Zwischenbericht zur Leugnung

Seit meiner Bachelorarbeit beschäftige ich mich mit dem Thema Leugnung. Während ich mich mit meiner BA mit dem Thema einer Leugnung durch politische Akteur*innen beschäftigte, bereite ich mich nun langsam auf meine Masterarbeit und die Beschäftigung mit Leugnungen durch wissenschaftliche Akteur*innen vor. Offensichtlich ist wohl, dass Leugnung auch immer mit Wissen verknüpft ist. Wer etwas leugnen kann, muss im Stande sein überhaupt etwas wissen zu können. Dieses Thema zwischen Wissen, Nichtwissen, Gegenposition und Leugnung beschäftigt mich bereits eine Weile. Gleichzeitig fallen mir im privaten und wissenschaftlichen Kontext immer wieder gleiche Muster der Leugnung auf, die mir bereits in meiner Bachelorarbeit begegnet sind. Dieser Artikel soll ein Werkstattbericht sein, beide Themen auf den Tisch zu bringen und mit dir, mit euch zu verhandeln. Ich wäre über jede Form des Inputs dankbar.

Leugnung: Dilemma zwischen Konstruktivismus und Wahrheit
Wie ich bereits angedeutet habe, ist das herausfordernde am Phänomen der Leugnung, dass es drei sehr schwierige Annahmen voraussetzt:

  1. Es gäbe objektive Wahrheiten.
  2. Einige dieser Wahrheiten seien allen zugänglich.
  3. Es gibt Interessen einige dieser Wahrheiten nicht anzuerkennen.

Schon der erste Punkt bringt uns in ein Dilemma. Auf der einen Seite zeigt uns die konstruktivistische Kritik, dass Wissen, Wissenschaft, Thesen und letztendlich Wahrheit immer konstruiert, subjektiv und von äußeren Umständen abhängig ist. Es ist bekannt, dass es nicht einfach eine objektive Wahrheit gibt und dass es in der Wissenschaft und im Alltag unterschiedliche Meinungen geben muss. Auf der anderen Seite ist es auch klar, wie gefährlich, verletzend und zerstörerisch Leugnungen sind. Die Leugnung vom Holocaust oder anderen Genoziden macht beispielsweise eine Aufarbeitung und ein Lernen aus der Historie unmöglich, führt das Werk der Täter*innen über das fehlende Andenken fort und reproduziert die Gewalt der Morde und Taten. Allerdings führt Leugnung auch in anderen Bereichen zu Gewalt und Leid. Die Leugnung des menschengemachten Klimawandels oder der Leidensfähigkeit von nichtmenschlichen Tieren reproduziert Gewalt gegen kommende Generationen und nichtmenschlichen Tieren. Ein friedliches Zusammenleben ist nur möglich, wenn Leugnungen und Diskurse der Leugnung durchbrochen werden.

