Hurra wir erben… Krieg – Warum die Alten uns Jungen die Zukunft verbauen

Wenn man die Geschichte der Progressiven und Linksliberalen zur Zeit betrachtet, könnte man auf die Idee kommen, dass Links sein und die Vorstellung, die Welt grundlegend verbessern zu wollen, etwas Jugendliches und Naives ist. Etwas, aus dem man im Alter schon noch herauswächst. Es wirkt als wäre es ein natürlicher Alterungsprozess, eines Tages zur Besinnung zu kommen und einzusehen, dass es doch besser ist, alles beim Alten zu lassen.

Und trotzdem behauptete Gesine Schwan in einem Interview mit Jakob Augstein einmal, dass man überhaupt erst ihr Alter erreicht haben müsse um von sich behaupten zu können, die Welt verbessern zu wollen, ohne dabei naiv zu klingen. Ein schöner, motivierender und sinnvoller Satz – und trotzdem klingt dieser Satz nach einem Widerspruch.

Die Frage ist: wie viele Personen aus der Generation um Gesine Schwan wollen noch die Welt verbessern?

Vielleicht wollten die Grünen irgendwann mal die Welt verbessern. Das muss vor der Zeit gewesen sein, zu der ich mich für Politik interessierte. So lange ein Boris Palmer ohne tiefergehenden Widerspruch aus der eigenen Partei Flüchtende vereinfachend für alles verantwortlich machen und rassistisch pauschalisieren kann, kann ihr nicht viel an einer nachhaltigen Verbesserung der Welt liegen. Was, wenn ich einmal flüchten muss und andere Gesellschaften richten sich nach den Normen eines Boris Palmer?

Die SPD… Die SPD? Muss auch vor meiner Zeit an eine bessere Welt geglaubt haben. Immerhin, die bereits erwähnte Gesine Schwan kämpft in Talkshows fleißig gegen Rassismus und Vereinfachungen, in der Partei kommt davon allerdings scheinbar wenig an.

Die Piraten haben von der Realpolitik desillusioniert das Handtuch geworfen.

Und die Linke? Sahra Wagenknecht versteht Jakob Augsteins sinnvolle Forderung nach einem linken Populismus falsch und greift die Rhetorik des rechten Populismus auf. Nicht nur die Rhetorik, auch die gauländische Marketingstrategie wird übernommen. Im Nachhinein war natürlich alles ganz anders gemeint. Der Grat wird ausgelotet, mit dem genug Rechte auch mal herüber schielen, die Aussagen vor der linken Stammwählerschaft aber wieder relativiert werden können. Man hätte eine fehlgeschlagene Sicherheitspolitik kritisieren können, man hätte eine verfehlte Außenpolitik kritisieren können, man hätte den Mangel des Sozialstaates als große Ursache kritisieren können: was tut die sonstige Wortakrobatin Wagenknecht? Sie kritisiert eine der wenigen richtigen Entscheidungen in der politischen Karriere der Kanzlerin, Flüchtende nicht mit Gewalt von ihrer Sicherheit abzuhalten. Das alles nachdem Frau Wagenknecht schon einmal versucht hatte, die Menschen in „eigene Gruppe“ und „fremde Gruppe“, in Anwohner*innen und Gäst*innen, in ‚Normal‘ und ‚Anders‘ zu unterteilen. Natürlich, der Ausschluss von Flüchtenden aus unseren Sozialsystemen könnte kurzfristig das Leben einiger Deutschen verbessern, doch zu welchem langfristigen Preis? Die Praxis, Menschen, die „anders“ oder „fremd“ wirken, als Gefahr für die Mehrheitsgesellschaft zu stilisieren, global als üblich zu etablieren, kann auch für mich in Zukunft gefährlich werden. Was, wenn andere Gesellschaften, in die ich später einwandern möchte, sich diese Praxis abschauen? Was, wenn ich einmal als „anders“ in dieser Gesellschaft wahrgenommen werde? Haben wir nicht genug Beweise, dass Gruppen oder Gesellschaften mit mehr „Input“ sich besser entwickeln als stagnierende Gesellschaften, die unter sich bleiben? Züchten wir uns mit der Ablehnung von Kulturen, die wir als ‚fremd‘ wahrnehmen und dem Weiterführen rassistischer Denkmuster nicht im Endeffekt nur mehr Feindschaften heran?

Nicht nur die AfD, sondern auch Lutz Herden vom „Freitag“ springt ihr heldenhaft apologetisch zur Seite. Es sei nur Realpolitik: eine „unbefangene […] Bestandsaufnahme“. Klingt erschreckend nach dem politischen Superhit „Wir müssen den Rassismus (beziehungsweise euphemistisch ‚die Sorgen‘) der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen und deshalb eine rassistische Politik betreiben,“ der im letzten Jahr rauf- und runtergespielt wurde.

