Einheit ist gut, Vielfalt ist besser

Der Mythos von der Reinheit einer Kultur

Viele moderne, radikale ideologische Strömungen fallen durch ihren Anspruch auf die Reinhaltung einer bestimmten Identität oder dem Teil einer Identität auf.

Was ist an dieser Vorstellung so schwierig?

In den Kulturwissenschaften gehen wir davon aus, dass Kulturen immer Amalgame verschiedener Kulturteile sind und in einem Komplex aus Völkerbewegungen, kulturellen Entwicklungen und Migration von Individuen unter einer kontinuierlichen Beeinflussung stehen.

Zu so einer Beeinflussung der Kultur bedarf es immer der Mitarbeit zweier Seiten. Eine Partei muss beeinflussend wirken und die Andere muss die Beeinflussung auch zulassen, um so einen Einfluss nachhaltig in einer Kultur zu etablieren.

Beispiele einer beeinflussten Kultur aus dem Alltag:

religiöse Beispiele:

  • Die Organisation „Islamischer Staat“ strebt eine Rückkehr zu einem angeblich ursprünglichen Islam an. Was von den Initiierenden dabei meist vergessen wird, ist das selbst dieser Ausgangspunkt schon einer Bandbreite von äußeren Einflüssen ausgesetzt gewesen wäre und sich nicht nur als typisch islamisch bezeichnen ließe. Denken wir an die Einflüsse aus früheren altarabischen Religionen: unter anderem Mekka als heiligen Ort, das Verbot vom Alkoholgenuss, das schon zu Zeiten der römischen Herrschaft über die Provinz „Arabien“ belegt ist oder die große Zahl von religiösen Überschneidungen mit Tanach und Bibel.
  • Ein weiteres Beispiel aus dem Islam wäre die Strömung des Sufismus. Sie ist stark von christlich- asketischen und buddhistischen Einflüssen geprägt, trotzdem wird sie in der Mehrheit der mir bekannten Texte ohne Zweifel als muslimische Strömung bezeichnet.
  • Von liberalen, muslimischen Apologet*innen und Islamwissenschaftler*innen wird gern behauptet, dass Homophobie nicht islamisch sei, da sie vor dem Import aus dem viktorianischen Westen nicht nachweisbar sei.
    Im Gegenteil, uns ist aus einer Vielzahl von Quellen bekannt, dass homoerotische Literatur an herrschaftlichen Höfen sogar verbreitet war.
    Dieser Fakt ist zwar historisch nicht von der Hand zu weisen, trotzdem ist auch Homophobie heutzutage in einigen Regionen leider Teil des gelebten Islam. Ob dieser Teil der Religion nun unter einem äußeren Einfluss oder autark entstanden sei, ist vielleicht aus historischer Perspektive interessant, sagt allerdings nichts über seinen Stellenwert im Islam aus.

Doch auch auf der Ebene nationalistischer Ideologien begegnet uns dieses Phänomen.
Ein Beispiel wäre die Theorie von der angestrebten Reinhaltung der Sprache.
In diesem Zusammenhang gibt es einige Bestrebungen, in der eine angenommene ‚Ursprache‘ als Konsens gewählt und ein Versuch unternommen wird, diese nun isolierte Sprache jeglichen Einflüssen zu entziehen.
Vereinbar sind diese Vorstellungen vor allem mit nationalistischen Theorien, auch für diese eine reine ‚Urkultur‘ von Nöten ist und häufig mit dem scheinbar nationalen Element, Sprache, verknüpft wird.

  • Ein Beispiel ist der Sprachpurismus, der immer mal wieder belebt wird, zumindest ließe er sich nur aus nationalistischer Sicht begründen. Außer, dass ich in NPD- Kreisen immer häufiger ernst gemeint „Gesichts- Buch“ oder „Weltnetz“ lesen darf, sehe ich darin nicht wirklich einen großen Nutzen.
  • Man kann diese Bestrebungen zur angeblichen Reinhaltung der Sprache auch an der Verweigerungen vor Bestrebungen zur Entwicklung einer geschlechtergerechten Sprache sehen. Einige Menschen argumentieren hier auch mit der Idee, man könne die Sprach, so wie sie besteht, nicht modulieren oder man würde sie in ihrer angeblichen Reinform zerstören. Wo diese Reinform liegen soll und wer diese für die einzig Wahre erklärt, ist nicht ganz offensichtlich. Dieses Argument ist auch durch den Vorschlag, statt geschlechtlich eindeutigen Formen das substantivierte Partizip (Studenten ⇒ Studierende) zu verwenden, ausgehebelt worden, da diese sich nach existierenden Regeln der Grammatik ohne Probleme richtet und die Struktur der Sprache nicht verändert.
  • Ein letztes Beispiel, bei dem die Bestrebungen zur Reinhaltung für mich sehr deutlich werden ist die „Genitiv- Dativ Diskussion“.
    Seit vielen Jahren entwickelt sich die Deutsche Sprache zu einer Vernachlässigung des Genitivs hin. Obwohl es sich um eine übliche und alltägliche Sprachentwicklung handelt, haben es einige populärwissenschaftliche Werke mit diesem Thema sogar in die Bestseller- Liste des Spiegels geschafft.
    Warum es ausgerechnet diese Entwicklung zu so einem starken, wahrscheinlich nationalistischen (?) Symbol geschafft hat, ist mir nicht offensichtlich. Andere Phänomene, wie die Vernachlässigung des Futurs oder des Konjunktivs, sind gar keine Themen.
    Vielleicht ist das Gefühl der Überlegenheit gegenüber ‚dem Fremden‘ besonders groß, um so komplizierter ein grammatisches Konstrukt für Nicht- Muttersprachler*innen zu erlernen ist?