Relativität von Wahrheit
Auch wenn ich das Dilemma zwischen Konstruktivismus und objektiver Wahrheit heute nicht klären können werde, möchte ich dennoch ein paar Denkansätze anbieten. Wie ich bereits angesprochen habe, kollidiert der Wahrheitsanspruch mit zwei angenommenen Grundsätzen der Wissenschaft, die ich oben als 1. und 2. aufgeführt habe.
Erstens Wissenschaft kann nur Modelle zur Erklärung der Realität anbieten und ist niemals die Realität selbst. Daraus folgt, dass Wissenschaft niemals objektive Fakten schaffen kann und immer von äußeren Umständen beeinflusst wird. Ferner folgt daraus, dass es keinen Anspruch gibt, dass die eigenen Beschreibungen als gültige Wahrheit anerkannt werden muss und ihr nicht widersprochen werden darf. Dem zu entgegnen ist, dass es, bei allen Schwierigkeiten, eine Realität geben muss, da es sonst wohl kaum möglich wäre miteinander, mit uns und mit anderen Entitäten irgendwie zu agieren. Wenn jegliches Erleben und Handeln relativ wäre, wäre es uns unter anderem nicht möglich mit anderen Individuen zusammenzuleben und beispielsweise Gegenstände gleichermaßen als Gegenstände zu erfassen. Das heißt, was die Wissenschaft größtenteils nicht anzweifelt, ist dass es real existierende Dinge gibt. Was jedoch seit der Kritik am Konstruktivismus stärker reflektiert wird ist, dass die Beschreibung dieser Dinge mit großer wahrscheinlichkeit fehlerhaft und in jedem Fall subjektiv ist. Dass eine Beschreibung fehlerhaft ist, bedeutet allerdings nicht zwingend, dass sie falsch ist und im Gegensatz zur Wahrheit steht. Was ich sagen will ist, dass es die objektive Wahrheit in der Beschreibung nicht gibt, dass es allerdings subjektive Beschreibungen gibt, die sich nah an diese Wahrheit annähern, bis ihre Fehlerhaftigkeit herausgestellt wird. Sowohl vor dem Herausstellen der Fehlerhaftigkeit als auch nach diesem Vorgang ist es uns möglich Umstände einzusehen, die dazu führen, warum ein Subjekt zu der einen oder anderen subjektiven Beschreibung kommt oder warum diese Beschreibungen abgelehnt, beziehungsweise geleugnet werden. Auf die artikulierenden und reproduzierenden Subjekte werde ich später noch einmal eingehen. Welches Wissen sich durchsetzt und welches nicht, lässt sich nicht pauschal beantworten. Neue Theorien weisen darauf hin, dass es vor allem Massen sind, die Wahrheiten festlegen, was wiederum fatal wäre. So hieße das auch, dass Thesen als wahr angenommen werden, auch wenn sie widerlegbar sind, allein aufgrund der Tatsache, dass sie Massen besser ins Weltbild passen. Bei der Suche nach Wahrheit und der Beanspruchung von Wahrheit, handelt es sich um ein hochkomplexes Thema, das ich nicht endgültig beantworten kann und möchte.
Einfacher ist es die Frage nach der Verbreitung dieser subjektiven Wahrheiten zu beantworten. So setzen wir immer Wissen bei anderen voraus, wenn wir mit ihnen sprechen. Es wäre geradezu arrogant anzunehmen, dass andere Menschen verbreitete Wissenskonzepte nicht teilen. So würde sich eine Gruppe von erwachsenen Menschen zurecht veralbert fühlen, wenn ihnen eine Person erklären würde, dass die Wasseroberfläche eines Teiches bei unter 0° C Außentemperatur hart ist, weil das Wasser gefriert oder wenn sie erklären würde, dass die Flamme eines Gaskochers heiß ist. Was jedoch beachtet werden muss, dass unterschiedliche Subjekte unterschiedliches Wissen teilen. Eine Gruppe studierender Menschen wird auf ein anderes spezifisches und unspezifisches Wissen zurückgreifen können, als eine Gruppe schon seit der 10. Klasse praktisch arbeitender Handwerker*innen. Dennoch gibt es Teile des Wissens, das alle teilen, die Teil einer Gesellschaft sind. Dieses Wissen mag praktischer oder theoretischer Natur sein, doch es gibt Wissen, das als Grundwerkzeug einer Gesellschaft fungiert. Für dieses Wissen brauchen die Personen nicht alle mit denselben Gegenständen in Berührung kommen, um denselben Inhalt zu lernen. So wie nicht alle Personen einer Gesellschaft mit der gleichen gelben Plastikzahnbürste das Zähneputzen gelernt haben müssen, um im Anschluss mit verschiedenen Zahnbürsten Zähneputzen zu können, müssen nicht alle Personen einer Gesellschaft als Kind Disneys Schneewittchen gesehen haben, um über das Grundwissen von Geschlechterrollen (in dem Beispiel: die Frau macht den Haushalt während die Männer arbeiten gehen) zu lernen. Sowohl das Wissen über das Zähneputzen, als auch das Wissen über Geschlechterrollen wird verinnerlicht, reproduziert und von einer Gruppe von Subjekten als Wissen geteilt. Alle Kinder einer Gesellschaft, egal wie sie Zähneputzen und Geschlechterrollen lernen, teilen das Wissen darüber. Was ich an den Beispielen zeigen möchte ist, dass es in einer Gesellschaft ein geteiltes Wissen gibt, über das alle Personen einer Gesellschaft verfügen. Um nicht zu weit auszuholen, versuche ich zum Punkt zu kommen: Als Indikator für dieses von allen geteilte Wissen, kann die Populärkultur dienen. Was von der Populärkultur reproduziert wird, darf nicht zu weit vom Alltag der Menschen entfernt sein, um attraktiv für Massen zu sein und ist gleichzeitig Spiegel des verbreiteten Wissensstandes. Wenn es beispielsweise, die Benennung der Argumente dafür, unsere Gesellschaft als Patriarchat zu bezeichnen in der Populäkultur omnipräsent sind, dann muss das Wissen um die Benennung des Machtverhältnisse als kollektiv geteiltes Wissen vorausgesetzt werden, selbst wenn die Masse an Statistiken und Analysen von Diskursen dahinter möglicherweise weniger verbreitet sind. Als Beispiel dieser verbreiteten Argumente kann der #metoo in den sozialen Medien gesehen werden oder die Thematisierung von Sexismus in den Morgenmagazinen und in den Tageszeitungen, die Setzung des Themas Sexismus in daily soaps und ganzen Kinofilmen. Zusammenfassend lässt sich zu den ersten beiden Punkten sagen, dass ich das Dilemma um den ersten Punkt zum jetzigen Zeitpunkt nicht auflösen kann. Für den zweiten Punkt empfehle ich Blicke in die Populärkultur, sie verraten eine Menge über das kollektiv geteilte Wissen und die geteilten Diskurse einer Gesellschaft. Das gleiche gilt auch für Expert*innendiskurse, in denen auch kollektive Formen des Wissens vorausgesetzt werden müssen, die bei anderen Teilen der Gesellschaft nicht vorausgesetzt werden können.
Das Ende meiner Worte zum zweiten Punkt führt mich unweigerlich zum dritten Punkt. Wie ist eine andere Meinung zu einer These von einer Leugnung zu unterscheiden. Als wichtigstes Indiz können dabei offensichtliche Interessen dienen. So profitieren von einer Leugnung des Holocausts vor allem nationalistische Parteien und Personen, deren nachhaltiger Profit vom Holocaust bis heute nicht aufgearbeitet wurde. Auch von der Leugnung des Genozids an den Armenier*innen profitieren vor allem die Rechtsnachfolger*innen der damals beteiligten Staaten: Türkei und Deutschland. Von der Leugnung des Patriarchats, beziehungsweise patriarchaler Strukturen (Einteilung der Individuen in Männer und Frauen, Gender Pay Gap, Orgasm Gap, …) und sexistischer Praktiken (Beibehaltung des generischen Maskulinums, Mansplaining, undurchlässige Männergruppen, …) profitieren vor allem Männer und von Männern dominierte Gesellschaften. Dieser Logik folgend, ist es auch auffällig, dass es immer wieder nationalistische Parteien sind, die den Holocaust leugnen; Staaten der Täter*innen, die den Genozid an den Armenier*innen leugnen und Männer, die sexistische Praktiken und Strukturen leugnen. Die gegenläufigen Interessen zum kollektiv geteilten Wissen sind also ein wichtiges Indiz bei der Identifizierung einer Leugnung. Machtgefälle und Position der*s Autor*in sind bei der Rezeption von Thesen mitzudenken, um aufmerksam auf mögliche Leugnungen zu sein.
Ein weiterer wichtiger Punkt könnte die Inszenierung der gegenläufigen Meinung als eine These unter vielen und nicht als Gegenthese, Gegenrede oder Gegendiskurs zur kollektiv geteilten Meinung sein. Es ist offensichtlich, dass leugnende Thesen wie “die Erde ist eine Scheibe”, “einen menschengemachten Klimawandel gibt es nicht” oder “wir leben nicht in einem Patriarchat” nicht wie andere Thesen nur verschiedene Thesen in einem Spektrum sind. Obwohl diese Thesen sowohol konträr zum kollektiven Wissen, als auch konträr zu den allermeisten Expert*innenmeinungen stehen, wird der Standpunkt als Gegenthese sprachlich nicht klargemacht. Anders sieht es meiner Meinung nach bei Gegenthesen aus, die sich ihrer Gegenstimme bewusst sind.
Als letzter dieser Punkte muss hervorgehoben werden, dass kollektive Leugnungen schwerer erkannt werden können, als individuelle Leugnungen und dass sich in diesem Fall einige der vorher genannten Punkte möglicherweise umdrehen oder anders darstellen. Eines der besten Beispiele ist hier wohl die Leugnung von Tierleid im Alltag. Obwohl aus der alltäglichen Erfahrung bekannt ist, dass Tiere über Gefühle verfügen und Freude (wie wir es der Katze im Titelbild unterstellen würden) sowie Schmerz empfinden können, sagt die Erfahrung ebenfalls, dass dieses bekannte Wissen an der Wursttheke ausgeblendet, ja geleugnet wird. Die Wursttheke und die Akzeptanz der Wursttheke an sich ist quasi die Manifestation der kollektiven Leugnung des Tierleids. Die Verwendung des Wortes “Tierwohl” im Kontext von Teilen getöteter Tiere wohl die dazugehörige sprachliche Manifestation der Leugnung. In diesem Fall ist es der Gegendiskurs, der versucht die Leugnung zu durchbrechen. Selbst in diesem Fall kann die Populärkultur als Indiz herangezogen werden: was wird von den Diskursen einer Gesellschaft anerkannt und was wird geleugnet? Spätestens in diesem Punkt komme ich wie angekündigt vorerst an ein Ende und muss offen lassen, wie wir zwischen Einzelmeinungen und Leugnungen unterscheiden können. Ein Denkansatz könnte der Verweis auf die Position de*r Autor*innen sowie die Methodik der Formulierung liefern.

