Rückkehr nach Berlin: ich will doch nur wieder fechten

Alles, was ich in diesem Artikel schreibe, ist exemplarisch, beispielhaft und spielt sich überall in deutschen Vereinen und Verbänden ab. Es gibt meiner Meinung nach keine Beschränkung auf einzelne Sportarten, konkrete Sportvereine oder auch nur speziell auf Sportvereine im Allgemeinen.

Bevor ich zum Studium nach München zog, war ich seit meiner Grundschulzeit in einem Fechtverein organisiert. Wenn Sport auch keine sonderlich große Rolle in meinem Leben gespielt hat, so bin ich doch sehr mit diesem Verein und der Sportart verbunden und hätte große Lust darauf, zum Fechten und zum Verein auch wieder zurückzukehren. Das war mein fester Plan nach meiner Rückkehr nach Berlin. In den ersten Jahren passte es zeitlich nicht, dann kam die Pandemie und alles, was dazu gehörte, auch im Sport. Eine wichtige Information vorab, um den weiteren Verlauf zu verstehen: der Sportverein ist in einem Landesverband und einem Bundesverband organisiert. Wer an Turnieren teilnehmen will, kommt an diesen Instanzen nicht vorbei, weshalb alle Fechtvereine in den Verbänden organisiert sind.

Ich will doch nur wieder fechten.

Bereits in der Rassismuskrise Mitte der 2010er Jahre sprach ich aus München bei einem heutigen Vizepräsidenten des Landesverbands und Mitglied meines Vereins an, ob es nicht möglich wäre, aktiv auf die Anwohner*innen der umliegenden Lager für Geflüchtete zuzugehen und nach Kooperationsmöglichkeiten zu suchen. Es gab einen Aufhänger: Fechten ist eine der wenigen Sportarten, die sich regelkonform mit einigen Formen der religiösen Verschleierung praktizieren lassen. Viele geflohene Anwohner*innen waren Muslim*innen. Diesem Vorschlag wurde entgegnet, dass das Zugehen auf Opfer von Rassismus als Provokation an Rassist*innen verstanden werden könnte, die dann ‘eigene Mitglieder’ in Gefahr bringen könnte. In der Denkweise wird offensichtlich, dass es ein Bewusstsein für rassistische Gewalt gibt, die auch auf den Verein und seine Politik wirkt. Ein Problem scheint sie jedoch nur zu sein, wenn sie die eigenen Mitglieder in Gefahr bringt. Gleichzeitig gilt, dass die eigenen Mitglieder offensichtlich ausschließlich weiß gedacht werden. Nicht weiße Mitglieder wären selbstverständlich immer dieser rassistischen Gewalt ausgesetzt, würden also keiner zusätzlichen Gefahr ausgesetzt werden und könnten von solidarischen Aktionen und einem schützenden Umfeld eines Vereins noch profitieren. Die positive Chance, die in Vereinen wie Sportvereinen liegt: das Verbinden, die Solidarität über Positionalitäten hinweg wird mit so einer Einstellung im Vornherein ausgeschlossen.

Ich will doch nur wieder fechten.

Im Februar 2020 war der Landesverband Mitveranstalter einer der weltweit größten Fechtturniere. Am Vormittag des 19. Februar 2020 wurde in diesem Zusammenhang eine Pressekonferenz in einem Mövenpick-Hotel abgehalten. Mövenpick, eine Hotelkette, die bei diskriminierten Personen vor allem für die Kooperation zwischen ehemaligen Miteigentümer August von Finck (inzwischen hat sein Sohn seine Anteile ohne Distanzierung übernommen) und rechtsextremen Vereinigungen bekannt ist. Am Abend desselben Tages ermordete ein deutscher Mann aus rassistischen Motiven Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

In den folgenden Tagen wurde von der bürgerlichen Presse nach Gründen gesucht, warum der Ruf von von Rassismus Betroffenen nach Möglichkeiten der Trauer und des Einhaltgebietens, dem Unterbrechen der rassistischen Normalität, Großveranstaltungen wie den Karneval nicht betreffen würde. Dabei inszenierten bürgerliche Medien wie immer in solchen Situationen eine pseudoversachlichte Debatte, in der Pro und Kontra scheinbar gleichwertig gegenübergestellt wurden: als wäre es ein gleichwertiges Bedürfnis, auf die Bedrohung in seiner Existenz aufmerksam zu machen und um Tote zu trauern oder sich badewannenweise Kölsch zu Ballermannhits rein zu schütten.
Vier Tage später, in dieser Stimmung, fand dann das fechterische Großevent statt. Öffentlich schienen die Veranstalter*innen von der Debatte unberührt. Ich war in Kontakt mit einer anwesenden Person. Sie habe es nach eigenen Angaben mehrfach bei den Veranstalter*innen angesprochen, möglicherweise wenigstens eine Gedenkminute einzurichten. Erfolglos – es sei ‘vergessen worden’.

