Ein Jahr nach Hanau

Vor genau einem Jahr wurden bei einem rassistischen Terroranschlag in #Hanau neun Menschen ermordet.

Gökhan Gültekin
Sedat Gürbüz
Said Nesar Hashemi
Mercedes Kierpacz
Hamza Kurtović
Vili Viorel Păun
Fatih Saraçoğlu
Ferhat Unvar
Kaloyan Velkov

Was sich die Hinterbliebenen und viele andere BIPOCs in Deutschland wünschten war, dass der Schmerz, die Angst und die Wut gesehen würde, die sie fühlten; dass der strukturelle Rassismus auch endlich von denen als Problem gesehen würde, die von diesen Strukturen privilegiert sind und dessen Konsequenz solche Taten sind.

Diese umfassende Aufgabe für die Weiße Gesellschaft wurde bereits in den folgenden Tagen an einem kleinen und minimalem Punkt konkret: Zeigt Respekt für die Toten, zeigt einmal, dass „unsere Toten“ auch „eure Toten“ sind.
Zeigt einmal, dass es euch interessiert oder überhaupt irgendwie berührt, wenn eure Privilegien, die ihr sonst immer schweigend hinnehmt, uns töten: wenn der tödliche Alltag von Rassismus einmal mehr so konkret zeigt, dass er nicht ignoriert werden kann, dass das Ausbleiben von Reaktionen darauf erneut nur mit einer Leugnung von strukturellem Rassismus gleichgesetzt werden kann.
‚Sagt den Karneval ab! Sagt Großveranstaltungen ab! Sagt den Sport ab!“

Wieder mussten Opfer für ihre Anerkennung kämpfen und sogar das Selbstverständliche kommunizieren. Wieder wurden ihre Schmerzensschreie nicht gehört. Der Karneval fand statt, (sportliche) Großveranstaltungen fanden statt. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen fanden häufig nicht einmal Schweigeminuten statt. Der Terroranschlag ist ein Ausdruck von Rassismus, die gesellschaftliche Legitimierung ein anderer. Diese Strukturen sind das, was zu Hanau führt: keine „Einzeltäter*innen“, keine „Durchgeknallten“: die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Sie sind die blutige Konsequenz dieser Nichtbeachtung, dieses Schweigens.

Dafür gibt es keine Entschuldigungen. Es gilt Verantwortung zu übernehmen ohne in einem Gefühl der Schuldigkeit zu versinken. Wir alle sind rassistisch erzogen worden. Unser Leben ist durchzogen von rassistischen Bildern und Weltanschauungen. Ich selbst könnte spontan eine Vielzahl von Situationen im letzten Jahr nennen, in denen ich selbst rassistisch gedacht und/oder gehandelt habe. Für unser Denken und unsere Handlungen tragen wir Verantwortung: mit Schuldgefühlen helfen wir niemandem, damit Rassismus an uns selbst und in der Gesellschaft zu erkennen schon. Wir müssen erkennen was wir tun, warum wir es tun und dann dekonstruieren.

Bei der Durchführung fröhlicher Großevents Tage nach einem rassistischen Terroranschlag ist die bewusste oder unbewusste Motivlage eindeutig: Normalisierung rassistischer Strukturen und Gewalt. Wenn der Terroranschlag dann nicht einmal thematisiert wird, schreit dieses Motiv Betroffenen nahezu ins Gesicht. Es zeigt nicht nur, dass die rassistische Gewalt als Normalität gebilligt wird, es zeigt gleichzeitig den Weißen Blick von Veranstalter*innen. Für „uns“ ist ja nichts schlimmes passiert. Bei „uns“ ist doch alles gut. Alles Normalität.

‚Ich stelle mir eine Gesellschaft vor, in der rassistische Terroranschläge auch für Weiße keine Normalität sind. Ich stelle mir eine Gesellschaft vor, in der rassistische Strukturen bekämpft und nicht täglich ungebrochen re_produziert würden. Ich stelle mir eine Gesellschaft vor, in der Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov noch mit uns leben und wenn sie wollen würden mit uns noch immer Karneval feiern, Sport treiben: Fußballspielen, Tanzen oder Fechten könnten.‘ (Vorlage von Paul B. Preciado)