Rassismus im Wandel der Zeiten

Dieser Artikel soll weder Menschen bloßstellen noch werten. Er soll auch keine Menschen mit Strömungen, wie dem Nationalsozialismus gleichsetzen, die häufig mit Rassismus assoziiert werden. Rassismus findet sich in allen politischen Strömungen und Perspektiven an und ich würde fast behaupten, auch in jedem von uns unterschiedlich stark ausgeprägt. Rassismus findet sich bei Grünen, bei Linken, bei Konservativen, bei Liberalen. Alice Schwarzer und Frank Plasberg zeigen uns in jüngster Zeit mit Nachdruck, dass nicht einmal Feministinnen und Journalisten davon befreit sind. Dieser Text soll lediglich klären, welche Ideologien aus heutiger Sicht unter den Begriff Rassismus fallen. Ich halte es für eine sehr wichtige Aufgabe Rassismus bei uns selbst und bei anderen zu erkennen und zu benennen, in einer Zeit, in der der, in unseren Kulturen fest etablierte Rassismus zum Tod von tausenden von Menschen geführt hat und führt. Um dieses Phänomen erkennen und benennen zu können (die Notwendigkeit dieses Handels erläutere ich hier), müssen wir allerdings erst wissen, was Rassismus ist.

Häufig wird Rassismus lediglich mit den Rassentheorien des 20. Jahrhunderts assoziiert. Rassismus wird dann nur mit der, von der Biologie inzwischen für nicht haltbar erklärten, Vorstellung gleichgesetzt, dass der Mensch verschiedene Arten, beziehungsweise „Rassen“ ausgebildet habe, einige Rassen grundsätzlich andere Eigenschaften hätten als die anderen Rassen, diese Eigenschaften mit der Optik verknüpft wären und einige Menschengruppen dann auch noch Anderen, aufgrund ihrer innerhalb der Gruppe ähnlichen Genetik, überlegen wären.
Ein wichtiger Punkt für diese Vorstellung ist also, dass die Zuordnung eines Individuums zu einer scheinbar biologischen ‚Rasse‘ als Hauptfaktor für die Handlungen und das Wesen der Person gesehen werden.
Eine Vermischung der Rassen wird als prinzipiell negativ gedeutet und zur Zeit des Nationalsozialismus mit dem Begriff der ‚Rassenschande‘ belegt.

Nach der Zeit des Nationalsozialismus ist das Phänomen des Rassismus nicht ausgestorben. Es wurden neue Wege gefunden, die Vorstellungen von übergeordneten Gruppen, die über das Wesen des Individuums entscheiden, zu erklären. Wieder wurde die Ideologie genommen und versucht pseudowissenschaftliche Begründungen für existierende Furcht und den Hass auf das Fremde zu suchen. Es gibt wohl kein besseres Beispiel dafür, wie menschenfeindliche Ideologien, die konträr zum wissenschaftlichen Konsens stehen, vor dem Aussterben bewahrt werden können, wenn ihre Sprache an den populären Zeitgeist angepasst wird. Nachdem der Rassismus der Rassentheorie weitestgehend verpönt war, nahm man die Ideologie und verkleidete sie mit neuen Begriffen. Diesen Vorgang hat Adorno wie folgt beschrieben:

„Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“

Spätestens im 21. Jahrhundert wird mit Thilo Sarrazin dieser Rassismus, der auch Kulturrassismus oder Rassismus ohne Rassen genannt wird, in Deutschland populär. Die Vorgehensweise bleibt die Gleiche. Es gibt die Vorstellung von abgeschlossenen Menschengruppen, die in ihren Eigenschaften gleich sind und die nicht kompatibel miteinander sind. Das Individuum wird zu einem wesentlichen Teil in seinem Handeln und in seinen Eigenschaften durch seine Zuordnung zu einer konstruierten Menschengruppe beeinflusst. Es kommt zu einer sogenannten Pseudospeziation (Scheinartbildung), die übersieht, dass sich Menschengruppen nie abgeschlossen voneinander bildeten und immer im mehr oder weniger großen Austausch miteinander standen. Dieses feste Weltbild wird im Nachhinein pseudowissenschaftlich untermauert. Sogar die Vorstellung der Rassenschande, beziehungsweise die Vorstellung der Schädlichkeit jeder Vermischung der Rassen, hat den Nationalsozialismus überlebt, was der Philosoph Étienne Balibar schon im Jahr 1990 wie folgt beschrieb: 

