Praxistheorie, Tier – und Kinderrechte

Kant can’t

Kants Trennung von Natur und Kultur hat ausgedient, darüber sind sich viele einig. Die kantische Würde, also die Beachtung um seiner selbst willen, wurde bereits zu Zeiten Kants nicht allen und nicht nur vernunftbegabten Individuen zugesprochen, wie es die Theorie oberflächlich vorgibt. Wer der Meinung ist, dass die Interessen von Kindern, geistig Beinträchtigten und nichtmenschlichen Tieren um ihrer selbst willen Beachtung finden müssen, nimmt bereits Abstand von diesem Begriff der Würde. Zu dieser Gruppe von Personen gehört wiederum eigentlich jede*r, die den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland zustimmt. So ist im Tierschutzgesetz eine Beachtung von Tieren ihrer selbst willen kodifiziert, auch wenn diese Betrachtung von ihrer Einstufung als “Gebrauchsgüter” für Menschen beschränkt ist. Bei der Betrachtung von Menschen ist die Situation sogar noch eindeutiger, so werden jedem Menschen Rechte als Menschenrechte eingeräumt, selbst wenn wir ihnen absprechen vernunftbegabt zu sein.

Die Konzepte, die an der Stelle greifen, sind zunächst die Ausweitung der Vernunftbegabung auf alle menschlichen Individuen. Die Konstruktion sieht vor, dass der Mensch das einzige Tier ist, dass zur Reflexion des eigenen Handelns fähig ist. Das zweite Konzept sieht vor bei Objekten von Moral die Leidensfähigkeit von Individuen zu beachten. Zusammengefasst: die Ideologie sieht vor, dass Menschen immer ihrer selbst willen Beachtung finden sollten. Nichtmenschliche Individuen sollen ihrer selbst willen beachtet werden, wenn ihre Interessen nicht mit menschlichen Interessen kollidieren. In diesem Fall gilt das menschliche Interesse immer höher, als das nichtmenschliche Interesse.

Es ist wohl einleuchtend, dass diese Trennung willkürlich ist, da es sowohl Menschen gibt, denen wir unterstellen, dass sie nicht zur Reflexion fähig sind, als auch Tiere, denen wir eine gewisse Reflexionsfähigkeit unterstellen. Dabei befinden wir uns in einer Gesellschaft, die unterschiedlichen Individuen aufgrund verschiedener willkürlicher Einteilungen in Gruppen unterschiedliche Rechte einräumt. Mich interessiert in diesem Beitrag weniger, die Auswirkung dieser willkürlichen Einteilung und die moralisch sowie juristische Bedeutung, die wir ihr geben, für diesen Artikel interessiert mich mehr, welche Relevanz die Reflexionsfähigkeit eines Individuums eigentlich für das Zusammenleben hat.