    Der positive Aspekt an dieser Genitiv- Entwicklung ist, dass die Deutsche Sprache zum Erlernen wieder ein großes Stück logischer wird und trotzdem keine Probleme beim Verständnis aufkommen. Zu diesem Zweck gibt es (aus Sprachwissenschaftlicher Sicht) keine Berechtigung für spezielle Genitiv- Verben und Präpositionen.
    Im Gegensatz sind mit keine negativen Aspekte dieser Entwicklung bekannt.

Welchen Grund hätte ich also kulturelle Entwicklungen dieser Art aufzuhalten?

„Ich suff des Tabaks zu viel.“

Einen Satz wie diesen sage ich ausgesprochen selten und doch klang er zu Zeiten Goethes völlig normal.

Eine Entwicklung der Sprache ist etwas ganz normales und nötiges.

Egal ob wir jetzt über Sprachpurismen, Sprache die keine Geschlechter diskriminiert oder den Genitiv sprechen, bleibt es für mich schwierig nachzuvollziehen wo diese angestrebte Reinform liegen sollte und solang es keinen Nachweis für eine Reinform gibt, auch indiskutabel.

Die Balance zwischen dem Bewahren des Alten und dem Öffnen gegenüber Neuem:

Auch hier, kann ich die Frage zur Balance zwischen den Bestrebungen nicht beantworten.

Natürlich ist es auf der einen Seite nötig eine halbwegs genormte Sprache zu haben, um eine Verständigung möglich zu machen, auf der anderen Seite behindern diese Normen natürlich auch eine natürliche Sprachentwicklung und vergrößern stetig die Entfernung zwischen gesprochener und Hochsprache.

Was mir bleibt, ist festzustellen, dass es eine reine Kultur nach diesen Gedanken nicht geben kann und Theorien dieser Art häufig von sehr fundamentalistischen Strömungen, zur Bekämpfung ungewollter Modernisierungen eines Teils einiger Ideologien, instrumentalisiert wird.

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Wie grammatikalische Formen zu Mördern werden können

„Tötungsdelikte werden in Deutschland zu etwa 90 Prozent von Männern begangen. Und auch bei anderen Gewalttaten, die mit Waffen begangen werden, wie Raubdelikte oder Körperverletzungen, zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. […]
Knapp jeder 50. junge Mann ist heute aktenkundig bei der Polizei und wird als
Täter verdächtigt – aber nur jede 1000. junge Frau.“

Gingen wir davon aus, dass unsere Vorstellungen von Geschlechtern aus mehreren Teilen bestehen. Vielleicht einem biologischen Geschlecht, das chromosomal im Genom festgelegt ist und auf die sich durchschnittliche Beeinflussungen im Hormonhaushalt rückführen lassen. Als einen anderen wichtigen Teil für die Individualentwicklung und Ausprägung der Geschlechterrolle können wir unter anderem das soziale Geschlecht annehmen.
Es würde unter anderem durch feste Rollenbilder, die durch die Familie, das Umfeld und allgemein die Kultur gebildet und weitergetragen werden.
Wann sich diese festen Rollenbilder gebildet hätten, ist bis heute nicht geklärt. Neue archäologische Befunde deuten darauf hin, dass es bis in die europäische Jungsteinzeit keine festen Rollenbilder gab. Aus verschiedenen DNA- Untersuchungen von menschlichen Überresten wüsste man, dass es, anders als in der historischen Archäologie vermutet, auch Sammler und Kriegerinnen gab.