Ein paar Wochen später empfiehlt uns dann auch Jakob Augstein eine starke Vereinfachung als Mittel zur Symptomlinderung. Er rät uns in der wiederkehrenden Diskussion um den Doppelpass zu einer vereinfachten Denkweise, nach der möglicherweise durch den Rückschritt zum Alten wieder kurzfristig Probleme gelöst werden könnten, langfristig allerdings nur mehr Feindschaften gezüchtet werden. Kaum kommen nationalistische und faschistoide Strömungen aus dem Ausland, geht es scheinbar sogar bei Augstein nicht mehr darum, Pauschalisierungen zu dekonstruieren und die Pluralität individueller Identitäten sichtbar zu machen. Nach der Mentalität „früher war es besser“ (falls das kein einmaliger Ausrutscher war, sollte Augsteins Spiegel-Kolumne vielleicht bald den Namen „Im Zweifel auf dem alten Weg“ tragen) wird eine verspätete Einsicht inszeniert. Wenn man nur die doppelte Staatsbürgerschaft wieder abschaffen würde, wäre alles wieder gut. Personen könnten einwandfrei integriert (wohl eher im Sinne von assimiliert als von gleichberechtigter Teilhabe) und geformt werden.

Wieder sind die, die die Welt verbessern und in ihrer Kompliziertheit akzeptieren und mit dieser arbeiten wollen die Naiven. Sie sind die Unbelehrbaren. Wagenknecht, die Grünen und die Aussagen Augsteins scheinen den Konservativen zu beweisen, dass das Rückwärtsbesinnen etwas mit Realismus, Rationalität und dem geerdeten Alter zu tun habe.

Beifall gibt es von der CDU. Menschen können nicht bunt sein. Sie müssen sich entscheiden: Schwarz-Rot-Gold oder Rot-Weiß. Kurzfristige Vereinfachung für einige wenige statt Anstrengung, die langfristig allen ein besseres Leben ermöglicht. Binärer Reduktionismus statt Diskurs. Loyalität ist nicht teilbar. Damit steht Augstein nicht allein: schon zuvor forderte Rainer Haubrich in der „Welt“, dass die „Türken“ in Deutschland ihre Loyalität klären müssten und die Band Culcha Candela (in ihrer Jugend Weltverbesserer im positiven Sinne dieses Artikels) fordert „Mitbürger“ (Ja, keine Bürger, keine Bürgerinnen, sondern nur Mit-Bürger: die Beilage zum Hauptgericht) mit türkischen Wurzeln auf, sich zu fragen, ob ihre Loyalität Erdoğan oder „der Bundesrepublik“ gilt.

Fehlt das Vertrauen in unsere Werte? Vertraut man nicht darauf, dass Werte wie Demokratie, Pluralismus, Bereitschaft zu Diskurs und Kompromiss auch von Menschen verstanden werden und nachhaltig von sich überzeugen können? Kann man nicht davon ausgehen, dass eben jene Türk*innen, die auch Teil der deutschen Bevölkerung sind, so wahrgenommen werden und diese Werte auf Augenhöhe mitformen, diese Werte dann auch in der Türkei leben? Auch in ihrer türkischen Identität leben könnten? Was, wenn ich einmal in ein anderes Land ziehen und mich augenblicklich zur Loyalität mit diesem und dessen Staatsideologie bekennen muss? Spricht man mir dann nicht meine demokratischen Rechte zur Teilhabe an beiden Gesellschaften ab?

In jedem Fall wird uns klar sein, dass diese eingeforderten einseitigen Assimilationsbestrebungen türkische Nationalist*innen nicht weniger nationalistisch werden lässt. Vielleicht ließen sich einige Konflikte damit für ein paar Jahre unter den Teppich kehren, auf meine Generation werden sie dafür jedoch noch verstärkt zurückschlagen.

Ist es nun naiv in der Jugend die Welt verbessern zu wollen oder ist es unmenschlich, wenn Menschen mit zunehmenden Alter eher kurzfristig Symptome behandeln wollen?

Ich denke weder noch, die rationalen Interessen verändern sich einfach. Da ich hoffentlich auf dieser Erde noch mehr Zeit verbringen darf, als ich bis jetzt gelebt habe, lohnt sich für mich die Anstrengung, die Welt grundlegend zu verändern. Mich dafür einzusetzen, dass Ungleichheiten und Diskriminierungen in Normen abgebaut werden (die auch mich selbst einmal betreffen könnten), scheint sich rational für mich zu lohnen.