Sprachliche Muster der Leugnung
Bei jeder Differenz zwischen den unterschiedlichen Themen, in denen ich Leugnungen beobachte, sind gewisse Gemeinsamkeiten feststellbar. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen den Strategien und der Methodik der Leugnung. Leugnung kann sich ganz offensichtlich im Abstreiten einer allgemein akzeptierten Wahrheit äußern (A). Sie kann sich jedoch auch weniger auffällig und nicht minder gefährlich im Hinterfragen allgemein anerkannter Wahrheiten formulieren (B), Begriffsverschiebungen vornehmen (C) oder nur Einzelaspekte einer Wahrheit ausblenden und so die gesamte Wahrheit abschwächen, beziehungsweise die Anwesenheit von Akteur*innen (D) negieren.
Im folgenden einige Beispielsätze:
A: “Es gibt keinen vom Menschen beeinflussten Klimawandel.”
Das kollektive Wissen um den Einfluss der Lebensweise vieler Menschen auf das Klima wird geleugnet.
B: “Welche Hinweise gibt es für die strukturelle Diskriminierung von Frauen in unserer Gesellschaft?”
Die kollektive Verbreitung der Argumente von einer patriarchalen Gesellschaft zu sprechen wird geleugnet.
C: “Gedenken anlässlich des 90. Jahrestages des Auftakts zu Vertreibungen und Massakern an den Armeniern am 24. April 1915”
Überschrift einer Resolution der CDU / CSU-Fraktion über den Genozid an den Armenier*innen. Der Genozid wird als “Vertreibungen und Massaker” abgeschwächt und der Genozid so geleugnet.
D: “Wir möchten uns bei all denen entschuldigen, die sich durch den Post verletzt fühlen.”
Angelehnt an die Reaktion einer Discount-Kette auf einen Post, in dem das Bild von Frauen als Objekte für Männer aufgegriffen wurden. Es wird weder die reale Diskriminierung, die mit solchen Bildern reproduziert wird, noch der Discounter als Täter der Diskriminierung benannt. Sowohl Täter, als auch Tat werden in der “Entschuldigung” geleugnet und reproduzieren so die zuvor durchgeführte Diskriminierung.