„Idiologisch gehört der gegenwärtige Rassismus, der sich bei uns um den Komplex der Immigration herum ausgebildet hat, in den Zusammenhang eines ‹‹Rassismus ohne Rassen›› […]: eines Rassismus, dessen vorherrschendes Thema nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit kultureller Differenzen ist;  eines Rassismus, der – jedenfalls auf den ersten Blick – nicht mehr die Überlegenheit bestimmter Gruppen oder Völker über andere postuliert, sondern sich darauf ››beschränkt‹‹, die Schädlichkeit jeder Grenzverwischung und die Unvereinbarkeit der Lebensweisheiten und Traditionen zu behaupten. Diese Art von Rassismus ist zu Recht als ein differentialistischer Rassismus bezeichnet worden.“

Wir sehen, dass die Ideologie die Gleiche geblieben ist, allein die Begrifflichkeiten haben sich geändert. Während es heute absurd scheint von biologischen Rassen, von einer arischen Rasse oder von einer jüdischen Rasse zu sprechen, ist es populär von einer orientalischen, einer muslimischen oder einer abendländischen Kultur zu sprechen, wobei dieser Kulturbegriff in erster Linie die gleiche Bedeutung hat und ähnlich absurd verwendet wird. Der Mensch konstruiert das Bild über diese Gruppen in seinem Kopf nach den Aspekten, die er betrachten möchte und für richtig hält. Im Nachhinein versucht er diese dann pseudowissenschaftlich zu begründen. Der Begriff des Rassenkampfes wird als „Kampf der Kulturen“ gedeutet. Darwin wird an Stellen weiter gesponnen, an denen er sich selbst wohl nie gesehen hätte, denn Sozialdarwinismus soll er mit folgenden Worten selbst ausgeschlossen haben:

„Falls die natürliche Selektion auf das menschliche Zusammenleben [also auch auf Kulturen] übertragbar wäre, wäre Napoleon im Recht gewesen, und jeder betrügerische Händler mit Erfolg wäre das auch. „

Im übrigen gibt es auch einen positiven Rassismus, der meiner Meinung nach häufig unterschätzt wird, obwohl er die gleichen Strukturen, wie jede andere Form des Rassismus bedient. „Die Chines*innen sind so freundlich“ , „die Italiener*innen sind offen“  und „die Deutschen sind pünktlich“  setzen auch eine Pseudospeziation voraus. Auch wenn niemand abstreiten mag, dass es zu regionalen Häufungen von bestimmten kulturellen Phänomenen kommen kann, verstecken auch diese rassistischen Formulierungen das Individuum hinter der Vereinheitlichung einer konstruierten Scheinart. Zusätzlich kann auch aus positivem Rassismus negativer oder chauvinistischer Rassismus werden. Dazu kann es kommen, wenn ein positiver Rassismus einige Scheinarten über Andere stellt.