„Ihr Junge hat aber einen wachen Blick!“ „Sie haben da aber ein süßes Mädchen!“

Mit diesen Rollenbildern würden unzählige Eigenschaften verknüpft.
Der “Rollen“- Mann müsste beispielsweise stark sein und die Familie versorgen und im Notfall einem „Konkurrenten“ auch mal Gewalt antun.
Wer diesen Stereotypen nicht entspricht gälte in bestimmten Kreisen schnell als verweichlicht oder nicht männlich und würde aus diesem negativen Feedback lernen.
Ihm würde die Gewalt quasi anerzogen werden.
Ähnliche Rollenbilder gäbe es für alle Geschlechter.

Natürlich wären viele dieser positiven wie negativen Zuschreibungen inzwischen ein untrennbares Gemisch aus genetischen, hormonellen, kulturellen und sozialen Einflüssen.
Der Mensch, der bei dem heutigen Stand der Wissenschaft, mehrheitlich als das einzig vernunftbegabte Wesen gilt, könnte mithilfe seiner Moral Einfluss auf seine Handlungen nehmen und wäre nicht nur hormonell gesteuert. Wäre dies nicht der Fall, müssten wir wohl grundlegend unser Rechtssystem überdenken.

Wo würde diese Kultur weiter getragen werden?
Eigentlich in jedem Buch, jedem Film, jedem Theaterstück, jeder Werbung und jeder Geschichte, die die Vorstellung von klassischen Rollenbildern aus der Vergangenheit in die Gegenwart trägt oder ein Geschlecht über alle anderen stellt.
Eines meiner Lieblingsbeispiele für diesen Fall ist das, in einigen konservativen Kreisen immer noch verwendete, generische Maskulinum (Sprachhistorisch: Verwendung ausschließlich männlicher Formen als Oberbegriff eine Kategorie).
Die Sprache trägt hier die historisch, patriarchalen Strukturen, in denen die Ungleichbehandlung der Geschlechter noch nicht einmal in Frage gestellt wurden, in unsere Gegenwart.
Man könnte davon ausgehen, dass diese unterschiedliche Gewichtung, Individuen anderer Geschlechter nicht einmal Nennen zu müssen, in unserem Unterbewusstsein mitschwingt und die kreierende Wirkung der Sprache nutzen könnte, wenn wir nur die männlichen Formen verwenden, aber scheinbar die Personen anderer Geschlechter wortlos mit meinen.

Wenn wir nun also diese konstruierten Teile der Rollenbilder aufbrechen und so das Lernverhalten junger Menschen und ihrer Selbstwahrnehmung zum Positiven beeinflussen, könnten wir davon ausgehen, dass zum Beispiel die Aggressivität, die durch ein männliches Rollenbild suggeriert wird, gesenkt würde.

Das umfasst natürlich nicht alle Delikte, da es wie oben genannt noch viele andere Beeinträchtigungen des Individuums in der Entwicklung gibt, doch wir könnten davon ausgehen, dass zumindest der kulturelle soziale Teil abnimmt, der unter Umständen das Fass zum Überlaufen bringen könnte.

Daher könnte man ohne Probleme und Polemik sagen, dass in der Vergangenheit begangene Straftaten durch aufgeweichte Rollenbilder wohl nicht so stattgefunden hätten.

Ist das Ideologisch?
Natürlich! Genauso wie zu behaupten, dass das geschlechtliche Rollenbild nur genetisch beeinflusst wird, dass die Täter mit höheren Jugendstrafen anders handeln würden oder dass durch ein erweitertes Waffenrecht nur die Möglichkeit zur Selbstverteidigung erweitert und nicht missbraucht werden würde.
Einen eindeutigen Beweis haben wir in der Gesellschaft nie.
Wir haben nur Theorien und Modelle.

Das Problem bei den anderen Beispielen ist, unabhängig ob man daran glaubt oder nicht, dass die Befürchtungen der Kritiker und Kritikerinnen Leben zerstören könnten.
Doch was würde passieren, wenn die Aufweichung von Rollendenken oder der Anpassung von Sprache nicht funktionieren und wir es trotzdem tun? Naja, wir würden unsere Sprache ein wenig anders verwenden als bisher üblich, in neuen Kinderbüchern würde der Papa und nicht die Mama kochen, das kleine Pinguinküken würde bei Papa und Papa aufwachsen und Mädchen würden mit Autos spielen.

Die Vermeidung des generischen Maskulinums bringt keinen Nachteil (außer für Menschen, die sich als Männer fühlen und ihren, durch die Sprache ausgedrückten höheren Status in der Kultur und den Köpfen nicht verlieren wollen) und schaden nach meinen Erfahrungen auch niemandem körperlich, warum wehren sich dennoch Menschen aggressiv dagegen Alternativen zu verwenden, obwohl diese (unter den oben erläuterten Umständen) vielleicht sogar Leben schützen könnten.