Umgang mit Leugnungen
Das perfide an Leugnungen ist, dass sie nur schwer von geringen Erfahrungen oder einem anderen Standpunkt zu einem Thema zu unterscheiden sind. Beide Fälle jedoch einen sehr unterschiedlichen Umgang benötigen. Während im zweiten Fall der Austausch von Argumenten oder ein Zugang zu Wissen eine Antwort sein könnte, darf es niemals die Antwort auf eine Leugnungsstrategie sein. Denn der Austausch von Argumenten ist nicht das Ziel einer Leugnung und wird nur den Leugnungsdiskurs reproduzieren. Wer auf eine Leugnung mit Argumenten innerhalb einer Leugnungslogik reagiert, bedient ausschließlich einen Diskurs der Leugnung. Eine Leugnungslogik ist in dem Fall die Möglichkeit allgemein anerkannte Wahrheiten infrage zu stellen und abschwächen zu dürfen. Innerhalb dieser Logiken zu argumentieren und diesen Logiken Raum zu überlassen kann nicht das Ziel der Kommunikation sein.
Die zwei einfachsten Lösungen scheinen es mir zu sein, Leugnungsdiskurse zu verlassen und so sichtbar zu machen, dass mit der Leugnung eine Grenze des Zusammenlebens übertreten wurde oder, gerade mit Publikum zu bevorzugen, auf den Leugnungsdiskurs und die Leugnung an sich hinzuweisen. Beide Optionen werden möglicherweise nicht auf Verständnis stoßen. Doch die Frage ist, was sind die Alternativen? Den Logiken der Leugnung Raum zu schenken, so den Diskurs zu vergiften und überhaupt erst Fuß zu fassen? Durch die Reproduktion des Diskurses selbst zum Teil des Leugnungsdiskurses und somit selbst zum Täter werden? Ich möchte nicht Teil eines Diskurses sein, der Gewalt über die Logiken der Leugnung relativiert und reproduziert.
Obwohl es schwer sein mag von Wahrheiten und Fakten zu sprechen, ist es wohl relativ einfach von einem kollektiven Wissen (Indiz kann hier die Populärkultur oder die Kultur spezieller Gesellschaften sein) zu sprechen, sowie das Wissen um Position und Interessen von Autor*innen zu benennen und in Zusammenführung beider Punkte zu identifizieren wann bewusst oder unbewusst geleugnet wird. Der Umgang damit verlangt Ausdauer, Kraft und Willen und die Ergebnisse sind ungewiss. Allerdings sind es Leugnungen in vielen Formen, die einem friedlichen Leben heute im Weg stehen und eine Bekämpfung der Leugnungen ist meiner Meinung nach der einzige Weg, der ein friedliches Zusammenleben ermöglichen könnte. Die Identifizierung und Benennung von Leugnung ist ein wichtiger Teil in der politischen Arbeit im Sinne einer gerechten Gesellschaft und der Begrenzung von Gewalt.

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Are all cops Bastards?

Die emanzipatorischen Bewegungen haben ein Problem, wenn sie gegen staatliche Repressionen ankämpfen. Es heißt: Pauschalisierung von Polizist*innen.
Ich verstehe und teile Kritik an repressiven Staatsorganen und sehe dass es strukturelle Probleme bei der Polizei gibt, doch ich sehe auch keine Alternative.

Es gibt keine Alternative zum Beruf de*r Polizist*in

Selbst alternative oder autonome Systeme setzten Kontrollinstanzen ein, die ihr System erhalten wollen und gegen „Delikte“ verschiedener Art vorgehen. Ich sehe keine funktionierende Alternative zur Idee einer Polizei. Bei der Auseinandersetzung mit diesem Organ beziehungsweise auch dem Beruf, sollten wir nicht nur an die repressive Arbeit denken, mit der der Staat versucht emanzipatorische Arbeit zu zerschlagen, sondern tatsächlich auch ganz banal an den verhinderten Diebstahl oder den verhinderten Mord. Selbst bei der Funktion der Polizei als repressives Organ, ist nicht die*der Polizist*in als alleinige Schuldige an diesem System zu sehen. Klar, ein*e Polizist*in wählt ihren*seinen Beruf selbst in einem bestimmten Staat, doch braucht jedes System diesen Beruf. Die Repression ist nur eine Seite der Medaille, auf der anderen Seite steht unter anderem der Schutz vor tatsächlicher willkürlicher Gewalt. Dabei soll natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass auch diese Arbeit als Vorwand für willkürliche Gewalt genutzt werden kann, doch das ist sicherlich nicht das Ziel jeder*s Polizist*in.

Polizei und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Offensichtlich ist, es gibt Probleme bei der Polizei und auch mit Polizist*innen. Es gibt mehr als eine Studie, die darauf hinweist, dass gerade die Polizei ein Sammelbecken für autoritäres und menschenfeindliches Gedankengut ist. So gibt es sowohl Studien, als auch Insiderberichte, die darauf hinweisen, dass rassistisches Gedankengut bei der Polizei besonders verbreitet ist. Ich halte es jedoch für eine Vereinfachung, wenn wir die Schuld daran nur den Polizist*innen zuschieben. Die Gefahr für das eigene Leben, der Kontakt mit verschiedenen Menschen, viel zu lange Schichten, die ein Privatleben nur unter erschwerten Bedingungen ermöglichen und das zu einem (meiner Meinung nach) zu geringem Lohn, sind nicht gerade eine gute Basis für ein großes Interesse an der Einordnung der Erlebnisse im Dienst.