Dieser (Kultur)rassismus hat spätestens mit der Bewegung der ‚Neuen Rechten‘ wieder eine Weiterentwicklung erhalten: den Ethnopluralismus. In der Bezeichnung dieser Strömung stecken zwei Wörter, Ethno (altgriechisch éthnos „[fremdes] Volk, Volkszugehörige“) und Pluralismus. Pluralismus bezeichnet erstmal den Wert einer Gesellschaft, die Pluralität positiv aufzunehmen. Dieser Wohlwollen gegenüber der Pluralität wird allerdings eingeschränkt durch das erste Wort. Nicht die Vorstellung der Pluralität des Individuums wird begrüßt, wie es unsere Verfassung oder die Menschenrechte vorsehen, sondern die Vorstellung der Pluralität der Ethnien. Nicht in der Verschiedenheit der Individuen liegt der Wert, sondern in der Verschiedenheit der abgeschlossenen Gruppen oder auch Scheinarten. In der Vorstellung des Ethnopluralismus ist es also positiv, dass es verschiedene Scheinarten gibt, so lange diese und damit ihre angenommenen Angehörigen an ihrem angestammten Platz bleiben. Diese Vorstellung gab es auch schon von einigen Vertreter*innen der Rassentheorie und begründet den radikalen Nationalismus. Die Vielfalt der Rassen ist beizubehalten, alle jedoch an ihrem‘ angestammten’Platz. Eine Vermischung der Rassen wird auch im Ethnopluralismus als nicht praktikabel und damit negativ  wahrgenommen. Die suggerierte Andersartigkeit des über die Scheinart konstruierten Fremden, wird positiv aufgefasst, eine Vermischung wird jedoch ausgeschlossen.

Auf eine immer wieder wichtige Sonderform des Rassismus soll noch kurz eingegangen werden: der Orientalismus.
Häufig ist der Orient eine konstruierte ‚fremde Scheinart‘, die sich im europäischen und amerikanischen Raum feststellen lässt. ‚Der orientalische Raum‘ hat damals wie heute die Aufgabe einen bloßen Gegenentwurf zum Westen darzustellen. Kulturen aus diesem undefinierten Raum, unterstehen dem grundlegenden Vorurteil, dass der Orient überall zu jeder Zeit gleich gewesen wäre. Es gibt die Vorstellung, dass der Westen aus vielen Kulturen besteht und dass es in diesen Kulturen des Westens seit dem Mittelalter eine Entwicklung und Fortschritt gegeben hätte. ‚Der Orient‘ jedoch wäre als eine Kultur, von der Türkei bis nach Indien, immer auf dem gleichen Stand geblieben. Der Gedanke, dass ‚der Orient‘ ein Konstrukt ist, dass aus vielen regional beeinflussten, individuellen Kulturen und Traditionen besteht, konnte sich trotz einiger gesellschaftlicher Bemühungen gegen Rassismus, im kollektiven Gedächtnis und in unseren westlichen Kulturen noch nicht durchsetzen. Doch eine kleine Hilfestellung gibt es für uns, die bemüht sind unseren Rassismus ausfindig zu machen. Edward Said hat Ende des 20. Jahrhunderts vier wesentliche Kriterien aufgeschrieben, mit denen man die klassischen Pauschalisierungen, Vorurteile und Methoden des Orientalismus ausfindig machen kann um zu erkennen, ob wir es mit einer rassistischen Quelle im Dogma des Orientalismus zu tun haben:

  1. Der Orient wird als statisch, unterentwickelt, irrational und damit dem fortschrittlichen, modernen, rationalen und aufgeklärten Westen unterlegen dargestellt.
    Beispiel: „Die leben im Vergleich zu uns doch im Mittelalter.“, „Die müssen sich halt noch entwickeln wie wir.“
  2. Beim scheinbaren Beleg wird eine Abstraktion dem konkreten, realitätsnahen Fallbeispiel vorgezogen
    Beispiel: Abstraktion: „Dort sind die Frauen halt nichts wert“; realitätsnahes Fallbeispiel:  „‚Ḫürrem Sulṭān‘ (Frau des Sultans im osmanischen Reich) konnte direkt politischen Einfluss nehmen.“ [Es ließen sich zur Thematik ‚Situation der Frau im Nahen Osten‘ mit ziemlicher Gewissheit auch realitätsnahe, negative Fallbeispiele finden. Dieses war mir nur aus persönlichen Gründen gerade präsent.]
  3. Die Überzeugung Orientalen wären nicht fähig zur Selbstreflexion und die daraus resultierende mangelnde Befähigung zur Selbstrepräsentation, die den Westen befähigt für die Orientalen zu sprechen und so den universellen Herrschaftsanspruch des Westens festigt.
    Beispiel: Jeder Selbstversuch eine Burka zu tragen oder von Außenstehenden eine Diskussion über die religiöse Notwendigkeit der Burka zu führen. Auch die Ignoranz, verhüllte Musliminnen in der Diskussion nur teilweise bis nicht zu beachten.
  4. Die Darstellung des Orients als Hort der Gefahr, der kontrolliert werden müsse.
    Beispiel: Darstellung der Geflüchteten aus dem Orient als in erster Linie potenzielle Terrorist*innen oder andere Gefahren.