Für eine Person, die schon länger lebt, als sie wahrscheinlich noch leben wird, gibt es kaum rationale Gründe, so in die Zukunft zu denken. Ein kurzfristiges Vorteilsdenken mit wenig Aufwand scheint hier aus einer egoistischen Perspektive interessanter zu sein, zumindest bis keine anderen egoistischen Geninteressen (eigene Kinder, Kinder von nahen Verwandten) diese Parameter verändern.

Nun sollte man sich die Frage stellen, ob man diese unterschiedlichen rationalen Interessen im Spiegel der demografischen Entwicklung politisch ausgleichen muss. Ideen wären, das Wahlalter herabzusetzen oder so etwas wie einen Rat der Jüngeren zu bilden, doch wäre gerade der zweite Vorschlag gerecht? Warum sollte unser Leben (oder das der noch Jüngeren) mehr wert sein als das Leben einer Sechzigjährigen? Wir leben in einer Demokratie und daher müssen wir damit leben, dass verschiedene Menschen verschiedene Interessen vertreten. Für einige ist nun einmal die kurzfristige Symptombekämpfung von größerem Interesse als eine grundsätzliche Weltverbesserung. Es scheint daher auch kein Wunder zu sein, dass ältere Menschen den Jungen den Brexit und damit wieder mehr langfristige Unsicherheit in Europa beschert haben. Es scheint auch nicht verwunderlich, dass sich bei mir langsam das Vorurteil manifestiert, mit einer erschreckend größeren Zahl an Vertreter*innen bestimmter Altersgruppen nicht mehr über Politik reden zu brauchen. Lange schob ich diese subjektive Wahrnehmung auf den geringeren zeitlichen Abstand der Gesprächspartner*innen zum Nationalsozialismus, was sicherlich auch ein Faktor ist, der jedoch noch durch den Faktor dieser unterschiedlichen Interessen zumindest verstärkt wird.

Die Wahrung dieser anderen Interessen ist durchaus legitim, doch muss man sich bewusst werden, was kurzfristige Symptombehandlungen wie zwanghafte Assimilation, aufgedrängter Patriotismus, nicht diskutierte Werte, die Diskriminierung bestimmter Religionen und Gruppen, das Ausspielen von Schwachen gegen noch Schwächere, der Austritt aus Gemeinschaften und die Unterbindung der Einwanderung in der Vergangenheit bewirkt haben und was es für die Zukunft bringen wird… Schwierig wird es natürlich, wenn die rationalen Bestrebungen zur Verbesserung der Welt von den Alten als naiv belächelt werden oder die konservativen Gedanken als Egoismus stigmatisiert werden. Wir Jungen müssen uns, wie auch die Beteiligung beim Brexit zeigt, wesentlich stärker für unsere Interessen einsetzen. Die Demokratie muss hier im Diskurs für einen Kompromiss zwischen den Interessen der Generationen sorgen.

Es ist legitim, dass ihr auf Kosten der Generationen nach euch leben wollt, doch seid euch dessen bewusst und lebt im Dialog mit dieser.

Hurra wir erben… das, was ihr uns hinterlasst.

Der Naziproll – ein dankbares Opfer II

Vor fast einem Jahr schrieb ich für die Freitag Community einen Artikel mit dem Titel „Der Naziproll – ein dankbares Opfer“. Ein paar Dinge müssen korrigiert werden.

Was mein Artikel von damals nicht bedenkt und vernachlässigt, sind die institutionalisierten und kulturell verankerten Diskriminierungen als Ursache.
Wer sich ungerecht behandelt fühlt, will die Verhältnisse für alle ändern. Wer neidisch ist, ist auch neidisch auf den Flachbildfernseher seines weißen männlichen Nachbarn.
Die Entwicklung des Hasses auf bestimmte Gruppen, ist nicht nur sozialer Ungleichheit zuzuschreiben, sondern auch den permanent anwesenden Normalisierungen und Diskriminierungen in der Kultur, die in allen Schichten gebildet wird.

Schuld ist eine Kultur, von der auch ich ein Teil bin. Eine Kultur, deren Normalismus und resultierende Diskriminierungen so tief geht, dass auch bei mir Schaumküsse in meiner Kindheit einen anderen Namen trugen, „schwul“ und „weiblich“ auf dem Pausenhof und im Sport negative Adjektive waren und bis heute in meinem Kopf meine erste Assoziation mit Flitterwochen eine Ehe zwischen „Mann“ und „Frau“ ist.

