Rassismus im Wandel der Zeiten

Dieser Artikel soll weder Menschen bloßstellen noch werten. Er soll auch keine Menschen mit Strömungen, wie dem Nationalsozialismus gleichsetzen, die häufig mit Rassismus assoziiert werden. Rassismus findet sich in allen politischen Strömungen und Perspektiven an und ich würde fast behaupten, auch in jedem von uns unterschiedlich stark ausgeprägt. Rassismus findet sich bei Grünen, bei Linken, bei Konservativen, bei Liberalen. Alice Schwarzer und Frank Plasberg zeigen uns in jüngster Zeit mit Nachdruck, dass nicht einmal Feministinnen und Journalisten davon befreit sind. Dieser Text soll lediglich klären, welche Ideologien aus heutiger Sicht unter den Begriff Rassismus fallen. Ich halte es für eine sehr wichtige Aufgabe Rassismus bei uns selbst und bei anderen zu erkennen und zu benennen, in einer Zeit, in der der, in unseren Kulturen fest etablierte Rassismus zum Tod von tausenden von Menschen geführt hat und führt. Um dieses Phänomen erkennen und benennen zu können (die Notwendigkeit dieses Handels erläutere ich hier), müssen wir allerdings erst wissen, was Rassismus ist.

Häufig wird Rassismus lediglich mit den Rassentheorien des 20. Jahrhunderts assoziiert. Rassismus wird dann nur mit der, von der Biologie inzwischen für nicht haltbar erklärten, Vorstellung gleichgesetzt, dass der Mensch verschiedene Arten, beziehungsweise „Rassen“ ausgebildet habe, einige Rassen grundsätzlich andere Eigenschaften hätten als die anderen Rassen, diese Eigenschaften mit der Optik verknüpft wären und einige Menschengruppen dann auch noch Anderen, aufgrund ihrer innerhalb der Gruppe ähnlichen Genetik, überlegen wären.
Ein wichtiger Punkt für diese Vorstellung ist also, dass die Zuordnung eines Individuums zu einer scheinbar biologischen ‚Rasse‘ als Hauptfaktor für die Handlungen und das Wesen der Person gesehen werden.
Eine Vermischung der Rassen wird als prinzipiell negativ gedeutet und zur Zeit des Nationalsozialismus mit dem Begriff der ‚Rassenschande‘ belegt.

Nach der Zeit des Nationalsozialismus ist das Phänomen des Rassismus nicht ausgestorben. Es wurden neue Wege gefunden, die Vorstellungen von übergeordneten Gruppen, die über das Wesen des Individuums entscheiden, zu erklären. Wieder wurde die Ideologie genommen und versucht pseudowissenschaftliche Begründungen für existierende Furcht und den Hass auf das Fremde zu suchen. Es gibt wohl kein besseres Beispiel dafür, wie menschenfeindliche Ideologien, die konträr zum wissenschaftlichen Konsens stehen, vor dem Aussterben bewahrt werden können, wenn ihre Sprache an den populären Zeitgeist angepasst wird. Nachdem der Rassismus der Rassentheorie weitestgehend verpönt war, nahm man die Ideologie und verkleidete sie mit neuen Begriffen. Diesen Vorgang hat Adorno wie folgt beschrieben:

„Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“

Spätestens im 21. Jahrhundert wird mit Thilo Sarrazin dieser Rassismus, der auch Kulturrassismus oder Rassismus ohne Rassen genannt wird, in Deutschland populär. Die Vorgehensweise bleibt die Gleiche. Es gibt die Vorstellung von abgeschlossenen Menschengruppen, die in ihren Eigenschaften gleich sind und die nicht kompatibel miteinander sind. Das Individuum wird zu einem wesentlichen Teil in seinem Handeln und in seinen Eigenschaften durch seine Zuordnung zu einer konstruierten Menschengruppe beeinflusst. Es kommt zu einer sogenannten Pseudospeziation (Scheinartbildung), die übersieht, dass sich Menschengruppen nie abgeschlossen voneinander bildeten und immer im mehr oder weniger großen Austausch miteinander standen. Dieses feste Weltbild wird im Nachhinein pseudowissenschaftlich untermauert. Sogar die Vorstellung der Rassenschande, beziehungsweise die Vorstellung der Schädlichkeit jeder Vermischung der Rassen, hat den Nationalsozialismus überlebt, was der Philosoph Étienne Balibar schon im Jahr 1990 wie folgt beschrieb: 

„Idiologisch gehört der gegenwärtige Rassismus, der sich bei uns um den Komplex der Immigration herum ausgebildet hat, in den Zusammenhang eines ‹‹Rassismus ohne Rassen›› […]: eines Rassismus, dessen vorherrschendes Thema nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit kultureller Differenzen ist;  eines Rassismus, der – jedenfalls auf den ersten Blick – nicht mehr die Überlegenheit bestimmter Gruppen oder Völker über andere postuliert, sondern sich darauf ››beschränkt‹‹, die Schädlichkeit jeder Grenzverwischung und die Unvereinbarkeit der Lebensweisheiten und Traditionen zu behaupten. Diese Art von Rassismus ist zu Recht als ein differentialistischer Rassismus bezeichnet worden.“