Das Gehirn neigt zur Vereinfachung, Schubladendenken und Pauschalisierung. Es ist logisch, dass wenn ein*e Polizist*in vier mal in Folge zu einer Person mit einer dunkleren Hautfarbe gerufen wird, die ihre Frau verprügelt, eine Schublade konstruiert. Das ist nicht böse und auch nicht mit Vorsatz. Dennoch bildet sich eine rassistische Schublade, die nichts mir der Realität zutun hat. Nicht zuletzt, weil unsere Gesellschaft stetig reproduziert, dass „dunklere Hautfarbe“ eine wichtige Eigenschaft zur Bewertung von Menschen sei.
In dem Alltag eine*r Polizist*in bleibt keine Zeit und vielleicht auch keine Kraft zur Reflexion, dabei wäre gerade diese besonders wichtig. Natürlich gibt es genügend dieser Studien, die zeigen, dass Straftaten nie monokausal begründbar sind und Faktoren wie Armut und individuelle Sozialisation die wesentlichen Faktoren sind, die Straftaten begründen. Zusätzlich gibt es Studien, die zeigen, dass bei PoC-Täter*innen (natürlich aufgrund rassistischer Konstruktionen) häufiger die Polizei gerufen wird, als bei weißen Täter*innen.

Doch wann und warum soll sich ein*e Polizist*in die Zeit für diesen Draufblick auf die eigene Arbeit nehmen? Welchen Anreiz gibt es zur Reflexion? Wer kümmert sich um eine Aufarbeitung dieses Wissens? Wer betreut diese Reflexionsarbeit? Das Problem ist nicht, dass alle Polizist*innen „bastards“ sind. Das Problem ist die Struktur, in der sie arbeiten.

Die Antwort darauf sind keine Steine, sondern Informationsangebote und Investitionen in die Polizei. Bezahlter Urlaub zur Reflexion in eigenen soziologischen, historischen und kulturwissenschaftlichen Kursen und mehr Polizist*innen wären Lösungen für das Problem des Rassismus bei der Polizei, keine pauschalen Beleidigungen. Von den Kursen hätte übrigens nicht nur die Gesellschaft, vor allem PoC, und die Polizist*innen selbst etwas, sondern auch die beteiligten Wissenschaftler*innen. Der Austausch mit der Praxis kann der Wissenschaft nie schaden und gibt immer fruchtbaren Input.

Faschist*innen sind zur Polizei netter als Antifaschist*innen

Ein weiteres Problem ist nicht so „leicht“ zu lösen. Der Vergleich zwischen Chemnitz und dem G20-Gipfel zeigt wieder exemplarisch, viele Polizist*innen können mit „rechtsextremen“ Bewegungen mehr anfangen, als mit emanzipatorischen Bewegungen. Das hat natürlich auch und in erster Linie systematische Gründe, die hier keine Rolle spielen sollen. Doch auch persönlich, treten „Rechtsextreme“ der Polizei gegenüber freundlicher auf, als Demonstrierende emanzipatorischer Bewegungen und autonomer Aktivist*innen. Begründet ist dies in den verschiedenen Ideologien und Überlegungen.

Während emanzipatorische Bewegungen entweder das bestehende System verbessern oder überwinden wollen, um Rassismus, Sexismus, Klassismus, und andere gruppenbezogenen Feindlichkeiten abzuschaffen, stehen sie in Opposition zum bestehenden System und damit auch zur Polizei, die dieses System in dem Moment repräsentiert und verteidigt. Physische oder psychische Gewalt gegen Polizist*innen kann die Folge dieser, meiner Meinung nach, unterkomplexen Überlegungen sein. Rechtsextremismus hingegen kritisiert nicht die angesprochenen Ungerechtigkeiten und Feindlichkeiten des Systems, er will sie in extremer Form.

Rechtsextremismus ist keine Opposition zum System, sondern das System in extremer Form. Repräsentant*innen des Systems stellen für sie daher keine prinzipiellen Gegner*innen dar. Das wird auch allein daher sichtbar, dass der repressive Staatsapparat seltener etwas gegen Rechtsextreme unternimmt oder sie als Gefahren des Systems einstuft.

Pauschalisierung ist keine Lösung

Zusammenfassend: wer ein bestehendes System kritisiert, muss nicht pauschal etwas gegen Polizist*innen haben. Auch andere Gesselschaftsysteme bieten keine Alternative für ein polizeiähnliches System beziehungsweise ein polizeiähnlichen Beruf. Das bedeutet wiederum nicht, dass die Polizei nicht kritisiert werden darf. Bestehende Probleme, der Konzentration gruppenfeindlicher Ideologien bei der Polizei müssen angesprochen werden und die Probleme angegangen werden. Dies tut man jedoch nicht mithilfe von Pauschalisierungen gegen Polizist*innen, sondern mit finanzieller und personeller Unterstützung. Dass sich diese Ideologien so gut einnisten können, ist ein Problem von Gesellschaftssystemen und nicht von Individuen.

Nur Mimosen glauben an eine „Rassismuskeule“

Eine Keule, die alle niederschlägt, die sich trauen „die Wahrheit“ zu sagen. Das Bild der Nazi- oder Rassismuskeule ist allgegenwärtig, wenn es darum geht rassistische Konstruktionen und Denkstrukturen sichtbar zu machen. Dabei stellen sich zwei Fragen: gibt es eine Wahrheit und wenn ja, wie viele?

Beginnen möchte ich diesen Artikel mit einer objektiven und neutralen Wahrheit: es gibt keine objektiven und neutralen Wahrheiten.

Na gut, vielleicht in der Mathematik und vielleicht auch in der Philosophie. Das liegt dann aber daran, dass wir uns zuvor einen fiktiven Raum erstellen, in dem unsere Wahrheiten funktionieren. In den empirischen Wissenschaften gibt es keine Wahrheiten. Nur mehr oder weniger gut begründete Erklärungsversuche. Dennoch: gerade in der aktuellen Debatte um Rassismus beanspruchen viele „die Wahrheit“ für sich. Ob nun aufgeregt in einem „Ich darf nicht die Wahrheit sagen!“ oder „Lügenpresse“ oder in einem beruhigten „Lassen Sie uns einmal sachlich die Fakten erörtern.“ Keinem dieser Aussagen kann und werden neutrale Fakten folgen. Erst recht nicht, wenn es bei dem Gesagten um Menschengruppen geht. Die Rahmen in denen wir Probleme betrachten oder nicht betrachten sind nicht neutral, sondern subjektiv und bestimmt durch die Ideologien, die uns beeinflussen. Sie sind beeinflusst von bewusstem oder unbewusstem Streben nach Macht.