Wir sind nicht nur in einer Populärkultur des Klassismus aufgewachsen, sondern eben auch in einer Populärkultur des Rassismus, des Sexismus, des Normalismus, des Nationalismus, des Antisemitismus und des Orientalismus.
AfD, Trump, AKP und Front National sind Produkte dessen.

Man macht es sich sehr leicht, wenn man die AfD als Protestpartei abstempeln, doch ist dieser Schritt sehr unpolitisch. Der wichtigste Punkt, in dem sich die AfD von den anderen Parteien im öffentlichen Diskurs unterscheidet ist, dass sie klar und ganz offen rassistische und sexistische Ziele anspricht. Niemand kann mit den Zielen der AfD sympathisieren ohne Rassist*in oder Sexist*in zu sein, auch wenn diese Person selbst sich dessen nicht bewusst sein muss.

Die soziale Ungleichheit mag Auslöser oder Teil des Problems sein. Doch ohne, dass wir Diskriminierungen aus den Köpfen verbannen und zwar in allen Schichten, werden wir das Problem des Rechtsrucks nicht lösen können.

Damit soll nicht eine von oben aufdiktierte „politische Korrektheit“ gemeint sein, die ein sprachliches Mäntelchen über weiter bestehende Diskriminierungen legt. Die Veränderung der Sprache kann erst ein Ausdruck eines freiwilligen Umdenkens im Kopf sein.
Nur durch unsere starken Werte der Toleranz, des Pluralismus und die Vermittlung der Gleichwertigkeit aller Menschen können wir dieses Ziel erreichen.

Der Appell an den inneren Antrieb des Menschen: eine Welt zu wollen, die in jeder Rolle lebenswert ist. Eine Welt zu wollen, in der man sich bewusst ist, dass man jederzeit in die Position der anderen Person oder des nicht „normalen“ gelangen könnte, ist für diesen Kampf gegen die Diskriminierungen des „unnormalen“ Anderen unabdingbar. Auf der anderen Seite kommen wir nicht daran vorbei, Diskriminierung offen anzusprechen. Egal wie groß die Hürden im ersten Moment zu sein scheinen. Niemand mag freiwillig die Ressourcen für einen Streit oder Unruhe aufbringen. Niemand will als Moralapostel oder „politisch korrekte“ Spaßbremse gesehen werden. Doch die allgegenwärtige Diskriminierung muss angesprochen werden, um sie sichtbar zu machen – online oder offline. Langfristig ist der Nutzen durch die nachhaltige Etablierung dieser Werte wesentlich größer, als unser kleiner Einsatz.

Mit dieser Einsicht können wir alle gemeinsam feststellen, welche Diskriminierungen noch in unseren Kulturen stecken und diese langfristig in unserem eigenen Sinne bekämpfen.

Die kanadische Einwanderungspolitik

Die kanadische Einwanderungspolitik ist ein gern gewähltes Schlagwort, wenn es um die Beschränkung der Zuwanderung von Menschen in einen Staat geht.
Über die Praxis in Kanada kann ich mir selbstverständlich kein Urteil erlauben, die Situation in Kanada als Staat mit der weltweit größten Einwanderungsrate ist eine völlig andere, als die von Deutschland mit einer im Vergleich sehr geringen Rate an Einwander*innen.

Da ich nicht Teil der kanadischen Gesellschaft bin und mich nicht sehr in der Geschichte von Kanada auskenne, wäre ein Urteil über die innovativen kanadischen Ansätze zur Einwanderungspolitik meinerseits anmaßend. Wohl aber kann ich mich mit dem Vorschlag auseinandersetzen, diese Überlegungen für unsere Gesellschaft zu übernehmen.

Prinzipiell hat das kanadische Einwanderungssystem das Grundanliegen ein Menschenleben nach seiner Wirtschaftlichkeit zu bewerten.
Für jedes Individuum, das in die Gesellschaft einwandern möchte, werden nach einem bestimmten Schlüssel Punkte vergeben. Nach Art des aktuellen Bildungsstandes, Berufserfahrungen, Sprachkenntnisse in Englisch und Französisch, Alter, für Verwandte und frühere Aufenthalte in Kanada wird in Kanada eine Person in ihrem subjektiven Nutzen für die Gesellschaft klassifiziert.

