Männliche Tränen in der Pandemie

Von der Idee Zero Covid mussten wir uns wohl oder übel für diese Pandemie verabschieden. Zu groß sind die Widerstände dagegen die Leben von großen verletzbaren Gruppen über den Profit von Wenigen zu stellen. Gleichzeitig scheint das Ende der akuten Phase der Pandemie erneut zum Greifen nah. Daran, dass im Sommer weiterhin verletzbare Personen sterben werden und auch privilegierte Personen vermutlich keinen Urlaub machen sollten, obwohl dies leicht vermeidbar gewesen wäre, ist allerdings auch das westliche Männlichkeitsbild schuld.

Der Virologe Christian Drosten “versprach” uns einen schönen Sommer, wenn wir nicht zu früh öffnen würden. Was ‘zu früh’ ist, ließe sich mit Blick auf die zeitlich versetzte ähnliche Situation in Little Britain gut bestimmen. Öffnungen, das heißt vorsichtige gemeinschaftliche Außenaktivitäten und einige Formen von Urlaub, würden dann nicht mehr zum Hochschießen der Zahlen führen, wenn ca. 60% der Bevölkerung die erste Impfdosis erhalten hätten. Dies wiederum wäre nach Drosten ca. im Juli / August der Fall, bei den derzeitigen veränderten Prognosen zur Impfung würde er diese Zeiten womöglich nach vorn korrigieren. 
Es ist schade, dass Drosten inzwischen von einem “guten Sommer” und Wohlstandsthemen wie “Urlaub” sprechen muss, um privilegierte Personen wie mich zu erreichen. Wenn von Inzidenzzahlen gesprochen wird, die niedrig genug für Urlaub ein paar Privilegierter sind, bedeutet dies gleichzeitig und scheinbar vernachlässigbar, dass verletzbare Gruppen nicht mehr täglich um das eigene Leben fürchten, nicht mehr in Einsamkeit leben müssten oder, dass Intensivpfleger*innen halt irgendwann wieder auf das maximale Normallevel kommen würden, das ein neoliberales Gesundheitssystem anbieten könnte.

Leider reicht selbst diese Aussicht auf einen “schönen Sommer” für privilegierte Gruppen als Anreiz nicht aus. Wir (älteren,) weißen, heterosexuellen Cis-Männer (es gibt natürlich noch weitere privilegierte Gruppen) sind es nicht gewohnt etwas nicht sofort zu bekommen, nur weil andere darunter zu leiden haben. Wir sind es nicht gewohnt, dass andere vielleicht sogar etwas früher bekommen könnten als wir, selbst wenn es gute Gründe dafür gibt. Wir sind es nicht gewohnt, dass uns nicht die besten Impfungen und medizinische Betreuung zur Verfügung stehen könnte, nur weil sie andere nötiger hätten oder andere Personen im Ausnahmezustand für die Gesellschaft relevanter sind als wir. Daher ist es uns auch häufig nicht vermittelbar, warum wir auf nicht fundamentale Dinge verzichten sollten, nur um das Leben von anderen zu schützen. Es entspricht einfach nicht der Alltagslogik unserer Sozialisation, in der uns umfassend gezeigt wird, dass wir der Mittelpunkt der Welt seien.
Es ist der sozialisierte Blick aus der privilegierten Perspektive, der Impfneid möglich macht. Dieser Blick ist es auch, der dazu führt, dass wir eine rechtliche Besserstellung für eh schon privilegierte Geimpfte diskutieren, während andernfalls die autoritär angeordneten Einschränkungen, vermutlich dann für alle, auch ohne Privilegien in ein bis zwei Monaten fallen könnten und uns diese Diskussion auch noch vollkommen logisch erscheint.
Ich kenne keine Forderung nach Öffnungen von Intensivpfleger*innen, keine von Alleinerziehenden, von Paketzusteller*innen oder Geflüchteten, die in Lagern von uns zur Ansteckung gezwungen werden – die Öffnung von Grenzen und entlastenden Institutionen jetzt mal ausgenommen.

Wir weiße Cis-Männer liefern uns im Gegenteil dazu gerade ein Kopf an Kopf Rennen bei der Pandemie Opferolympiade Sommer 2021 (Begriff von Mohamed Amjahid). Die Disziplin des Wettjammerns ist wie immer die Spitzensportart und wird durch folgende Fragen entschieden: Warum verdienen wir den Impfstoff am meisten? Wer verdient den Impfstoff gar nicht? Warum können wir selbst selbstverständlich niemals ansteckend sein? Wer steckt uns an? Wer sollte zu unserem Wohl der Ansteckung ausgesetzt werden?

