Die Mörderin und die Tierethik

Vorab kurz die oberflächliche Abgrenzung der Begriffe Ethik und Moral, die für dieses Thema wichtig sind.

Die Moral bezeichnet die Bedingungen, also die bestehenden Werte, nach denen eine Person als solche geachtet oder missachtet wird.
Ethik wiederum beschreibt und hinterfragt die bestehenden Normen.

Kurz: Moral ist die Zurechnung auf Personen. Ethik ist die Zurechnung auf Normen.

Der aufmerksamen Leserin und dem aufmerksamen Leser wird bereits aufgefallen sein, dass der Teilbereich der Philosophie beziehungsweise der Theologe: Tierethik und nicht Tiermoral heißt. Das heißt konkret, die Tierethik ist nicht an bestehende Normen gebunden, sondern verhandelt Diese.

Exemplarisch gibt es in den Diskussionen, in denen Laien sich mit ethischen oder moralischen Themen auseinandersetzen, große Missverständnisse zwischen moralischer und ethischer Betrachtung der Themen.
Wie bei anderen ethischen Diskussionen auch, wird schnell mit bestehenden juristischen und damit moralischen Normen argumentiert. „Das steht im Tierschutzgesetz aber anders“ oder „Tiere töten kann kein Mord sein, juristisch ist Mord anders definiert.“. Wenn wir der Logik der Definition von Ethik folgen, wird uns klar, dass ein bestehendes Gesetz nicht allein die Legitimation für die Norm sein kann, da in der Ethik eben jene bestehende Normen, ob nun explizit oder implizit bestehend, diskutiert werden.
Das heißt nicht, dass es für ein Gesetz nicht gute Gründe geben kann, nur dass ein bestehendes Gesetz allein kein Grund für die Norm sein kann, die das Gesetz ja eigentlich erst ausdrücken soll.

Tierethik heißt übrigens nicht zwingend: Tierrechte, also Tieren die gleichen Rechte wie Menschen zuzusprechen. Dies ist vielleicht die medial lauteste der Überlegungen. Die Tierethik an sich beschreibt allerdings das ganze pluralistische und meist gut begründete Meinungsspektrum, die solch eine wissenschaftliche Diskussion aushalten muss und das durchaus sehr bunt sein kann. Ein pauschales Verbot der Überlegung dieses Teilbereichs der Philosophie, spräche also nicht nur gegen Tierrechts- Bestrebungen, sondern gegen das ganze Spektrum der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der Thematik.
Übrigens hat der Teil dieses Spektrums, der gegen Tierrechte spricht, auch sehr gute tierethische Argumente dagegen und diese will man sich doch mit einem pauschalen Verurteilen dieser Summe an Überlegungen sicherlich nicht verderben.

Das gilt nebenbei für alle ethischen Überlegungen im wissenschaftlichen Sinne:

  • Eine ethische Überlegung ist nicht an gegebene moralische Normen gebunden.
  • Demzufolge kann die Existenz eines Gesetzes keine Begründung für eine bestehende Norm sein, maximal Ausdruck Dieser.
  • Bestehende Normen dürfen und müssen von der Ethik hinterfragt werden, sonst handelt es sich nicht um ethische Überlegungen.
  • Die wissenschaftliche Ethik ist (einem kognitivistischen Ansatz folgend) auf alle Bereiche des Lebens anwendbar und  gibt nicht die Möglichkeit nach belieben zu dispensieren: weder in bestimmten Situationen noch von bestimmten Personen.

⇒Wer wider dem Ergebnis der moralischen Überlegung handelt, weil es ihm oder ihr aus ökonomischen, politischen, juristischen oder anderen egoistischen Motiven nicht gefällt, handelt moralisch schlecht, egal in welchem Bereich des Lebens.

Des weiteren ist eine sehr wichtige Eigenschaft der Moral, dass sie symmetrisch ist.
Das heißt: Erwartungen, die ich an andere stelle, muss ich, um Ernst genommen zu werden, auch selbst erfüllen.
Am Beispiel der Tierethik heißt das: wer von anderen Menschen erwartet, dass diese anderen Tieren kein Leid zufügen, muss diese Erwartung selbst erst erfüllen. Was in der Komplexität unserer heutigen Wege der Rohstoffe wohl eher schwierig zu garantieren ist. Einen schönen Artikel zu dieser Problematik findet ihr hier.

In diesem Sinne haben Tierrechtler*innen das Recht anderen auf moralischer Ebene Mord vorzuhalten, allerdings bitte symmetrisch. Normen, die von ihnen für andere aufgestellt werden, müssen auch von ihnen selbst eingehalten werden. Sie haben gute Gründe dafür diese Normen aufzustellen, so wie ihre Gegner*innen wohl gute Gründe haben ihnen zu widersprechen.

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