Wie das genau für Deutschland umgesetzt werden würde, ist nicht ganz klar, gerade die Sprachkenntnisse wären wahrscheinlich etwas komplizierter umzusetzen, da Deutschland bekanntlich nur über eine Amtssprache verfügt (nach denen sich die Bewertung der Sprachkenntnisse in Kanada orientiert) und die Deutsche Sprache (anders als Englisch oder Französisch) nur einen vergleichsweise geringen Kreis an Adressat*innen eröffnet, was nach wirtschaftlichen Interessen nicht gerade von Vorteil wäre. Englisch wiederum ist zwar wirtschaftlich interessant, allerdings unter anderem nach Türkisch eher unpopuläre Verkehrssprache in Deutschland. Diese sprachliche Problematik ist zwar ein Punkt, der einem wahrscheinlich sofort als Differenz ins Auge fällt, doch nur eine Kleinigkeit im Kontext der Grundintention darstellt.

Wenn wir uns dieses Konzept nun zu Gemüte führen, fallen uns sicherlich zwei moralische Probleme auf:

  1. Der Nutzen eines Menschens für die Gesellschaft wird nach seiner Wirtschaftlichkeit bewertet. Eine Frage, die wir uns also für eine moralische Überlegung stellen müssten, wäre die Frage: wenn es technisch möglich wäre, würden wir andere Individuen, die in unsere Gesellschaft stoßen würden, auch ihren Nutzen für die Gesellschaft absprechen. Bedeutet, wenn wir ein Kind pränatal auf seine Wirtschaftlichkeit untersuchen könnten, müssten wir unwirtschaftliche Lebewesen, wenn wir diesen Gedanken zu Ende denken, die Eingliederung in die Gesellschaft verweigern. Es wäre die Konsequenz der Überlegung den Nutzen eines Individuums für die Gesellschaft nach seiner Wirtschaftlichkeit zu bewerten.
    Ganz Abstrakt ist diese Vorstellung übrigens nicht, natürlich müssten sich die Fürsprecher*innen schon mit den heutigen technischen Möglichkeiten mit dem wirtschaftlichen Wert (den von diesem Personenkreis scheinbar als absoluter Wert eines Individuums definiert) von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen (juristischer Begriff) auseinandersetzen, die Teil der Gesellschaft werden wollen oder sollen.
    Wenn der oder die Befürworter*in der Einwanderungspolitik nach kanadischem Vorbild diesen Schluss anders zieht, dann kommen wir zu dem zweiten Problem.
  2. Wenn Punkt eins nicht als Ergebnis gilt, müssen wir davon ausgehen, dass noch eine zweite Überlegung hinzukommt, eine zusätzliche nationalistische oder rassistische Differenzierung des Lebens. In diesem Fall wäre ein deutsches Individuum auch mit schlechter wirtschaftlicher Bewertung immer noch mehr von Nutzen für die Gesellschaft, als ein Zuwandernder mit mittlerer wirtschaftlicher Bewertung.

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit einzugestehen, dass es moralische Bedenken gibt, aber die wirtschaftlichen Argumente höher als die moralischen Argumente zu werten. Dies ist ein legitimer Einwand, doch an dieser Stelle ein kleines Gedankenspiel, dass diesen Konflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und Moral veranschaulichen soll.

Stellen wir uns vor, dir wird angeboten für einen Geldbetrag einen Menschen zu töten. Es könnte eine abstrakte Situation sein, in der der Druck auf einen Knopf einen Menschen töten würde, es würde also nicht einmal einen Zeitverlust für dich bedeuten. Dir würde versichert werden, dass der Tod des Menschen keinerlei Konsequenzen für dich hätte und du würdest daran glauben.
Würdest du es tun? Wenn ja, was wäre dein Preis für diese Tat? Gäbe es einen minimalen Preis für dich?

Schon die Überlegung eines minimalen Preises für die Handlung, wäre Anzeichen für eine moralische Überlegung, da die handelnde Person keinerlei Nachteil oder (relevanten) Aufwand durch ihre Handlung hätte.
Jeder oder jede, die für einen möglichst niedrigen Betrag (Preisverhandlungen ausgeschlossen) sofort den Knopf gedrückt hätte, kann frei von sich behaupten in Diskussionen, wirtschaftliche Argumente über moralische Argumente zu stellen. Jede Person, die den Knopf nie oder nur für einen sehr hohen Preis drücken würde, sollte noch einmal bedenken, ob die Moral nicht auch für sie eine große Kontrollinstanz ist und eine so offensichtliche rein egoistische Handlung zum Schaden von anderen Individuen wirklich in ihrem Interesse wäre.

Jeder und jede kann in eine Situation kommen, in dem er oder sie von den Entscheidungen anderer Personen abhängt.
Hoffen wir, dass diese Person nicht das Geld für das Drücken des Knopfes nimmt, wenn wir selbst davon betroffen wären.
Moralische Überlegung ist kein ‚emotionales Gewäsch‘, sondern die rationale Basis eines Zusammenlebens sozialer Individuen.