Sobald eine Gruppe hinreichend niedrig divers ist, scheinen nicht privilegierte Perspektiven gänzlich aus dem Blick zu geraten. In einer stark männlich geprägten Fechtgruppe in der ich bei Facebook Mitglied bin buhlen regionale Interessenverbände (vertreten durch… Überraschung: privilegierte Gruppen) zur Zeit mit Verschwörungsideologen darum, wer den größeren Öffnungsenthusiasmus zur Schau stellt und die beste Jammerarie über die eigenen Einschränkungen singen kann. Zwischen Artikeln von Epoch Times (“Leitmedium der Rechtspopulisten”, https://www.zeit.de/2017/38/digitale-kommunikation-wahlkampf-internet-debatte) und Statements auf offiziellen Verbandsseiten fließen viele männliche Tränen (nochmal in Anlehnung an Amjahid) darüber, dass Hobbyfußball im Freien (wir erinnern uns an Drosten: selbst dafür wäre es jetzt noch zu früh, wenn Abstände nicht eingehalten werden könnten) womöglich vor Hobbyfechten in geschlossenen Räumen stattfinden kann, wie ungerecht dies sei und es scheinbar keinerlei Begründung dafür gäbe. Es wird ohne dass dies explizit ausgeführt wird deutlich, wie die Leugnung fundamentaler Erkenntnisse über das Virus dem entsprechenden Gejammer über das eigene Leid und resultierenden Forderungen inhärent ist. 
In einer ausschließlich männlichen WhatsApp Gruppe aus ehemaligen Schulfreunden wird debattiert, ob alle Impfberechtigten der WhatsApp Gruppe, diese Berechtigung auch wirklich verdienen und es fließen viele männliche Tränen darüber ausnahmsweise mal nicht bei den ersten 50% der Gesellschaft zu sein, die etwas bekommen. Gleichzeitig wird aggressiv für die Sinnhaftigkeit von Patenten an Impfstoffen argumentiert. Alle, die darin ein Problem sehen, werden in dieser emotionalisierten Diskussion zu einem kommunistisch / stalinistischen Feindbild der 60er Jahre reduziert. Es scheint in der männlichen Logik erfolgversprechender für privilegierte Personen zu sein anderen etwas wegzunehmen und vorzuenthalten, statt einfach für alle die Hürden zu einer Impfung abzubauen. Mehr für mich scheint logischer als mehr für alle.
Während dies beides passiert erfahre ich, dass eine junge weibliche Person aus dem Umfeld mit chronischer Schwäche des Immunsystems, für die Corona eine realere tödliche Gefahr ist und die dennoch aufgrund der Erkrankung nicht geimpft werden kann, möglicherweise in der Pandemie ihre Wohnung und ihren Job verliert.
Ist klar Harald, dir geht’s am schlimmsten, weil dir zumindest de jure verboten ist gerade mit deinen Kumpels zusammen in die Sporthalle zu husten. Das ist in einer globalen Pandemie gerade das erste Problem, in das du deine Energie stecken solltest. Ja Fred, der Manager einer bekannten Modefirma müsste eigentlich dringend vor allen anderen geimpft werden. Das ist im Ausnahmezustand sicherlich erstmal der Beruf, der am meisten gesellschaftlich relevant ist.


Leider zwingen uns die bekannten politischen Systeme dazu permanent zwischen unserem Wohlbefinden und fundamentalen Bedürfnissen Anderer abzuwägen und ich lehne eine moralische Bewertung einzelner Handlungen ab. Es gelingt mir nicht immer, aber ich arbeite daran. Eine weltweite Pandemie ist jedoch ein Ausnahmezustand, der nach nahezu allen Modellen innerhalb der nächsten Jahre, wahrscheinlich sogar eher Monate oder Wochen nicht mehr in dieser Form existieren wird. Ein Ende ist absehbar und wäre sogar schneller in Sicht, wenn selbst wir weißen Cis-Männer es einmal für zwei Monate schaffen würden nicht wie sonst unsere Luxusbedürfnisse fundamental über die Leben anderer zu stellen und uns selbst als Mittelpunkt der Welt zu definieren. Einfach mal noch zwei Monate die Klappe und die weißen Füßchen still halten. Wenn wir uns ganz, ganz, ganz, ganz viel Mühe geben schaffen wir sogar diese unglaublich schwierige gesellschaftliche Aufgabe und könnten damit Leben und noch sehr viel wichtiger…. unseren Urlaub und die nächste Wettkampfsaison retten. Ich hätte mir einen anderen gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie gewünscht, dieser Zug namens Zero Covid ist abgefahren. Zur Zeit liegt unsere Hoffnung und noch viel eher die Hoffnung der Marginalisierten in jedem nicht lebenswichtigen physischen Begegnungsort, der noch geschlossen bleibt.