Die Fiktion der Ordnung der Menschen

Wenn sich eine Partei oder eine Regierung für die Korrelation zwischen Herkunft von Täter*innen und Straftaten interessiert, wird das Ergebnis keine objektiven Fakten schaffen. Die gewählten Betrachtungsrahmen oder „Frames“  sind nicht objektiv. Das Interesse gerade an dieser Korrelation ist Ideologien unterworfen und steht in der Tradition rassistischer Denkstrukturen. Niemand würde auf die Idee kommen nach einer Korrelation zwischen Straftaten und Augenfarbe der Täter*innen zu fragen oder Straftaten und Haarlänge. Diese Betrachtung scheint uns aus gutem Grund absurd zu sein. Jemand der sich auf den Dorfplatz stellt und ruft „Wir haben nichts gegen Kurzhaarige, aber Fakten müssen ausgesprochen werden. Kurzhaarige klauen häufiger Autos!“, würde wohl maximal müde belächelt werden. Selbst wenn es „wahr“ wäre, dass es eine Korrelation gäbe. Welche Konzepte zur Unterscheidung von Menschen aufgegriffen werden, folgt historischen Festlegungen und Machtkämpfen, nicht objektiven Gründen oder „Wahrheiten“.

Nach den Erfahrungen des Holocausts und anderen Verbrechen des Nationalsozialismus sind einige dieser willkürlichen Konzepte zu No-Gos in der deutschen Gesellschaft geworden und das aus gutem Grund. Zusätzlich und teilweise auch als Folge dessen haben sich kritische Theorien herausgebildet, die vor allem diese bestehenden willkürlichen Kategorien hinterfragen. Dabei wurde sichtbar, dass diese Konzepte häufig vom Establishment und der hegemonialen Öffentlichkeit reproduziert werden und so bestehenden Machtlinien aufrechterhalten werden. Diese Hinterfragung beginnt bei einem selbst, der eigenen Gesellschaft und erreicht natürlich auch jene Mitglieder, die man in einer Diskussion ernst nimmt. Ich weiß nicht, wie oft ich bei mir selbst schon diskriminierende Denkstrukturen festgestellt habe und mir andere attestierten. Das betrifft bei mir in erster Linie nicht unbedingt den Punkt des Rassismus (falls man das als Weißer von sich behaupten kann), hier wäre vielleicht mein romantisiertes und pauschalisierendes Orientbild zu nennen, mit dem ich in das Studium eingestiegen bin. Was ich bei mir in erster Linie eindeutig feststelle sind klassistische (Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft), speziesistische (Diskriminierung aufgrund der Artzugehörigkeit) und auch sexistische Denkstrukturen. Ferner wurden Wissenschaftler*innen, die mit mir Denkkonzepte teilen oder ich selbst aufgrund von holocaustrelativierenden, antisemitischen und der islamfeindlichen Denkstrukturen kritisiert. Zusätzlich bin ich wohl einer der ‚Könige‘ des Mansplaining (Männer erklären anderen Geschlechtern die Welt), was mir erst durch die Benennung des Problems durch Aktivist*innen bewusst wurde und worauf ich erst heute wieder richtigerweise von meiner Partnerin hingewiesen wurde. Diese Kritik ist wichtig und für mich die Grundlage für produktives und kritisches Denken. Keine dieser Kritiken geht spurlos an mir vorbei, sondern sensibilisiert mich für Probleme meiner eigenen Konstruktionen und Handlungen. Ich bin für jede dieser Kritiken dankbar.

Wir wissen alle, dass die hegemoniale Kultur in Deutschland von Sexismus, Rassismus, Speziesismus, Klassismus und vielen weiteren diskriminierenden Ideologien geprägt ist. Ich habe mir all diese diskriminierenden Ideologien nicht bewusst angeeignet. Ich wurde von ihnen indoktriniert, bevor ich sie reflektieren konnte. Ich wurde indoktriniert von Staat, Schule, Familie, Vereinen, Museen und Massenmedien. Wie soll ich diese Ideologien durchbrechen, wenn ich nicht von außen darauf aufmerksam gemacht werde? Wie sollen wir als Gesellschaft diese Konzepte durchbrechen, wenn wir uns nicht gegenseitig auf diese Denkkonzepte und Ideologien aufmerksam machen?

