Trans Rights are Human Rights

Eigentlich finde ich es viel spannender weiterzudenken, als mich in bestehenden Strukturen auszuruhen: die Gewalt zu erkunden, die der bürgerlichen Gesellschaft inhärent ist. Eigentlich finde es viel spannender zu erkunden, wo in bestehenden Strukturen Diskriminierungen stecken, wo in mir selbst Strukturen stecken, die Gewalt re_produzieren. Eigentlich will ich mich damit beschäftigen, wo der bürgerliche vermeintlich demokratische Konsens einengt, undemokratisch ist, Personen inhärent schlechterstellt, Gewalt und Unfreiheiten re_produziert.

In einigen Situationen wiederum ist es notwendig, auf den bestehenden Konsens zu verweisen, der für alle Demokrat*innen eine rote Linie darstellen sollte. Kants „Menschenwürde“ (umgesetzt in GG Artikel 1) ist dialektisch: sie ist befreiend und unterdrückend zugleich. Was sie bei aller Kritik in jedem Fall aber auch ist: ein Punkt hinter den es für Demokrat*innen kein Zurück gibt. Die Anerkennung der Menschenwürde, ist in der Theorie der Grundsatz auch der bürgerlichen Demokratie.
Dennoch ist es tägliche Realität, dass die Menschenwürde, das Recht eines jeden Menschen um seiner selbst willen Beachtung zu finden, auch aus bürgerlichen Bereichen der Gesellschaft infrage gestellt wird.

Der Satz „trans rights are human rights“ erscheint mir in einigen Situationen wie eine leere liberale Phrase, in anderen Situationen zeigt sich, wie wichtig auch dieser eigentlich proklamierte Minimalkonsens im Umgang mit großen Teilen der sogenannten liberalen deutschen Gesellschaft ist. Dass queere Menschen Menschen sind und existieren, ist für diese Teile nicht die Selbstverständlichkeit, die sie sein sollte.

Viele Male musste ich Diskussionen mit angeblich Liberalen zu diesem Thema führen. Inzwischen diskutiere ich nicht mehr, ob sich über das Menschsein von Menschen diskutieren lässt, ob wir über das Recht ihrer Existenz demokratisch abstimmen lassen sollten oder ob wir dazu nicht „vernünftige Debatten“ führen müssten. Es gibt mit mir keinen diskutablen Weg hinter die Menschenwürde, nur den über sie hinaus: sie ist die Basis für ein demokratisches Zusammenleben.

Die Einstellung menschenfeindliche Konzepte, Vorstellungen, die die Menschenwürde von menschlichen Individuen infrage stellen nicht zu diskutieren, auch nicht mit alten Freund*innen oder der Familie produziert immer wieder Enttäuschungen und Unverständnis. Es tut weh Personen vor den Kopf zu stoßen, zu denen eine persönliche Verbindung besteht. Es ist auslaugend auch das eigentlich Selbstverständliche dauerhaft wiederholen zu müssen und sich permanent in einem Kampf gegen eine Armee von eigentlich ausgestorben geglaubten Dinosauriern befinden zu müssen. Kein Vergleich zu dem, was Betroffene durchmachen, wenn alte Freund*innen oder Familie ihnen ihre Existenz absprechen.

Es gibt ein kleines Ritual von mir, wenn ich kraftlos von den Kämpfen bin und ich mich schlecht fühle, weil ich wieder einer Person, die mir wichtig ist vor den Kopf stoßen musste: ich höre Musik. Immer in diesen Phasen höre ich Musik von Rae Spoon. Raes Musik begleitet mich nun schon viele Jahre und hat mich unter anderem auch halbwegs gut durch ein Nebenfachstudium der katholischen Theologie in München gebracht. In diesem Studium habe ich viele der oben genannten Diskussion geführt, die Ansichten einiger selbsternannter Liberaler zurück in Berlin stehen den Aussagen dort allerdings in Nichts nach. Die Musik von Rae Spoon zeigt mir immer wieder auf’s Neue, anders, als es jeder Text oder jeder Ratschlag könnte, dass dies der richtige Weg ist. Sie passt die vorherrschende Gefühlslage der inneren Überzeugung an. So habe ich die Kraft mit innerer Überzeugung und einem guten Gefühl jeden Tag sagen zu können: “Trans rights are human rights” muss Konsens sein und ist nicht verhandelbar, von keiner Person, mit keiner Person. Zweigeschlechtlichkeit ist ein Herrschaftssystem, ein Konstrukt, dass Menschen ihre Existenz abspricht. Dieser einfache bürgerliche Grundsatz muss täglich vor denen verteidigt werden, die die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft abschaffen wollen. Die Menschenwürde muss vor denen verteidigt werden, die sie abschaffen wollen, während wir versuchen sie und die Gewalt der bürgerlichen Gesellschaft zu überwinden. Über den zweiten Teil kann es Möglichkeiten geben zu streiten, zu diskutieren und Wege auszuloten, über den ersten Teil unter keinen Umständen. Die Menschenwürde von queeren Personen ist unverhandelbar: sorgen wir im Alltag und auf allen Ebenen dafür, dass dieser Anspruch Realität wird, dass wenigstens dieser Grundsatz in der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr täglich zur Debatte steht, während wir parallel kritisch weiterdenken als das.

“Je veux imaginer une école dans laquelle Alan aurait pu rester vivant.” („Ich stelle mir eine Schule vor, in der Alan hätte am Leben bleiben können.“) -Paul B. Preciado, https://www.liberation.fr/chroniques/2016/01/22/une-ecole-pour-alan_1428369/

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