Nun liegt es an der Leserin oder am Leser den eigenen Rassismus zu identifizieren und zu reflektieren. Vielleicht gibt es sinnvolle Gründe für Rassismus oder andere  persönliche Deutungen des Begriffs ‚Rassismus‘. Genau diese anderen individuellen Definitionen von Rassismus würden mich interessieren, die nicht alle genannten Punkte abdecken.  Leider sind die Vertreter*innen anderer Rassismus-Definitionen im direkten Gespräch selten kommunikativ gewesen. Es fällt mir häufiger auf, dass Menschen sich bewusst von rassistischen Gruppierungen abgrenzen und im Nachhinein diese gleiche Ideologie massiv unterstützen. An dieser Stelle würde mich persönlich interessieren, wie Rassismus definiert wird, wenn er nicht den oben genannten Aspekten entspricht, beziehungsweise wie die individuelle Abgrenzung von Rassismus vorgenommen wird. Selbstverständlich kann dieser Artikel nur einige Facetten des Rassismus darstellen, die ich für besonders wichtig halte. Als letztes sollte noch angemerkt werden, dass alle genannten Formen des Rassismus parallel zueinander existieren. Auch heute werden Menschen zum Beispiel noch häufig Opfer des ‚racial profiling‘, bei dem der phänotypische Eindruck einen Rückschluss auf Verhaltensweisen und Herkunft eines Menschen erlauben sollen.  Ein Faktor, der zum Beispiel bei Auswertung von Kriminalstatistiken (teilweise werden nur die Angeklagten, nicht die Verurteilten berücksichtigt) beachtet werden muss. Dieses Phänomen kann einem auch im Alltag begegnen, dass Menschen versuchen vom Phänotyp konkrete Thesen über die Herkunft des Menschen abzugeben. Diese Form des Rassismus ist selbstverständlich in die erste Form des Rassismus der Rassentheorie einzuordnen, trotzdem existieren auch diese Formen des Rassismus parallel.

Es wäre nun Zeit für jene, die sich politisch permanent gegen Migration und die Aufnahme von Flüchtenden einsetzen,  Argumente zu finden, die nicht nur allein auf Rassismus beruhen. Wenn sich ohne Rassismus keine Argumente finden ließen, heißt das nicht, dass man von seiner Meinung abrücken muss, jedoch sollte man sich selbst gegenüber so fair sein, sich seinen Rassismus einzugestehen und sich nicht unter dem bürgerlichen Gewand von diesen Strömungen distanzieren.

Enden soll diese Darstellung mit den mutigen und klaren Worten von Dunja Hayali:

„In einem Land, in dem die Meinungsfreiheit so ein hohes Gut ist, darf und muss jeder seine Sorgen und seine Ängste äußern können, ohne gleich in die rechte Nazi-Ecke gestellt zu werden. Aber: Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt nochmal ein Rassist“

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Hurra wir erben… Krieg – Warum die Alten uns Jungen die Zukunft verbauen

Wenn man die Geschichte der Progressiven und Linksliberalen zur Zeit betrachtet, könnte man auf die Idee kommen, dass Links sein und die Vorstellung, die Welt grundlegend verbessern zu wollen, etwas Jugendliches und Naives ist. Etwas, aus dem man im Alter schon noch herauswächst. Es wirkt als wäre es ein natürlicher Alterungsprozess, eines Tages zur Besinnung zu kommen und einzusehen, dass es doch besser ist, alles beim Alten zu lassen.