Ich bin mir unsicher, ob ich vorziehe, dass es sich bei der Antwort um eine Lüge oder die Wahrheit handelt. Beide Versionen sind nicht ohne rassistische Strukturen zu denken.

Ein Luxus, diese tödliche Konsequenz rassistischer Gewalt durch Gesellschaft und Staat vergessen zu können. Wieder richtet sich das Wort des Schweigens an Marginalisierte, an Opfer von diskriminierender Gewalt: ihr gehört nicht zu uns. Dieses Mal nicht nur intern, sondern auch nach außen.

Ich will doch nur wieder fechten.

Im Mai 2021 initiierte der deutsche Fußballbund zusammen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund eine Petition, in der sie für die langsame Wiederermöglichung von Outdoor-Sportarten warben. Sicherlich nicht unproblematisch zu einem Zeitpunkt, als die Inzidenz in Berlin ungefähr 20x höher als im Vorjahr war und bis dahin maximal 6% der Bevölkerung einmal gegen Covid19 geimpft waren. Doch, das muss man ihnen lassen, sie haben sich dabei auf Erkenntnisse aus der Forschung zur Verbreitung von Aerosolen bezogen und diese verlinkt. Die Argumentation fußte grundsätzlich auf dem Wissen, dass sich Aerosole im Freien besser verteilen als in geschlossenen Räumen. Sie wäre ohne diese Erkenntnis gänzlich sinnfrei gewesen. Mein Landesverband konnte das nicht auf sich sitzen lassen. In zeitgemäßer wissenschaftsleugnender Praxis entwarfen sie eine Wutschrift, in der sie ein Zusammenhalten für Lockerungen im ganzen Sport forderten. In der Schrift wurden die Argumentation der Ausgangspetition, sowie der Begründungslinie der Unterscheidung zwischen Indoor- und Outdoorsport ganz ohne Argumentation negiert. Dabei wurden nicht nur Methoden der Leugnung von verschwörungsmythischen Gruppierungen der Zeit übernommen, die Überschrift nahm zusätzlich bewusst oder unbewusst Anleihen bei einer großen Demonstration gegen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid19.

Anfang Juni verbreitete der Bundesverband in seinen Stellungnahmen eine ähnlich leugnende Rhetorik.

Wie sehr mehrfachmarginalisierte Sportler*innen in die Entscheidung zu Statement und Rhetorik eingebunden waren, ist von außen nicht nachvollziehbar. Bereits zuvor wurde auf der Basis von Verschwörungsmythen und rechtsextremen Medien in privaten Fechtgruppen Stimmung gegen die Solidarität mit Marginalisierten gemacht. Landes- und Bundesverbände übernahmen implizit diese Stoßrichtung antisemitischer Verschwörungsnarrative und der Aufforderung zu eugenischem Aktivismus: ‘wir sind wichtiger als Vorerkrankte’. In der Abwägung zwischen antisemitischen und eugenischen Narrativen, die in der Auslöschung von Menschen enden und den Perspektiven derjenigen, die um ihr Überleben kämpfen, scheint erneut eine Entscheidung gefällt worden zu sein.

Ich will doch nur wieder fechten.

Auf Anraten eines anderen Mitglieds warf ich dann im Zuge dieser Eklats einen Blick in die Satzung meines Sportvereins. Was mir zuvor entgangen war (mein Fehler!): die Satzung nimmt explizit Stellung unter anderem zu geschlechterpolitischen Themen. So setzten sich Mitglieder laut Satzung für die “Gleichstellung von Frauen und Männern” ein. Im gleichen Absatz steht, dass die Satzung aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf geschlechtergerechte Sprache verzichten werde. Die verwendete ausschließlich männliche grammatikalische Form würde wiederum für “beiderlei Geschlecht” gelten.

