Rassismus im Wandel der Zeiten

Dieser Artikel soll weder Menschen bloßstellen noch werten. Er soll auch keine Menschen mit Strömungen, wie dem Nationalsozialismus gleichsetzen, die häufig mit Rassismus assoziiert werden. Rassismus findet sich in allen politischen Strömungen und Perspektiven an und ich würde fast behaupten, auch in jedem von uns unterschiedlich stark ausgeprägt. Rassismus findet sich bei Grünen, bei Linken, bei Konservativen, bei Liberalen. Alice Schwarzer und Frank Plasberg zeigen uns in jüngster Zeit mit Nachdruck, dass nicht einmal Feministinnen und Journalisten davon befreit sind. Dieser Text soll lediglich klären, welche Ideologien aus heutiger Sicht unter den Begriff Rassismus fallen. Ich halte es für eine sehr wichtige Aufgabe Rassismus bei uns selbst und bei anderen zu erkennen und zu benennen, in einer Zeit, in der der, in unseren Kulturen fest etablierte Rassismus zum Tod von tausenden von Menschen geführt hat und führt. Um dieses Phänomen erkennen und benennen zu können (die Notwendigkeit dieses Handels erläutere ich hier), müssen wir allerdings erst wissen, was Rassismus ist.

Häufig wird Rassismus lediglich mit den Rassentheorien des 20. Jahrhunderts assoziiert. Rassismus wird dann nur mit der, von der Biologie inzwischen für nicht haltbar erklärten, Vorstellung gleichgesetzt, dass der Mensch verschiedene Arten, beziehungsweise „Rassen“ ausgebildet habe, einige Rassen grundsätzlich andere Eigenschaften hätten als die anderen Rassen, diese Eigenschaften mit der Optik verknüpft wären und einige Menschengruppen dann auch noch Anderen, aufgrund ihrer innerhalb der Gruppe ähnlichen Genetik, überlegen wären.
Ein wichtiger Punkt für diese Vorstellung ist also, dass die Zuordnung eines Individuums zu einer scheinbar biologischen ‚Rasse‘ als Hauptfaktor für die Handlungen und das Wesen der Person gesehen werden.
Eine Vermischung der Rassen wird als prinzipiell negativ gedeutet und zur Zeit des Nationalsozialismus mit dem Begriff der ‚Rassenschande‘ belegt.

Nach der Zeit des Nationalsozialismus ist das Phänomen des Rassismus nicht ausgestorben. Es wurden neue Wege gefunden, die Vorstellungen von übergeordneten Gruppen, die über das Wesen des Individuums entscheiden, zu erklären. Wieder wurde die Ideologie genommen und versucht pseudowissenschaftliche Begründungen für existierende Furcht und den Hass auf das Fremde zu suchen. Es gibt wohl kein besseres Beispiel dafür, wie menschenfeindliche Ideologien, die konträr zum wissenschaftlichen Konsens stehen, vor dem Aussterben bewahrt werden können, wenn ihre Sprache an den populären Zeitgeist angepasst wird. Nachdem der Rassismus der Rassentheorie weitestgehend verpönt war, nahm man die Ideologie und verkleidete sie mit neuen Begriffen. Diesen Vorgang hat Adorno wie folgt beschrieben:

„Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“

Spätestens im 21. Jahrhundert wird mit Thilo Sarrazin dieser Rassismus, der auch Kulturrassismus oder Rassismus ohne Rassen genannt wird, in Deutschland populär. Die Vorgehensweise bleibt die Gleiche. Es gibt die Vorstellung von abgeschlossenen Menschengruppen, die in ihren Eigenschaften gleich sind und die nicht kompatibel miteinander sind. Das Individuum wird zu einem wesentlichen Teil in seinem Handeln und in seinen Eigenschaften durch seine Zuordnung zu einer konstruierten Menschengruppe beeinflusst. Es kommt zu einer sogenannten Pseudospeziation (Scheinartbildung), die übersieht, dass sich Menschengruppen nie abgeschlossen voneinander bildeten und immer im mehr oder weniger großen Austausch miteinander standen. Dieses feste Weltbild wird im Nachhinein pseudowissenschaftlich untermauert. Sogar die Vorstellung der Rassenschande, beziehungsweise die Vorstellung der Schädlichkeit jeder Vermischung der Rassen, hat den Nationalsozialismus überlebt, was der Philosoph Étienne Balibar schon im Jahr 1990 wie folgt beschrieb: 

„Idiologisch gehört der gegenwärtige Rassismus, der sich bei uns um den Komplex der Immigration herum ausgebildet hat, in den Zusammenhang eines ‹‹Rassismus ohne Rassen›› […]: eines Rassismus, dessen vorherrschendes Thema nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit kultureller Differenzen ist;  eines Rassismus, der – jedenfalls auf den ersten Blick – nicht mehr die Überlegenheit bestimmter Gruppen oder Völker über andere postuliert, sondern sich darauf ››beschränkt‹‹, die Schädlichkeit jeder Grenzverwischung und die Unvereinbarkeit der Lebensweisheiten und Traditionen zu behaupten. Diese Art von Rassismus ist zu Recht als ein differentialistischer Rassismus bezeichnet worden.“