Und trotzdem behauptete Gesine Schwan in einem Interview mit Jakob Augstein einmal, dass man überhaupt erst ihr Alter erreicht haben müsse um von sich behaupten zu können, die Welt verbessern zu wollen, ohne dabei naiv zu klingen. Ein schöner, motivierender und sinnvoller Satz – und trotzdem klingt dieser Satz nach einem Widerspruch.

Die Frage ist: wie viele Personen aus der Generation um Gesine Schwan wollen noch die Welt verbessern?

Vielleicht wollten die Grünen irgendwann mal die Welt verbessern. Das muss vor der Zeit gewesen sein, zu der ich mich für Politik interessierte. So lange ein Boris Palmer ohne tiefergehenden Widerspruch aus der eigenen Partei Flüchtende vereinfachend für alles verantwortlich machen und rassistisch pauschalisieren kann, kann ihr nicht viel an einer nachhaltigen Verbesserung der Welt liegen. Was, wenn ich einmal flüchten muss und andere Gesellschaften richten sich nach den Normen eines Boris Palmer?

Die SPD… Die SPD? Muss auch vor meiner Zeit an eine bessere Welt geglaubt haben. Immerhin, die bereits erwähnte Gesine Schwan kämpft in Talkshows fleißig gegen Rassismus und Vereinfachungen, in der Partei kommt davon allerdings scheinbar wenig an.

Die Piraten haben von der Realpolitik desillusioniert das Handtuch geworfen.

Und die Linke? Sahra Wagenknecht versteht Jakob Augsteins sinnvolle Forderung nach einem linken Populismus falsch und greift die Rhetorik des rechten Populismus auf. Nicht nur die Rhetorik, auch die gauländische Marketingstrategie wird übernommen. Im Nachhinein war natürlich alles ganz anders gemeint. Der Grat wird ausgelotet, mit dem genug Rechte auch mal herüber schielen, die Aussagen vor der linken Stammwählerschaft aber wieder relativiert werden können. Man hätte eine fehlgeschlagene Sicherheitspolitik kritisieren können, man hätte eine verfehlte Außenpolitik kritisieren können, man hätte den Mangel des Sozialstaates als große Ursache kritisieren können: was tut die sonstige Wortakrobatin Wagenknecht? Sie kritisiert eine der wenigen richtigen Entscheidungen in der politischen Karriere der Kanzlerin, Flüchtende nicht mit Gewalt von ihrer Sicherheit abzuhalten. Das alles nachdem Frau Wagenknecht schon einmal versucht hatte, die Menschen in „eigene Gruppe“ und „fremde Gruppe“, in Anwohner*innen und Gäst*innen, in ‚Normal‘ und ‚Anders‘ zu unterteilen. Natürlich, der Ausschluss von Flüchtenden aus unseren Sozialsystemen könnte kurzfristig das Leben einiger Deutschen verbessern, doch zu welchem langfristigen Preis? Die Praxis, Menschen, die „anders“ oder „fremd“ wirken, als Gefahr für die Mehrheitsgesellschaft zu stilisieren, global als üblich zu etablieren, kann auch für mich in Zukunft gefährlich werden. Was, wenn andere Gesellschaften, in die ich später einwandern möchte, sich diese Praxis abschauen? Was, wenn ich einmal als „anders“ in dieser Gesellschaft wahrgenommen werde? Haben wir nicht genug Beweise, dass Gruppen oder Gesellschaften mit mehr „Input“ sich besser entwickeln als stagnierende Gesellschaften, die unter sich bleiben? Züchten wir uns mit der Ablehnung von Kulturen, die wir als ‚fremd‘ wahrnehmen und dem Weiterführen rassistischer Denkmuster nicht im Endeffekt nur mehr Feindschaften heran?