Diese Gedanken stecken in Überlegungen, aus aktuellen und medienwirksamen Fällen zu lernen.

Wer diese oben erläuterten Schlussfolgerungen noch einmal aus einer anderen Perspektive am aktuellen Fall Tuğçe nachvollziehen möchte, kann auch hier noch einmal nachlesen.

Moralische Ansichten werden immer aus Enttäuschungen geboren!
Lernen wir aus dieser!

Wer ist eigentlich deutsch?

Eine Umfrage des Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) bildet ab, dass 96,8% der Bevölkerung überzeugt sind, dass Deutsch sei, wer deutsch sprechen könne.

Ein für mich sehr überraschendes Ergebnis.

Wenn man so eine Frage hört, fragt man sich wahrscheinlich, wie ist denn dieses Sprechen der deutschen Sprache eigentlich definiert? Was ist eigentlich Sprache? Was hat diese mit nationalen Zusammenhängen zu tun und wo ist eigentlich die Abgrenzung zum Dialekt?

Wir denken an die vielen Sprachen, die in einem Staatsgebiet gesprochen werden. Wahrscheinlich an den Unterschied von Nationalstaaten und beispielsweise der Schweiz oder Belgien.  An die Anfänge der europäischen Moderne, als sich in Deutschland langsam die Vorstellung eines geeinten Nationalstaates bildet, in dem an Universitäten auf Latein gelehrt und als Zeichen des edlen Blutes Französisch gesprochen wurde.

Wahrscheinlich denken auch viele darüber nach, wie denn eigentlich so ein standardisiertes Deutsch aussieht. Ist diese Sprache irgendwo genormt und gibt es nur eine aktuelle Version, mit der man sich Deutsch fühlen darf? Sind meine Vorfahren und Vorfahrinnen nicht Deutsch, weil einige moderne Sprachentwicklungen, die heute als korrekt genormt sind, nicht in ihrer Sprache zu verzeichnen waren? Kann ein Mensch, der auf die deutsche Gebärden- Sprache angewiesen ist kein Deutscher oder keine Deutsche sein?
Ist jeder oder jede der oder die deutsch spricht ein Deutscher oder eine Deutsche oder kann nur niemand deutsch sein, der nicht Deutsch spricht?
Gilt auch noch als Deutsch wer Lehnwörter verwendet? Ab wann ist ein Satz ein deutscher Satz mit vielen Lehnwörtern und ab wann nicht mehr deutsch?
Wer sollte eigentlich diese einheitliche Sprache definieren? Die Duden- Redaktion? Selbst die tut das bis jetzt nicht, auch wenn dieser Gedanke weit verbreitet ist.

Scheinbar wäre also für diese Vorstellung einer einheitlich genormten, eindeutig definierten Form der deutschen Sprache (oder des deutschen Dialekts?) notwendig um andere Definitionen (zum Beispiel für die nationale Identität) darauf zu stützen.

Wir denken sicherlich auch an die Frage mit der Abgrenzung zwischen Sprache und Dialekt, die philologisch bis heute nicht eindeutig beantwortet werden kann.
Wenn diese Frage nicht beantwortet werden kann, wer legt dann fest, welche Sprache in einem bestimmten Gebiet Vorrecht hat?
Haben Sprachen unterschiedliche Qualitäten oder warum lohnt es sich für die Durchsetzung der eigenen zu kämpfen?

Der für mich sinnvollste Versuch einer Abgrenzung ist der, eine Erklärung für die Unterscheidung in einer nationalistischen Abgrenzung zu suchen. Allerdings könnte diese dann in keinem Fall eine Zugehörigkeit zu einer ‚kulturellen‘ Gemeinschaft definieren.

Sind nicht eigentlich alle indogermanischen Sprachen nur Dialekte von indogermanischen Vorgängersprachen?

Warum sorgt die CSU eigentlich mit der Idee für so viel Häme, dass in Deutschland nur noch deutsch gesprochen werden darf, wenn statistisch 96,8% der Bevölkerung ähnliche Gedanken haben?
Utopien sind beide und aus meiner Sicht nicht einmal Wünschenswerte.

Für mich ist das vielversprechendste Indiz für die Zuordnung einer bestimmten Identität immer noch die in der Kulturwissenschaft verbreitete Methode: die Selbstbezeichnung.

Und Mehrsprachigkeit hat auch noch keinem geschadet.

Als weiteren Artikel zum Irrsinn der Gleichsetzung von Kultur, Staat und Sprache kann ich noch diesen Blogeintrag des Sprachwissenschaftlers Anatol Sasanowitsch empfehlen.

Ciao, bye, Servus und Salut!