Are all cops Bastards?

Die emanzipatorischen Bewegungen haben ein Problem, wenn sie gegen staatliche Repressionen ankämpfen. Es heißt: Pauschalisierung von Polizist*innen.
Ich verstehe und teile Kritik an repressiven Staatsorganen und sehe dass es strukturelle Probleme bei der Polizei gibt, doch ich sehe auch keine Alternative.

Es gibt keine Alternative zum Beruf de*r Polizist*in

Selbst alternative oder autonome Systeme setzten Kontrollinstanzen ein, die ihr System erhalten wollen und gegen „Delikte“ verschiedener Art vorgehen. Ich sehe keine funktionierende Alternative zur Idee einer Polizei. Bei der Auseinandersetzung mit diesem Organ beziehungsweise auch dem Beruf, sollten wir nicht nur an die repressive Arbeit denken, mit der der Staat versucht emanzipatorische Arbeit zu zerschlagen, sondern tatsächlich auch ganz banal an den verhinderten Diebstahl oder den verhinderten Mord. Selbst bei der Funktion der Polizei als repressives Organ, ist nicht die*der Polizist*in als alleinige Schuldige an diesem System zu sehen. Klar, ein*e Polizist*in wählt ihren*seinen Beruf selbst in einem bestimmten Staat, doch braucht jedes System diesen Beruf. Die Repression ist nur eine Seite der Medaille, auf der anderen Seite steht unter anderem der Schutz vor tatsächlicher willkürlicher Gewalt. Dabei soll natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass auch diese Arbeit als Vorwand für willkürliche Gewalt genutzt werden kann, doch das ist sicherlich nicht das Ziel jeder*s Polizist*in.

Polizei und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Offensichtlich ist, es gibt Probleme bei der Polizei und auch mit Polizist*innen. Es gibt mehr als eine Studie, die darauf hinweist, dass gerade die Polizei ein Sammelbecken für autoritäres und menschenfeindliches Gedankengut ist. So gibt es sowohl Studien, als auch Insiderberichte, die darauf hinweisen, dass rassistisches Gedankengut bei der Polizei besonders verbreitet ist. Ich halte es jedoch für eine Vereinfachung, wenn wir die Schuld daran nur den Polizist*innen zuschieben. Die Gefahr für das eigene Leben, der Kontakt mit verschiedenen Menschen, viel zu lange Schichten, die ein Privatleben nur unter erschwerten Bedingungen ermöglichen und das zu einem (meiner Meinung nach) zu geringem Lohn, sind nicht gerade eine gute Basis für ein großes Interesse an der Einordnung der Erlebnisse im Dienst.

Das Gehirn neigt zur Vereinfachung, Schubladendenken und Pauschalisierung. Es ist logisch, dass wenn ein*e Polizist*in vier mal in Folge zu einer Person mit einer dunkleren Hautfarbe gerufen wird, die ihre Frau verprügelt, eine Schublade konstruiert. Das ist nicht böse und auch nicht mit Vorsatz. Dennoch bildet sich eine rassistische Schublade, die nichts mir der Realität zutun hat. Nicht zuletzt, weil unsere Gesellschaft stetig reproduziert, dass „dunklere Hautfarbe“ eine wichtige Eigenschaft zur Bewertung von Menschen sei.
In dem Alltag eine*r Polizist*in bleibt keine Zeit und vielleicht auch keine Kraft zur Reflexion, dabei wäre gerade diese besonders wichtig. Natürlich gibt es genügend dieser Studien, die zeigen, dass Straftaten nie monokausal begründbar sind und Faktoren wie Armut und individuelle Sozialisation die wesentlichen Faktoren sind, die Straftaten begründen. Zusätzlich gibt es Studien, die zeigen, dass bei PoC-Täter*innen (natürlich aufgrund rassistischer Konstruktionen) häufiger die Polizei gerufen wird, als bei weißen Täter*innen.

Doch wann und warum soll sich ein*e Polizist*in die Zeit für diesen Draufblick auf die eigene Arbeit nehmen? Welchen Anreiz gibt es zur Reflexion? Wer kümmert sich um eine Aufarbeitung dieses Wissens? Wer betreut diese Reflexionsarbeit? Das Problem ist nicht, dass alle Polizist*innen „bastards“ sind. Das Problem ist die Struktur, in der sie arbeiten.

Die Antwort darauf sind keine Steine, sondern Informationsangebote und Investitionen in die Polizei. Bezahlter Urlaub zur Reflexion in eigenen soziologischen, historischen und kulturwissenschaftlichen Kursen und mehr Polizist*innen wären Lösungen für das Problem des Rassismus bei der Polizei, keine pauschalen Beleidigungen. Von den Kursen hätte übrigens nicht nur die Gesellschaft, vor allem PoC, und die Polizist*innen selbst etwas, sondern auch die beteiligten Wissenschaftler*innen. Der Austausch mit der Praxis kann der Wissenschaft nie schaden und gibt immer fruchtbaren Input.

Faschist*innen sind zur Polizei netter als Antifaschist*innen

Ein weiteres Problem ist nicht so „leicht“ zu lösen. Der Vergleich zwischen Chemnitz und dem G20-Gipfel zeigt wieder exemplarisch, viele Polizist*innen können mit „rechtsextremen“ Bewegungen mehr anfangen, als mit emanzipatorischen Bewegungen. Das hat natürlich auch und in erster Linie systematische Gründe, die hier keine Rolle spielen sollen. Doch auch persönlich, treten „Rechtsextreme“ der Polizei gegenüber freundlicher auf, als Demonstrierende emanzipatorischer Bewegungen und autonomer Aktivist*innen. Begründet ist dies in den verschiedenen Ideologien und Überlegungen.

Während emanzipatorische Bewegungen entweder das bestehende System verbessern oder überwinden wollen, um Rassismus, Sexismus, Klassismus, und andere gruppenbezogenen Feindlichkeiten abzuschaffen, stehen sie in Opposition zum bestehenden System und damit auch zur Polizei, die dieses System in dem Moment repräsentiert und verteidigt. Physische oder psychische Gewalt gegen Polizist*innen kann die Folge dieser, meiner Meinung nach, unterkomplexen Überlegungen sein. Rechtsextremismus hingegen kritisiert nicht die angesprochenen Ungerechtigkeiten und Feindlichkeiten des Systems, er will sie in extremer Form.

Rechtsextremismus ist keine Opposition zum System, sondern das System in extremer Form. Repräsentant*innen des Systems stellen für sie daher keine prinzipiellen Gegner*innen dar. Das wird auch allein daher sichtbar, dass der repressive Staatsapparat seltener etwas gegen Rechtsextreme unternimmt oder sie als Gefahren des Systems einstuft.

Pauschalisierung ist keine Lösung

Zusammenfassend: wer ein bestehendes System kritisiert, muss nicht pauschal etwas gegen Polizist*innen haben. Auch andere Gesselschaftsysteme bieten keine Alternative für ein polizeiähnliches System beziehungsweise ein polizeiähnlichen Beruf. Das bedeutet wiederum nicht, dass die Polizei nicht kritisiert werden darf. Bestehende Probleme, der Konzentration gruppenfeindlicher Ideologien bei der Polizei müssen angesprochen werden und die Probleme angegangen werden. Dies tut man jedoch nicht mithilfe von Pauschalisierungen gegen Polizist*innen, sondern mit finanzieller und personeller Unterstützung. Dass sich diese Ideologien so gut einnisten können, ist ein Problem von Gesellschaftssystemen und nicht von Individuen.

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