Denken als Reflexionsfähigkeit

Kants Idee von einer Natur und einer Kultur, die beide Teile des Menschen sind, gehen zurück auf den Philosophen René Descartes, der eine radikale Trennung zwischen Körper und Geist etablierte, beziehungsweise auch reproduzierte. Diese Trennung ist bis heute maßgeblich für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Menschen. So basiert die gesamte Psychoanalyse auf der Trennung zwischen Körper und Geist, beziehungsweise Sprache. Das seiner selbst Beachtenswerte, also die Würde wird dabei immer im geistigen verortet. Das Geistige wäre in dieser Vorstellung eine Eigenheit, über die in seiner (ausgeprägtesten) Form nur der Mensch verfügt. Auch die Geistes- und Kulturwissenschaften sind maßgeblich durch den ideological turn (Fokussierung auf Ideen) oder den linguistic turn (Fokussierung auf Sprache) geprägt. Beide turns waren maßgeblich, um die Konstruktion von Realität sichtbar zu machen, die Subjektivität von Betrachtung aufzuzeigen und letztendlich auch um feststellen zu können, wie Realität und wissenschaftliche Betrachtung von Gewalt- und Machtprozessen beeinflusst und konstruiert werden. Kern beider turns war, sehr stark vereinfacht, den gesamten menschlichen Zugriff auf die Welt über gedankliche und sprachliche Konzepte verstehen und beschreiben zu können. Die Aufwertung der Idee und der Sprache hatte jedoch einen wichtigen Nachteil im Bezug auf die oben angesprochene Problematik. Wer Idee und Sprache so aufwertet, wertet jene ab, deren Ideen und Sprache nicht in die den Menschen bekannten Konzepte von Ideen und Sprache passen und reproduziert die Abwertung des Körpers beziehungsweise der Praxis. Die Hauptfolgen dieser Entwicklungen sind die Abwertungen der Wahrnehmungs- und Kommunikationsmöglichkeiten von Tieren, Kindern und beeinträchtigten Personen. Gleichzeitig werten beide turns das ab, was vor dem Gedachten und Gesprochenen passiert. Emotionen, Gefühle und Praktiken sind maßgeblich für das soziale, das uns alle verbindet. Während ideologic und linguistic turn den Fokus auf Ideen und Sprache lenken, ist es der practical turn, der nun den Fokus neu auf das praktisch Passierende lenken soll und nicht mehr die Augen von Emotionen, Gefühlen und Praktiken in der sozialen Realität verschließen soll. Diese Perspektive ermöglicht einen völlig neuen Blick auf die oben beschriebenen Probleme. Sie ist eine mögliche Voraussetzung eine Gleichwertigkeit zwischen den nicht oder anders artikulierten Interessen von erwachsenen Menschen, Kindern, nichtmenschlichen Tieren und beeinträchtigten Personen herzustellen. Dabei müssen die Erkenntnisse der beiden anderen in diesem Artikel erwähnten turns nicht ignoriert werden, sondern alle drei turns  zusammengeführt werden.

Speziesismus und Adultismus

Unsere Rechtssprechung und Gesellschaft wertet basierend auf den erläuterten Konzepten, Interessen, Meinungen und soziale Praktiken einiger Teilnehmer*innen unserer Gesellschaft ab. Auf zwei dieser Gruppen möchte ich einzeln hinweisen: Kinder und nichtmenschliche Tiere. In beiden Fällen wird Individuen dieser Gruppe eine mangelnde Reflexionsfähigkeit ihres Handelns unterstellt. Tradierte Machtlinien und letztendlich auch Gesetze sorgen dafür, dass sie in ihren Rechten beschränkt sind, ihren Interessen eine geringere Gewichtung eingeräumt wird. Als Verbildlichung können wir das Beispiel einer Pferdekoppel oder eines Laufstalls wählen. In beiden Fällen dient die Einrichtung zur Beschränkung der Freiheit des Individuums. Beide Beispiele referieren dabei (häufig) auf die mangelnde Reflexionsfähigkeit der in ihrer Freiheit Beschnittenen, die den Machtanspruch der Einsperrenden legitimiert. Die Vorstellung nährt sich dabei aus der Idee kontrollieren, bestimmen, unterwerfen, kommerizialisieren und vielleicht, wenn wir den Logiken des Systems folgen, auch beschützen zu müssen. Im Sinne des Betrachtungsgegenstandes, möchte ich mich hier auf das “Beschützen” beschränken, da dies ein Motiv ist, dass wir sowohl einigen Menschen im Umgang mit Tieren, als auch einigen Erwachsenen im Umgang mit Kindern unterstellen können. Dies ist der Punkt auf den ich hinaus will. Kann tatsächlich ein Mensch entscheiden, was einem nichtmenschlichen Tier guttut? Kann ich entscheiden, dass es für die Katze, die mit mir eine Wohnung, einen Lebensraum, teilt besser ist, diese Wohnung nicht zu verlassen, während ich es darf? Dürfte ich entscheiden, dass sie die Wohnung verlässt und dann das Leben von Vögeln gefährdet? Äquivalent dazu ist die Situation mit Kindern zu sehen. Dürfen erwachsene Menschen über das Leben von Kindern entscheiden? Ist Lebenserfahrung tatsächlich ein Garant für richtige Entscheidungen und “bessere” Reflexion? Ist es nicht mindestens genauso entscheidend, dass ein Kind angstfreie Entscheidungen treffen kann und diese Entscheidungen vielleicht “richtiger” sind, als die eines Erwachsenen?