Ignorieren wir für einen Moment, dass in der Satzung offensichtlich ausschließlich die männliche Form verwendet wird: diese Form der Aberkennung von weiblichen und queeren Existenzen ist leider auch im bürgerlich konservativen Lager verbreitet und kann teilweise auch juristisch vorgegeben sein (Hallo Patriarchat!). Viel spannender finde ich die Frage: warum ist es in einer Satzung eines Sportvereins so wichtig, mithilfe von ‘Alternative Facts’ (dass geschlechtergerechte Formen das Leseverständnis nicht beeinträchtigen ist hinreichend belegt) gegen geschlechtergerechte Sprache zu argumentieren? Ist das tatsächlich der richtige Ort und die richtige Methodik für diese Diskussion? Ist dem Verein das Festhalten an offensichtlich diskriminierender Sprache so wichtig, dass es in seiner Satzung diskutiert wird? Ist dieser sprachpolitische Aktivismus vereinbar mit dem Wert der Gleichstellung: einer geschlechtlichen Gleichstellung, die sich selbst auf zwei Geschlechter beschränkt? Welche Aussage richtet ein Sportverein an (potenzielle) mehrfachmarginalisierte Mitglieder, wenn er einen ersten Teil seiner Satzung dafür nutzt, die Anzahl der Kategorie Geschlecht explizit normativ festzulegen? Sind das die Werte des Vereins, denen sich die Mitglieder verpflichten? Mit anderen Worten: muss ich queerfeindlich sein und mich gegen geschlechtergerechte Sprache engagieren, um Mitglied des Vereins sein zu dürfen? Ich kündigte meine Mitgliedschaft, schrieb diesen Artikel und dachte damit, das Projekt für mich beendet zu haben.

Ich will doch nur wieder fechten.

Was sich für mich bisher in einem Raunen und Kontinuitäten erschloss, wurde im November 2022 explizit und ist nun doch Anlass, dass ich noch einen konkreteren Text zum Abschluss dieses Kapitels schreiben muss. Als ich mich mal wieder, als Teil meines ‘Netzaktivismus’, in der Gegenrede zu rechtsextremen Narrativen in sozialen Netzwerken befand, ganz ohne offensichtlichen Bezug zum Fechten, begann ein anderer Vizepräsident des Landesverbands, die ursprünglichen Beiträge, gegen die ich redete, mit ‘gefällt mir’ zu markieren. Dabei handelte es sich nicht um irgendwelche Beiträge, sondern unter anderem um ein SharePic der AfD-nahen Zeitung “Deutschland Kurier”. Natürlich dürfen sich Vizepräsident*innen eines Landesverbands des Fechtens neben ihrer Tätigkeit politisch und auch parteipolitisch betätigen. Die AfD ist allerdings keine Partei wie jede andere. Sie ist eine rechtsextreme Partei, die explizit die Existenz von Menschen infrage stellt. Ein Vizepräsident, der solchen Inhalten öffentlich zustimmt, ist eine sichtbare potenzielle Gefahr für marginalisierte Sportler*innen und markiert für Marginalisierte einen unsicheren Raum. Erneut gibt es die Ebene der Kommunikation an Marginalisierte: wir dulden Personen in Ämtern, die Sympathien mit Gruppierungen haben und diese offen zeigen, die eure Existenz negieren und/oder auslöschen wollen. Was bisher implizit war, wird mit der öffentlichen Zustimmung zur rechtsextremen Partei und zur Duldung der Zustimmung explizit.

Ich will doch nur wieder fechten.

