sogar die Bibelübersetzung legt die Katholische Kirche für eine kanonische¹ Interpretation fest. Als letzte Instanz gilt die Vulgata für theologische Arbeiten, auch wenn sich hier die Institution der Katholischen Kirche in den letzten Jahren sehr radikal auch der Arbeit mit anderen historischen Quellen des Textes öffnet.


Ganz anders sieht die Situation im Islam aus.
Es gibt keine obere Instanz, die eine Richtschnur vorgibt. Es gibt kein kodifiziertes Recht, wie den Codex. Nein, es geht sogar so weit, dass unser Turkologie- Dozent immer wieder beteuert, dass ein kodifiziertes Recht niemals islamisches Recht sein kann.
Es gibt eine Vielzahl von Rechtsurteilen, die sich an in der zeitgemäßen Auslegung von Koran und Sunna richten und die weit gefasst die Šarīʿa bezeichnet werden könnten. Bei einem Rechtsurteil muss je nach Schule diese ganze Tradition durchdacht oder streng mitgedacht und in die aktuelle Zeit ausgelegt werden.

Diese Rechtsurteile beziehen sich jedoch immer nur auf einen bestimmten Adressat*innenkreis und auf eine bestimmte Zeit und sind nicht allgemeingültig.

Wichtig ist, dass es anders als im Christentum keine Institution gibt, die allgemeingültige Interpretationen oder Lebensweisen des Islam vorgibt oder für kanonisch erklärt.

Dieser Meinungspluralismus betrifft auch grundlegende Bereiche wie den Koran selbst oder die Aḥādīṯ.

Vom Koran sind in der sunnitischen Tradition von den islamischen Gelehrt*innen allein sieben verschiedene Lesarten anerkannt. Diese verschiedenen Lesarten betreffen vor allem die Vokalisation (in semitischen Sprachen (Bsp: Arabisch, Hebräisch) werden Vokale nicht geschrieben, sie wurden sowohl im ersten Testament, als auch für den Koran erst im Nachhinein in Form von Hilfszeichen hinzugefügt, wodurch sich Wortbedeutungen ändern können) der Texte und sind in der Deutung vollkommen gleichwertig.
Eine andere Situation betrifft die Aḥādīṯ, hier haben sich unterschiedliche Traditionen, diese Quellen wahrzunehmen, herausgebildet. Einige Deutungsmöglichkeiten entscheiden sich für Quali- andere für Quantität der Quellen.

Auch die Auslegung dieser Quellen ist nicht festgelegt, hier können wir von außen nur über Mehrheiten in der Praxis und Stellung der Autor*innen in der islamischen Welt auf die gelebte Religion rückschließen. Eine wörtliche Auslegung, die zwar eine Interpretation in die heutige Zeit unmöglich macht, ist genauso möglich, wie die von der Mehrheit eher anerkanntere Überlegung einer Interpretation des Wortes Gottes für eine bestimmte Zeit.

Dieser weite Pluralismus ist auf der einen Seite positiv zu bewerten, da der Glaube sich viel eher an der gelebten Religion orientieren kann. Eine Reformation wie die von Herrn Luther ist hier nicht nötig, wenn einem oder einer Gläubigen ein Misstand auffällt, kann er oder sie die Änderung einfach selbst leben und muss dafür nicht dringend den Schritt über die Wissenschaft oder die Obrigkeit gehen (um eine größere Gruppe von diesem Ändern zu überzeugen, kann es dennoch von Vorteil sein). Zumindest in der Theorie, dass hier ab und zu auch gesellschaftliche Zwänge in den Weg kommen sei für die Theorie dahingestellt, denn hier kommen wir auch schon zu dem negativen Aspekt.
Wenn es jetzt radikale konservative Gruppen oder Gelehrte gibt, gibt es anders als in der katholische Kirche im Islam keine Option sie als nicht Islamisch zu bezeichnen oder sie auszuschließen. Zwar kann ein Gelehrter oder eine Gelehrte einen Rechtsspruch, ein Fatwā, aussprechen, doch gilt dies natürlich wieder nur für einen bestimmten Adressat*innenkreis und ist schwer durchzusetzen, wenn sie nicht mit staatlichen Gesetzen übereinstimmt. Wie bei vielen religiösen Gesetzen ist auch hier die Wirkung abhängig vom Verhältnis zwischen Autor*in und Adressat*in. Wenn der oder die Adressat*in nicht an die Autorität der oder des Urteilenden glaubt, ist ein solcher Rechtsspruch schnell nicht mehr, als ein Blatt Papier.

Eine dem Christentum ähnliche Praxis des Folgens einer bestimmten Lehrmeinung gibt es im Islam auch, sie nennt sich Taqlid. Auch diese Praxis hat Vor- und Nachteile.

Sowohl die negativen als auch die positiven Aspekte des uneingeschränkten Pluralismus gehören zum Islam.


Festzuhalten bleibt die institutionelle Manifestation der Religionen sind sehr unterschiedlich.
Beide Wege haben Vor- und Nachteile. Sicherlich liegt uns der eine Weg, wegen seiner großen kulturellen Ähnlichkeit etwas näher als der andere, doch von allgemein besser oder allgemein schlechter zu sprechen, ist eher subjektiv.

Eine wörtliche Auslegung beziehungsweise eine Auslegung ohne historische Kontextualisierung der Schriften ist in beiden Religionen eher eine radikale Minderheitenmeinung.


¹ Interpretationen im Sinne der katholischen Kirche werden als kanonisch ( latein. canon „Norm, Regel“) bezeichnet.
Das sich daraus ableitende Gesetzbuch ist der Codex Iuris Canonici (kurz CIC oder nur Codex).

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