„Besorgte Bürger*innen“ fordern eine Generalamnestie

Es gibt jedoch jene, die der Überzeugung sind, sie sprächen Wahrheiten aus, wenn sie diese Ideologien reproduzieren. Eine Kritik von außen an diesen Konstruktionen wird dann als Versuch wahrgenommen die „Wahrheit“ verstummen zu lassen. Damit macht man es sich natürlich sehr einfach und versucht sich vor jeder Kritik zu immunisieren. Die „Nazikeule“ ist keine Keule. Sie ist der Versuch festgefahrene und manifestierte Konstruktionen aufzubrechen, die ausschließlich historische Machtgefüge reproduzieren und einer Annäherung an eine Wahrheit im Weg stehen. Sie ist der Versuch diese Meinungen ernst zu nehmen und auf die verwendeten Bezugspunkte einzugehen. Natürlich ist es einfach eine Korrelation zwischen Straftaten und Herkunft der Täter*innen herzustellen und tradierte Konzepte auf der Basis von „Rassenzugehörigkeiten“ und Herkunft zu konstruieren. Wer diesen einfachen Weg gehen möchte, darf sich dann jedoch nicht über jene beschweren, die den Rassismus in diesem Vorgehen benennen. Denn natürlich konstruiert es das Konzept einer Rasse, wenn jemand behauptet, dass es einen monokausalen Zusammenhang zwischen Herkunft oder Aussehen und Neigung zu Straftaten gäbe. Warum sollten „besorgte Bürger*innen“ nicht im gleichen Maße kritisiert werden dürfen, wie ich auch meine eigenen Wahrnehmungen und Vereinfachungen der Wirklichkeit kritisiere? Es leuchtet mir nicht ein, warum sich ein bestimmter Teil der Gesellschaft dieser Kritik entziehen können sollte. Wenn jemand ein Bild von „Rassen“ konstruiert, muss er sich die Kritik gefallen lassen, wenn darauf aufmerksam gemacht wird, dass dieses Modell und diese Vereinfachung in der Vergangenheit kein produktives Abbild der Wirklichkeit geschaffen hat, sondern ausschließlich zu Hass und Leid führte und im Sinne bestehender Machtlinien argumentierte.

Wer das Konzept des Rassismus noch einmal reflektieren möchte, der*die kann das auch hier in meinem Blog tun.

Sachsen der Sündenbock?

Die Progrome der letzten Tage zeigen auch den Letzten wie aktuell das Thema Rassismus in unserer Gesellschaft ist. Doch die aus der Enttäuschung geborene Kritik greift zu kurz, mal wieder.

Schon seit Monaten, ja vielleicht Jahren, werden die öffentlichen Diskurse von Zuwanderungsthemen dominiert. Dabei wird häufig über die Methode gestritten, wie so genannte „Ausländer*innen“ identifiziert werden, besser germanisiert („integriert“), im System unsichtbar und am besten aus dem System ferngehalten werden können. In dieser Diskussion gehen wir (mich eindeutig eingeschlossen) den rassistischen Kräften viel zu oft auf den Leim. Wir übernehmen die Scheindebatten über sprachliche und methodische Umsetzung der gleichen Ideologien, wenn wir versuchen zwischen der Zuwanderungspolitik der AfD und der CDU zu differenzieren oder wenn wir uns über den Mob in Chemnitz empören, aber über die Praktiken von Frontex „sachlich“ diskutieren wollen.

Seit Jahren werfen die UN und NGOs wie Amnesty International den staatlichen Strukturen der Bundesrepublik Deutschland einen strukturellen Rassismus bei Ämtern, Polizei und Politik vor. Die Antworten der Regierungsvertreter*innen können nur mit dem Begriff der Leugnung umschrieben werden. Entweder die Berichte werden wie 2015 ignoriert oder es wird, wie 2018, vom eigenen Rassismus auf den Rassismus in der Bevölkerung abgelenkt.

Spielen wir das Spiel nicht länger mit, bei dem AfD, Pegida und Neonazis so tun, als wären sie eine Opposition zum politischen System. Seit Jahren ist der geforderte Rassismus institutionalisiert. Seit Jahren wird das eh schon restriktive Asylrecht immer weiter beschnitten und die bereits realisierte „Festung Europa“ weiter abgeschottet.
Dafür sorgt nicht die AfD, nicht Pegida und nicht die Neonazis aus Chemnitz. Dafür sorgt die aktuelle Regierung, jede*r, der für sie ein Kreuz bei der letzten Wahl gesetzt hat und wir als Zivilgesellschaft, die weder Kreuze, noch Zäune, noch Todesstreifen, noch Ertrunkene verhindern konnte.

Gestritten wird nicht über die Praxis „Ausländer“ zu jagen, das macht der Staat selbst mit „racial profiling“ und Frontex. Gestritten wird auch nicht über die Ideologie der Differenzierung zwischen Mensch und „Äusländern“. Auch auf diesem Gebiet herrscht ein Konsens zwischen Regierungsparteien, AfD und Neonazis. Gestritten wird ausschließlich über die Aggressivität der Sprache und Methodik der Durchsetzung. Die aktuelle Diskussion heißt nicht Rassismus ja oder nein, sondern: Faust oder Tonfa, biologisierte Rassen oder Kulturkreise.

Nun ist natürlich die Frage nach Sprache und Methodik nicht zu gering zu bewerten. Es gibt wohl kaum etwas wichtigeres. Es würde das Ausmaß der physischen Gewalttaten relativieren, wenn ich nicht darauf aufmerksam machen würde, dass die Methodik und Sprache durchaus einen immensen Unterschied für die individuellen Opfer der rassistischen Gewalt machen kann. Wer das Problem Rassismus jedoch stoppen will, darf nicht nur über die Ausprägungen verhandeln, sondern muss ihm auf den Grund gehen: in Staat, Zivilgesellschaft und bei sich selbst. Dabei dürfen wir nicht darüber hinwegsehen, dass es bei der Reproduktion des Konzepts (oder besser der Ideologie) Rassismus einen Konsens zwischen Regierung und der rechten Schein-Opposition gibt. Mit dieser Schein-Opposition führt die Regierung Scheindebatten, von denen wir uns nicht einlullen lassen dürfen.