Ich schreibe das nicht, um Einzelpersonen, Vereine oder Verbände bloßzustellen. Es ist ein strukturelles Problem. Im Gegenteil glaube ich sogar, dass ein Verein, der sich selbst auf Werte beruft und so etwas wie einen gemeinsamen minimalen Konsens gegen Diskriminierungen in seiner Satzung beschließt, schon relativ progressiv ist. Es geht mir vielmehr auch darum, sichtbar zu machen, dass Vereine und Verbände (was eigentlich offensichtlich sein sollte) immer politisch handeln und dies auch unweigerlich über die Grenzen ihrer eigenen ‘Zuständigkeit’ hinaus tun. Ein nicht Zugehen auf Marginalisierte, ein nicht Wahrnehmen von rassistischer Gewalt, eine Argumentation für offensichtlich diskriminierende Sprache, eine nicht Wahrnehmung und Duldung von Personen, die rechtsextreme Parteien gutheißen, ist genauso eine politische Äußerung, wie ein Zugehen auf Marginalisierte, ein Wahrnehmen von rassistischer Gewalt, Versuche der Vermeidung offensichtlich diskriminierender Sprache oder der Ausschluss beziehungsweise Distanzierung von Personen, die rechtsextreme Parteien gutheißen. In beiden Fällen werden womöglich Personengruppen ausgeschlossen, die nicht miteinander vereinbar sind. Niemand kann erwarten, dass das Opfer freiwillig zu seinem Henker kommt. Wer den Opfern einen Platz bieten will, muss ihn ihren Henkern verwehren. Den gemeinsamen Raum für Marginalisierte sicher machen, bedeutet, den Raum für jene unsicher zu machen, die eine Bedrohung für Marginalisierte darstellen. Es funktioniert nicht, beide Gruppen in einen Raum zu holen und zu erwarten, dass alle schon irgendwie klar kommen. Es hat einen strukturellen Grund, warum Vereine (nicht nur Sportvereine) stark homogen in ihrer Zusammensetzung sind. Meine Erfahrung ist: Wenn sich scheinbar unpolitische Vereine emanzipatorisch und demokratisch verhalten, ist der Aufschrei von Privilegierten groß: ‘Der Verein solle sich doch nur um sein eigentliches Thema kümmern.’ Die Folge: Vereine und Verbände machen Politik für Privilegierte und gegen fundamentale Interessen von Marginalisierten. Sie lassen die Henker am Tisch und verwehren so dem Opfer den Raum. Das ist ein strukturelles Problem. Sobald ich in meiner Bubble vom Konflikt mit meinem Verein erzählte, haben viele ähnliche Situationen mit Vereinen geschildert, in denen sie Mitglied seit ihrer Kindheit sind. Viele, so wie ich, kündigen einfach. Der Kampf für einen (Hobby-)Verein, der sich mindestens nicht gegen die eigenen Interessen und/oder Interessen von Marginalisierten stellt, scheint aussichtslos zu sein.

Wenn sich Vereine und Verbände nicht aktiv für die Besserstellung von Mehrfachmarginalisierten einsetzen, schreiben sie die strukturelle Gewalt gegen sie fort. Wer nicht aktiv jene ausschließt, die Maßnahmen gegen Marginalisierte, die Gewalt gegen sie fordern, ist nicht neutral, sondern schließt die Betroffenen von diskriminierender Gewalt aus sowie alle, deren Existenz von eben jenen Forderungen in Frage gestellt werden. Das führt dazu, dass Vereine und Verbände am Ende eine Politik gegen Marginalisierte verfolgen, wenn sie die Interessen, die Privilegien, der Übriggebliebenen vertreten. Das zu verändern setzt aktive Arbeit von Vereinen, Verbänden und Mitgliedern voraus, sowie solidarische Bedingungen der Unterstützung von Mehrfachmarginalisierten bei der Ausübung eines Ehrenamtes im Verein, parallel zu ihrem alltäglichen und kräftezehrenden Überlebenskampf.

Als ich den Text einer queeren Freundin zum Lesen gab, war sie nach meinem Versprechen, dass mein Text mit einer positiven Perspektive endet, enttäuscht. Sie sah nicht die Perspektive darin, dass Sportvereine sich ändern. Privilegierte Personen würden nicht von sich aus anfangen, Macht und Räume freizugeben. Sie hätte sich kürzlich mit einer ebenfalls queeren Freund*in über ein ähnliches Problem unterhalten und kam mit der Person zu dem Schluss, dass es notwendig wäre, dass marginalisierte Personen die gewaltvollen Räume ,in ihrem Fall Fitnessstudios, für sich claimen. Nun scheint es mir als übermäßig privilegierte Person anmaßend, den Appell an marginalisierte Personen zu richten. Mein Imperativ kann sich nur an die gewaltvollen Strukturen richten, sich ihrer Gewalt bewusst zu werden und dieses Claimen auch zuzulassen. Unwohlsein, Angst und Schmerz als das wahrzunehmen, was es ist: ein Spiegel unserer eigenen Gewalt, die Gewalt der Vergangenheit und der Gegenwart. Diversifizierung von Vorständen und Mitgliedern kommt nicht von alleine, sie ist keine Maßnahme, sondern Effekt, der sich aus solidarischer Möglichkeit zur Emanzipation ergibt. So lange Vereine und Verbände nicht nach innen umsetzen und aktiv nach außen kommunizieren, dass sie ein sicherer Ort für marginalisierte Personen sind, müssen marginalisierte Personen davon ausgehen, dass sie es nicht sind. Mein Beispiel zeigt, dass ihre Annahme begründet ist.

Ich will mit meinen Mitgliedsgebühren keine Lobby der politischen Rechten finanzieren.

Ich will keinen Aktivismus gegen Marginalisierte unterstützen.

Ich will doch nur wieder fechten.

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