Wir sehen, dass die Ideologie die Gleiche geblieben ist, allein die Begrifflichkeiten haben sich geändert. Während es heute absurd scheint von biologischen Rassen, von einer arischen Rasse oder von einer jüdischen Rasse zu sprechen, ist es populär von einer orientalischen, einer muslimischen oder einer abendländischen Kultur zu sprechen, wobei dieser Kulturbegriff in erster Linie die gleiche Bedeutung hat und ähnlich absurd verwendet wird. Der Mensch konstruiert das Bild über diese Gruppen in seinem Kopf nach den Aspekten, die er betrachten möchte und für richtig hält. Im Nachhinein versucht er diese dann pseudowissenschaftlich zu begründen. Der Begriff des Rassenkampfes wird als „Kampf der Kulturen“ gedeutet. Darwin wird an Stellen weiter gesponnen, an denen er sich selbst wohl nie gesehen hätte, denn Sozialdarwinismus soll er mit folgenden Worten selbst ausgeschlossen haben:

„Falls die natürliche Selektion auf das menschliche Zusammenleben [also auch auf Kulturen] übertragbar wäre, wäre Napoleon im Recht gewesen, und jeder betrügerische Händler mit Erfolg wäre das auch. „

Im übrigen gibt es auch einen positiven Rassismus, der meiner Meinung nach häufig unterschätzt wird, obwohl er die gleichen Strukturen, wie jede andere Form des Rassismus bedient. „Die Chines*innen sind so freundlich“ , „die Italiener*innen sind offen“  und „die Deutschen sind pünktlich“  setzen auch eine Pseudospeziation voraus. Auch wenn niemand abstreiten mag, dass es zu regionalen Häufungen von bestimmten kulturellen Phänomenen kommen kann, verstecken auch diese rassistischen Formulierungen das Individuum hinter der Vereinheitlichung einer konstruierten Scheinart. Zusätzlich kann auch aus positivem Rassismus negativer oder chauvinistischer Rassismus werden. Dazu kann es kommen, wenn ein positiver Rassismus einige Scheinarten über Andere stellt.

Dieser (Kultur)rassismus hat spätestens mit der Bewegung der ‚Neuen Rechten‘ wieder eine Weiterentwicklung erhalten: den Ethnopluralismus. In der Bezeichnung dieser Strömung stecken zwei Wörter, Ethno (altgriechisch éthnos „[fremdes] Volk, Volkszugehörige“) und Pluralismus. Pluralismus bezeichnet erstmal den Wert einer Gesellschaft, die Pluralität positiv aufzunehmen. Dieser Wohlwollen gegenüber der Pluralität wird allerdings eingeschränkt durch das erste Wort. Nicht die Vorstellung der Pluralität des Individuums wird begrüßt, wie es unsere Verfassung oder die Menschenrechte vorsehen, sondern die Vorstellung der Pluralität der Ethnien. Nicht in der Verschiedenheit der Individuen liegt der Wert, sondern in der Verschiedenheit der abgeschlossenen Gruppen oder auch Scheinarten. In der Vorstellung des Ethnopluralismus ist es also positiv, dass es verschiedene Scheinarten gibt, so lange diese und damit ihre angenommenen Angehörigen an ihrem angestammten Platz bleiben. Diese Vorstellung gab es auch schon von einigen Vertreter*innen der Rassentheorie und begründet den radikalen Nationalismus. Die Vielfalt der Rassen ist beizubehalten, alle jedoch an ihrem‘ angestammten’Platz. Eine Vermischung der Rassen wird auch im Ethnopluralismus als nicht praktikabel und damit negativ  wahrgenommen. Die suggerierte Andersartigkeit des über die Scheinart konstruierten Fremden, wird positiv aufgefasst, eine Vermischung wird jedoch ausgeschlossen.

Auf eine immer wieder wichtige Sonderform des Rassismus soll noch kurz eingegangen werden: der Orientalismus.
Häufig ist der Orient eine konstruierte ‚fremde Scheinart‘, die sich im europäischen und amerikanischen Raum feststellen lässt. ‚Der orientalische Raum‘ hat damals wie heute die Aufgabe einen bloßen Gegenentwurf zum Westen darzustellen. Kulturen aus diesem undefinierten Raum, unterstehen dem grundlegenden Vorurteil, dass der Orient überall zu jeder Zeit gleich gewesen wäre. Es gibt die Vorstellung, dass der Westen aus vielen Kulturen besteht und dass es in diesen Kulturen des Westens seit dem Mittelalter eine Entwicklung und Fortschritt gegeben hätte. ‚Der Orient‘ jedoch wäre als eine Kultur, von der Türkei bis nach Indien, immer auf dem gleichen Stand geblieben. Der Gedanke, dass ‚der Orient‘ ein Konstrukt ist, dass aus vielen regional beeinflussten, individuellen Kulturen und Traditionen besteht, konnte sich trotz einiger gesellschaftlicher Bemühungen gegen Rassismus, im kollektiven Gedächtnis und in unseren westlichen Kulturen noch nicht durchsetzen. Doch eine kleine Hilfestellung gibt es für uns, die bemüht sind unseren Rassismus ausfindig zu machen. Edward Said hat Ende des 20. Jahrhunderts vier wesentliche Kriterien aufgeschrieben, mit denen man die klassischen Pauschalisierungen, Vorurteile und Methoden des Orientalismus ausfindig machen kann um zu erkennen, ob wir es mit einer rassistischen Quelle im Dogma des Orientalismus zu tun haben:

  1. Der Orient wird als statisch, unterentwickelt, irrational und damit dem fortschrittlichen, modernen, rationalen und aufgeklärten Westen unterlegen dargestellt.
    Beispiel: „Die leben im Vergleich zu uns doch im Mittelalter.“, „Die müssen sich halt noch entwickeln wie wir.“
  2. Beim scheinbaren Beleg wird eine Abstraktion dem konkreten, realitätsnahen Fallbeispiel vorgezogen
    Beispiel: Abstraktion: „Dort sind die Frauen halt nichts wert“; realitätsnahes Fallbeispiel:  „‚Ḫürrem Sulṭān‘ (Frau des Sultans im osmanischen Reich) konnte direkt politischen Einfluss nehmen.“ [Es ließen sich zur Thematik ‚Situation der Frau im Nahen Osten‘ mit ziemlicher Gewissheit auch realitätsnahe, negative Fallbeispiele finden. Dieses war mir nur aus persönlichen Gründen gerade präsent.]
  3. Die Überzeugung Orientalen wären nicht fähig zur Selbstreflexion und die daraus resultierende mangelnde Befähigung zur Selbstrepräsentation, die den Westen befähigt für die Orientalen zu sprechen und so den universellen Herrschaftsanspruch des Westens festigt.
    Beispiel: Jeder Selbstversuch eine Burka zu tragen oder von Außenstehenden eine Diskussion über die religiöse Notwendigkeit der Burka zu führen. Auch die Ignoranz, verhüllte Musliminnen in der Diskussion nur teilweise bis nicht zu beachten.
  4. Die Darstellung des Orients als Hort der Gefahr, der kontrolliert werden müsse.
    Beispiel: Darstellung der Geflüchteten aus dem Orient als in erster Linie potenzielle Terrorist*innen oder andere Gefahren.

Nun liegt es an der Leserin oder am Leser den eigenen Rassismus zu identifizieren und zu reflektieren. Vielleicht gibt es sinnvolle Gründe für Rassismus oder andere  persönliche Deutungen des Begriffs ‚Rassismus‘. Genau diese anderen individuellen Definitionen von Rassismus würden mich interessieren, die nicht alle genannten Punkte abdecken.  Leider sind die Vertreter*innen anderer Rassismus-Definitionen im direkten Gespräch selten kommunikativ gewesen. Es fällt mir häufiger auf, dass Menschen sich bewusst von rassistischen Gruppierungen abgrenzen und im Nachhinein diese gleiche Ideologie massiv unterstützen. An dieser Stelle würde mich persönlich interessieren, wie Rassismus definiert wird, wenn er nicht den oben genannten Aspekten entspricht, beziehungsweise wie die individuelle Abgrenzung von Rassismus vorgenommen wird. Selbstverständlich kann dieser Artikel nur einige Facetten des Rassismus darstellen, die ich für besonders wichtig halte. Als letztes sollte noch angemerkt werden, dass alle genannten Formen des Rassismus parallel zueinander existieren. Auch heute werden Menschen zum Beispiel noch häufig Opfer des ‚racial profiling‘, bei dem der phänotypische Eindruck einen Rückschluss auf Verhaltensweisen und Herkunft eines Menschen erlauben sollen.  Ein Faktor, der zum Beispiel bei Auswertung von Kriminalstatistiken (teilweise werden nur die Angeklagten, nicht die Verurteilten berücksichtigt) beachtet werden muss. Dieses Phänomen kann einem auch im Alltag begegnen, dass Menschen versuchen vom Phänotyp konkrete Thesen über die Herkunft des Menschen abzugeben. Diese Form des Rassismus ist selbstverständlich in die erste Form des Rassismus der Rassentheorie einzuordnen, trotzdem existieren auch diese Formen des Rassismus parallel.

Es wäre nun Zeit für jene, die sich politisch permanent gegen Migration und die Aufnahme von Flüchtenden einsetzen,  Argumente zu finden, die nicht nur allein auf Rassismus beruhen. Wenn sich ohne Rassismus keine Argumente finden ließen, heißt das nicht, dass man von seiner Meinung abrücken muss, jedoch sollte man sich selbst gegenüber so fair sein, sich seinen Rassismus einzugestehen und sich nicht unter dem bürgerlichen Gewand von diesen Strömungen distanzieren.

Enden soll diese Darstellung mit den mutigen und klaren Worten von Dunja Hayali:

„In einem Land, in dem die Meinungsfreiheit so ein hohes Gut ist, darf und muss jeder seine Sorgen und seine Ängste äußern können, ohne gleich in die rechte Nazi-Ecke gestellt zu werden. Aber: Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt nochmal ein Rassist“

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