Wo die echte Opposition gegenüber dem System steht, zeigte sich wieder in Chemnitz. Während emanzipatorischer Protest (z.B. in Wurzen oder in Hamburg) stets vom Staat eingeschränkt, klein gehalten oder diffamiert wird, lässt er rassistische Progrome gewähren.
Oder um es mit den Worten der Band Neonschwarz zu sagen:

„Dem Staat zu trauen, wäre dumm und ignorant.
Denn warum sollte er beschützen, was er selber nicht will.
Abschiebung, Frontex, Stacheldraht und Tod
Warum sollte er beschützen, was er selber killt?“

Die stille Allianz mit Faschist*innen – Abschwächungen des Faschismusbegriffs

Edit: Da ich alle meine Arbeiten bei Academia gelöscht habe, habe ich die betreffende Arbeit nun bei WordPress hochgeladen und die entsprechenden Links aktualisiert.

Im Zuge einer meiner Arbeiten, konnte ich mich vertieft in den Begriff des Faschismus‘ einarbeiten. In den aktuellen Debatten fällt immer wieder auf, dass der Begriff als Reizwort dient, um polemisch zuzuspitzen.

Linke und Liberale verwenden ihn für konservative Strömungen, um diese ohne weitere Begründung zu stigmatisieren, selbst wenn es gute Begründungen für Kritik gibt. Neurechte und Konservative verwenden ihn für öko-soziale Strömungen, erstens um diese zu stigmatisieren, zweitens um den Faschismus des nationalsozialisitschen Regimes zu verharmlosen, zu relativieren und Schuld zu leugnen.

Beide Verwendungen verharmlosen gewollt oder ungewollt die faschistischen Strömungen des 20. und 21. Jahrhunderts und damit auch die Opfer dieser Ideologien. Ideologien können menschenfeindlich, nationalistisch, diktatorisch oder sexistisch sein ohne zwingend faschistisch zu sein. Wer den Begriff inflationär verwendet, geht eine stille Allianz mit den echten Faschist*innen ein, die ein Interesse daran haben, dass die Durchschlagskraft des Begriffs abgeschwächt wird.

Auf der anderen Seite darf die Durchschlagskraft des Begriffs nicht davor abschrecken, ihn zu verwenden, wenn sich Ideologien in die Definition der faschistischen Ideologie und damit im Sinne der Kriterien einordnen lassen. Im aktuellen Forschungsstand gilt Matthew Lyons‘ Theorie als maßgeblich für einen definierenden Faschismusbegriff. Aus seiner Definition habe ich sechs Kriterien (von insgesamt acht) herausgezogen, die mindestens erfüllt sein müssen, wenn man es mit Faschismus zu tun hat. Dass dieser Begriff noch heute Anwendung finden muss, zeigt die Analyse des Soziologen Andreas Kemper. Dort beweist er, dass sich Zitate von Björn Höcke in den Begriff des Faschismus einordnen lassen.

Meine Arbeit zum Faschismus in Ägypten und die Auflistung der Kriterien gibt es hier: Nagib

Unpolitisches Olympia –ein kurzer Kommentar

Wie kommt man auf die Idee, dass Politik bei den olympischen Spielen oder anderen sportlichen Veranstaltungen nichts zu suchen hätte?

Internationale Großveranstaltungen bei denen Nationen gegeneinander antreten.

Wer schon allein die Existenz von Nationen voraussetzt, definiert was eine Nation ist und festlegt welche Nationen existieren, übt politische Macht über andere aus.

Wenn dann noch medial einige Nationen (nur per Vorurteil) des Betruges bezichtigt werden, an muslimischen Sportlerinnen das Kopftuch und nicht ihre Leistungen interessant sind, Damen-Disziplinen nur als „Randsportart“ geführt werden, „Sportler“ bei den Damendisziplinen antreten und Angela Merkel beschuldigt wird erstens nicht vor Ort zu sein und dann auch in alter Pegida-Manier als undifferenziertes Hassobjekt für angebliches Versagen angeführt wird, wie ist es da möglich von einer unpolitischen Veranstaltung zu sprechen?

Das kann man man jetzt doof finden oder negieren wollen, die positiven oder die negativen Seiten sehen, aber Veranstaltungen, bei der Menschen(gruppen) gegeneinander antreten, werden immer politisch sein.

Tod durch EU

Es ist ein bisschen erschreckend: vor ein paar Tagen griff ich hier, Jakob Augsteins Forderung nach einem positiven Populismus auf. Kurze Zeit später haben wir ihn dann– in Form eines Bildes, das abstoßend ist und auch für mich so falsch wirkt, um es als Werbemittel für eine Zeitung zu verwenden.

Und doch funktioniert es, die ersten Facebook-Freundinnen und -Freunde, die sonst durch ihre Forderungen vielleicht indirekt, allerdings um so aktiver für ein Ertrinken von Vertriebenen, Flüchtenden und auch der gezeigten Familie einstanden, zeigen Mitgefühl. Zum ersten Mal scheinen sie zu verstehen, was ihre Ideologien der Abschottung wirklich bedeuten.

Doch statt die gewonnenen Einsichten und Mitgefühle zu nutzen, diskutieren wir, ob das Bild gezeigt werden, beziehungsweise sogar als Titelblatt benutzt werden sollte. Verschwenden wir nicht mit dieser sinnlosen Debatte Zeit und Energie.

Die Argumente sind so vielschichtig, dass eine schnelle, überlegte Antwort wohl nicht möglich ist.

Das Bild wurde nun sowieso schon gezeigt und als Titelblatt auf Zeitungen und als Like-Fänger in sozialen Netzwerken missbraucht. Diese schnelle Verbreitung bewegte allerdings auch etwas in vielen Köpfen.

Nutzen wir diese Energie, die es ohne Zweifel freigesetzt hat.