Nicht nur die AfD, sondern auch Lutz Herden vom „Freitag“ springt ihr heldenhaft apologetisch zur Seite. Es sei nur Realpolitik: eine „unbefangene […] Bestandsaufnahme“. Klingt erschreckend nach dem politischen Superhit „Wir müssen den Rassismus (beziehungsweise euphemistisch ‚die Sorgen‘) der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen und deshalb eine rassistische Politik betreiben,“ der im letzten Jahr rauf- und runtergespielt wurde.

Ein paar Wochen später empfiehlt uns dann auch Jakob Augstein eine starke Vereinfachung als Mittel zur Symptomlinderung. Er rät uns in der wiederkehrenden Diskussion um den Doppelpass zu einer vereinfachten Denkweise, nach der möglicherweise durch den Rückschritt zum Alten wieder kurzfristig Probleme gelöst werden könnten, langfristig allerdings nur mehr Feindschaften gezüchtet werden. Kaum kommen nationalistische und faschistoide Strömungen aus dem Ausland, geht es scheinbar sogar bei Augstein nicht mehr darum, Pauschalisierungen zu dekonstruieren und die Pluralität individueller Identitäten sichtbar zu machen. Nach der Mentalität „früher war es besser“ (falls das kein einmaliger Ausrutscher war, sollte Augsteins Spiegel-Kolumne vielleicht bald den Namen „Im Zweifel auf dem alten Weg“ tragen) wird eine verspätete Einsicht inszeniert. Wenn man nur die doppelte Staatsbürgerschaft wieder abschaffen würde, wäre alles wieder gut. Personen könnten einwandfrei integriert (wohl eher im Sinne von assimiliert als von gleichberechtigter Teilhabe) und geformt werden.

Wieder sind die, die die Welt verbessern und in ihrer Kompliziertheit akzeptieren und mit dieser arbeiten wollen die Naiven. Sie sind die Unbelehrbaren. Wagenknecht, die Grünen und die Aussagen Augsteins scheinen den Konservativen zu beweisen, dass das Rückwärtsbesinnen etwas mit Realismus, Rationalität und dem geerdeten Alter zu tun habe.

Beifall gibt es von der CDU. Menschen können nicht bunt sein. Sie müssen sich entscheiden: Schwarz-Rot-Gold oder Rot-Weiß. Kurzfristige Vereinfachung für einige wenige statt Anstrengung, die langfristig allen ein besseres Leben ermöglicht. Binärer Reduktionismus statt Diskurs. Loyalität ist nicht teilbar. Damit steht Augstein nicht allein: schon zuvor forderte Rainer Haubrich in der „Welt“, dass die „Türken“ in Deutschland ihre Loyalität klären müssten und die Band Culcha Candela (in ihrer Jugend Weltverbesserer im positiven Sinne dieses Artikels) fordert „Mitbürger“ (Ja, keine Bürger, keine Bürgerinnen, sondern nur Mit-Bürger: die Beilage zum Hauptgericht) mit türkischen Wurzeln auf, sich zu fragen, ob ihre Loyalität Erdoğan oder „der Bundesrepublik“ gilt.

Fehlt das Vertrauen in unsere Werte? Vertraut man nicht darauf, dass Werte wie Demokratie, Pluralismus, Bereitschaft zu Diskurs und Kompromiss auch von Menschen verstanden werden und nachhaltig von sich überzeugen können? Kann man nicht davon ausgehen, dass eben jene Türk*innen, die auch Teil der deutschen Bevölkerung sind, so wahrgenommen werden und diese Werte auf Augenhöhe mitformen, diese Werte dann auch in der Türkei leben? Auch in ihrer türkischen Identität leben könnten? Was, wenn ich einmal in ein anderes Land ziehen und mich augenblicklich zur Loyalität mit diesem und dessen Staatsideologie bekennen muss? Spricht man mir dann nicht meine demokratischen Rechte zur Teilhabe an beiden Gesellschaften ab?