Auf der anderen Seite, kann eine solche Entscheidung auch schnell die körperliche Schädigung und Leid des Kindes oder des Tieres bedeuten.

Mir gelingt es nicht diesen Widerspruch zwischen Bevormundung von Tieren und Kindern auf der einen Seite und des Schutzes von Individuen, die durch sie gefährdet werden aufzulösen. So ist die Gefahr der eigenen Gefährdung und die Gefährdung anderer nicht unausgeschlossen. Ich möchte dabei nicht nur an die Gefahr von Tieren und Kindern erinnern, sich nicht selbst ernähren zu können oder beispielsweise im Straßenverkehr, aufgrund mangelnder Erfahrung in Gefahr zu geraten, sondern auch an Gewalt gegen andere: beispielsweise ein aggressiver Hund, der eine Gefahr für die Unversehrtheit Anderer darstellt oder ein Kind, das fremdes Eigentum zerstört. Wer diese Handlungen und das Subjekt, das sie ausführt ernstnehmen will, muss einen Weg finden damit umzugehen ohne stumpf willkürliche, antiquierte Machtlinien zu reproduzieren. Allerdings gälte dieses Ernstnehmen der Praxis auch für Teile der Tierrechtsbewegung, wenn diese jegliche freiwillige Koorperation (falls diese in der Menschheitsgeschichte- und Gegenwart bisher je existiert hat) unterbinden wollen würde. Beziehungseise, wenn ich dies konkretisieren darf, möchte ich auf das Problem hinweisen, wenn Tieren hoffentlich in der Zukunft Rechte eingeräumt werden, dass ihre Handlungen auch in unserem Zusammenleben ernst genommen werden müssen. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir mit Tieren umgehen, die Menschen schaden oder mit Menschen zusammenleben.

Zum Schluss möchte ich mich an antispezisistische Denker*innen wenden. Wie ich versucht habe zu erläutern, sind sich antispezisistische und antiadultistische Gedanken und Strömungen in vielen Punkten ähnlich. Ich glaube jedoch, dass die antiadultistische Bewegung über viele Dinge nachgedacht hat, die für die antispezisitische Bewegung bisher keine Rolle gespielt haben. Sind doch die Themenfelder der antispezisitischen Bewegungen, in einer Gesellschaft in der es Schlachthäuser und Versuchstiere gibt, wesentlich basaler. Dennoch kann sich die antispezisitsche Forschung und Ethik Anregungen bei der antiadultistischen Arbeit holen, um bisher offene Fragen zu beantworten. An erster Stelle steht sicherlich die Frage nach dem Ausgleich zwischen Sicherheit und Autarkie von Subjekten, sowie die Vereinbarkeit von Bevormundung und der Wahrung von Interessen. Das Schlagwort “unerzogen” gilt in der antiadultistischen Bewegung wohl als ein Türöffner, an dem sich auch antispezisitische Bewegungen orientieren könnten. Erst nämlich wenn die Frage beantwortet werden kann, wie wir die Interessen aller Subjekte unserer Gesellschaft wahren können, können wir ernsthafter diskutieren. Diese Frage beinhaltet auch das Problem, wie wir Subjekte gleichwertig ernst nehmen und weder als Untergebene noch als Unantastbare in unserer Welt betrachten können. Eine Welt ohne Machtgefüge bedeutet auch eine Welt, in der jedes Subjekt ernst genommen wird. Gewalt ist Gewalt, soziale Interaktion ist soziale Interaktion, Praxis ist Praxis und Interesse ist Interesse.