In jedem Fall wird uns klar sein, dass diese eingeforderten einseitigen Assimilationsbestrebungen türkische Nationalist*innen nicht weniger nationalistisch werden lässt. Vielleicht ließen sich einige Konflikte damit für ein paar Jahre unter den Teppich kehren, auf meine Generation werden sie dafür jedoch noch verstärkt zurückschlagen.

Ist es nun naiv in der Jugend die Welt verbessern zu wollen oder ist es unmenschlich, wenn Menschen mit zunehmenden Alter eher kurzfristig Symptome behandeln wollen?

Ich denke weder noch, die rationalen Interessen verändern sich einfach. Da ich hoffentlich auf dieser Erde noch mehr Zeit verbringen darf, als ich bis jetzt gelebt habe, lohnt sich für mich die Anstrengung, die Welt grundlegend zu verändern. Mich dafür einzusetzen, dass Ungleichheiten und Diskriminierungen in Normen abgebaut werden (die auch mich selbst einmal betreffen könnten), scheint sich rational für mich zu lohnen.

Für eine Person, die schon länger lebt, als sie wahrscheinlich noch leben wird, gibt es kaum rationale Gründe, so in die Zukunft zu denken. Ein kurzfristiges Vorteilsdenken mit wenig Aufwand scheint hier aus einer egoistischen Perspektive interessanter zu sein, zumindest bis keine anderen egoistischen Geninteressen (eigene Kinder, Kinder von nahen Verwandten) diese Parameter verändern.

Nun sollte man sich die Frage stellen, ob man diese unterschiedlichen rationalen Interessen im Spiegel der demografischen Entwicklung politisch ausgleichen muss. Ideen wären, das Wahlalter herabzusetzen oder so etwas wie einen Rat der Jüngeren zu bilden, doch wäre gerade der zweite Vorschlag gerecht? Warum sollte unser Leben (oder das der noch Jüngeren) mehr wert sein als das Leben einer Sechzigjährigen? Wir leben in einer Demokratie und daher müssen wir damit leben, dass verschiedene Menschen verschiedene Interessen vertreten. Für einige ist nun einmal die kurzfristige Symptombekämpfung von größerem Interesse als eine grundsätzliche Weltverbesserung. Es scheint daher auch kein Wunder zu sein, dass ältere Menschen den Jungen den Brexit und damit wieder mehr langfristige Unsicherheit in Europa beschert haben. Es scheint auch nicht verwunderlich, dass sich bei mir langsam das Vorurteil manifestiert, mit einer erschreckend größeren Zahl an Vertreter*innen bestimmter Altersgruppen nicht mehr über Politik reden zu brauchen. Lange schob ich diese subjektive Wahrnehmung auf den geringeren zeitlichen Abstand der Gesprächspartner*innen zum Nationalsozialismus, was sicherlich auch ein Faktor ist, der jedoch noch durch den Faktor dieser unterschiedlichen Interessen zumindest verstärkt wird.

Die Wahrung dieser anderen Interessen ist durchaus legitim, doch muss man sich bewusst werden, was kurzfristige Symptombehandlungen wie zwanghafte Assimilation, aufgedrängter Patriotismus, nicht diskutierte Werte, die Diskriminierung bestimmter Religionen und Gruppen, das Ausspielen von Schwachen gegen noch Schwächere, der Austritt aus Gemeinschaften und die Unterbindung der Einwanderung in der Vergangenheit bewirkt haben und was es für die Zukunft bringen wird… Schwierig wird es natürlich, wenn die rationalen Bestrebungen zur Verbesserung der Welt von den Alten als naiv belächelt werden oder die konservativen Gedanken als Egoismus stigmatisiert werden. Wir Jungen müssen uns, wie auch die Beteiligung beim Brexit zeigt, wesentlich stärker für unsere Interessen einsetzen. Die Demokratie muss hier im Diskurs für einen Kompromiss zwischen den Interessen der Generationen sorgen.

Es ist legitim, dass ihr auf Kosten der Generationen nach euch leben wollt, doch seid euch dessen bewusst und lebt im Dialog mit dieser.

Hurra wir erben… das, was ihr uns hinterlasst.