Wir sehen, dass die Ideologie die Gleiche geblieben ist, allein die Begrifflichkeiten haben sich geändert. Während es heute absurd scheint von biologischen Rassen, von einer arischen Rasse oder von einer jüdischen Rasse zu sprechen, ist es populär von einer orientalischen, einer muslimischen oder einer abendländischen Kultur zu sprechen, wobei dieser Kulturbegriff in erster Linie die gleiche Bedeutung hat und ähnlich absurd verwendet wird. Der Mensch konstruiert das Bild über diese Gruppen in seinem Kopf nach den Aspekten, die er betrachten möchte und für richtig hält. Im Nachhinein versucht er diese dann pseudowissenschaftlich zu begründen. Der Begriff des Rassenkampfes wird als „Kampf der Kulturen“ gedeutet. Darwin wird an Stellen weiter gesponnen, an denen er sich selbst wohl nie gesehen hätte, denn Sozialdarwinismus soll er mit folgenden Worten selbst ausgeschlossen haben:

„Falls die natürliche Selektion auf das menschliche Zusammenleben [also auch auf Kulturen] übertragbar wäre, wäre Napoleon im Recht gewesen, und jeder betrügerische Händler mit Erfolg wäre das auch. „

Im übrigen gibt es auch einen positiven Rassismus, der meiner Meinung nach häufig unterschätzt wird, obwohl er die gleichen Strukturen, wie jede andere Form des Rassismus bedient. „Die Chines*innen sind so freundlich“ , „die Italiener*innen sind offen“  und „die Deutschen sind pünktlich“  setzen auch eine Pseudospeziation voraus. Auch wenn niemand abstreiten mag, dass es zu regionalen Häufungen von bestimmten kulturellen Phänomenen kommen kann, verstecken auch diese rassistischen Formulierungen das Individuum hinter der Vereinheitlichung einer konstruierten Scheinart. Zusätzlich kann auch aus positivem Rassismus negativer oder chauvinistischer Rassismus werden. Dazu kann es kommen, wenn ein positiver Rassismus einige Scheinarten über Andere stellt.

Dieser (Kultur)rassismus hat spätestens mit der Bewegung der ‚Neuen Rechten‘ wieder eine Weiterentwicklung erhalten: den Ethnopluralismus. In der Bezeichnung dieser Strömung stecken zwei Wörter, Ethno (altgriechisch éthnos „[fremdes] Volk, Volkszugehörige“) und Pluralismus. Pluralismus bezeichnet erstmal den Wert einer Gesellschaft, die Pluralität positiv aufzunehmen. Dieser Wohlwollen gegenüber der Pluralität wird allerdings eingeschränkt durch das erste Wort. Nicht die Vorstellung der Pluralität des Individuums wird begrüßt, wie es unsere Verfassung oder die Menschenrechte vorsehen, sondern die Vorstellung der Pluralität der Ethnien. Nicht in der Verschiedenheit der Individuen liegt der Wert, sondern in der Verschiedenheit der abgeschlossenen Gruppen oder auch Scheinarten. In der Vorstellung des Ethnopluralismus ist es also positiv, dass es verschiedene Scheinarten gibt, so lange diese und damit ihre angenommenen Angehörigen an ihrem angestammten Platz bleiben. Diese Vorstellung gab es auch schon von einigen Vertreter*innen der Rassentheorie und begründet den radikalen Nationalismus. Die Vielfalt der Rassen ist beizubehalten, alle jedoch an ihrem‘ angestammten’Platz. Eine Vermischung der Rassen wird auch im Ethnopluralismus als nicht praktikabel und damit negativ  wahrgenommen. Die suggerierte Andersartigkeit des über die Scheinart konstruierten Fremden, wird positiv aufgefasst, eine Vermischung wird jedoch ausgeschlossen.

Auf eine immer wieder wichtige Sonderform des Rassismus soll noch kurz eingegangen werden: der Orientalismus.
Häufig ist der Orient eine konstruierte ‚fremde Scheinart‘, die sich im europäischen und amerikanischen Raum feststellen lässt. ‚Der orientalische Raum‘ hat damals wie heute die Aufgabe einen bloßen Gegenentwurf zum Westen darzustellen. Kulturen aus diesem undefinierten Raum, unterstehen dem grundlegenden Vorurteil, dass der Orient überall zu jeder Zeit gleich gewesen wäre. Es gibt die Vorstellung, dass der Westen aus vielen Kulturen besteht und dass es in diesen Kulturen des Westens seit dem Mittelalter eine Entwicklung und Fortschritt gegeben hätte. ‚Der Orient‘ jedoch wäre als eine Kultur, von der Türkei bis nach Indien, immer auf dem gleichen Stand geblieben. Der Gedanke, dass ‚der Orient‘ ein Konstrukt ist, dass aus vielen regional beeinflussten, individuellen Kulturen und Traditionen besteht, konnte sich trotz einiger gesellschaftlicher Bemühungen gegen Rassismus, im kollektiven Gedächtnis und in unseren westlichen Kulturen noch nicht durchsetzen. Doch eine kleine Hilfestellung gibt es für uns, die bemüht sind unseren Rassismus ausfindig zu machen. Edward Said hat Ende des 20. Jahrhunderts vier wesentliche Kriterien aufgeschrieben, mit denen man die klassischen Pauschalisierungen, Vorurteile und Methoden des Orientalismus ausfindig machen kann um zu erkennen, ob wir es mit einer rassistischen Quelle im Dogma des Orientalismus zu tun haben:

  1. Der Orient wird als statisch, unterentwickelt, irrational und damit dem fortschrittlichen, modernen, rationalen und aufgeklärten Westen unterlegen dargestellt.
    Beispiel: „Die leben im Vergleich zu uns doch im Mittelalter.“, „Die müssen sich halt noch entwickeln wie wir.“
  2. Beim scheinbaren Beleg wird eine Abstraktion dem konkreten, realitätsnahen Fallbeispiel vorgezogen
    Beispiel: Abstraktion: „Dort sind die Frauen halt nichts wert“; realitätsnahes Fallbeispiel:  „‚Ḫürrem Sulṭān‘ (Frau des Sultans im osmanischen Reich) konnte direkt politischen Einfluss nehmen.“ [Es ließen sich zur Thematik ‚Situation der Frau im Nahen Osten‘ mit ziemlicher Gewissheit auch realitätsnahe, negative Fallbeispiele finden. Dieses war mir nur aus persönlichen Gründen gerade präsent.]
  3. Die Überzeugung Orientalen wären nicht fähig zur Selbstreflexion und die daraus resultierende mangelnde Befähigung zur Selbstrepräsentation, die den Westen befähigt für die Orientalen zu sprechen und so den universellen Herrschaftsanspruch des Westens festigt.
    Beispiel: Jeder Selbstversuch eine Burka zu tragen oder von Außenstehenden eine Diskussion über die religiöse Notwendigkeit der Burka zu führen. Auch die Ignoranz, verhüllte Musliminnen in der Diskussion nur teilweise bis nicht zu beachten.
  4. Die Darstellung des Orients als Hort der Gefahr, der kontrolliert werden müsse.
    Beispiel: Darstellung der Geflüchteten aus dem Orient als in erster Linie potenzielle Terrorist*innen oder andere Gefahren.

Nun liegt es an der Leserin oder am Leser den eigenen Rassismus zu identifizieren und zu reflektieren. Vielleicht gibt es sinnvolle Gründe für Rassismus oder andere  persönliche Deutungen des Begriffs ‚Rassismus‘. Genau diese anderen individuellen Definitionen von Rassismus würden mich interessieren, die nicht alle genannten Punkte abdecken.  Leider sind die Vertreter*innen anderer Rassismus-Definitionen im direkten Gespräch selten kommunikativ gewesen. Es fällt mir häufiger auf, dass Menschen sich bewusst von rassistischen Gruppierungen abgrenzen und im Nachhinein diese gleiche Ideologie massiv unterstützen. An dieser Stelle würde mich persönlich interessieren, wie Rassismus definiert wird, wenn er nicht den oben genannten Aspekten entspricht, beziehungsweise wie die individuelle Abgrenzung von Rassismus vorgenommen wird. Selbstverständlich kann dieser Artikel nur einige Facetten des Rassismus darstellen, die ich für besonders wichtig halte. Als letztes sollte noch angemerkt werden, dass alle genannten Formen des Rassismus parallel zueinander existieren. Auch heute werden Menschen zum Beispiel noch häufig Opfer des ‚racial profiling‘, bei dem der phänotypische Eindruck einen Rückschluss auf Verhaltensweisen und Herkunft eines Menschen erlauben sollen.  Ein Faktor, der zum Beispiel bei Auswertung von Kriminalstatistiken (teilweise werden nur die Angeklagten, nicht die Verurteilten berücksichtigt) beachtet werden muss. Dieses Phänomen kann einem auch im Alltag begegnen, dass Menschen versuchen vom Phänotyp konkrete Thesen über die Herkunft des Menschen abzugeben. Diese Form des Rassismus ist selbstverständlich in die erste Form des Rassismus der Rassentheorie einzuordnen, trotzdem existieren auch diese Formen des Rassismus parallel.

Es wäre nun Zeit für jene, die sich politisch permanent gegen Migration und die Aufnahme von Flüchtenden einsetzen,  Argumente zu finden, die nicht nur allein auf Rassismus beruhen. Wenn sich ohne Rassismus keine Argumente finden ließen, heißt das nicht, dass man von seiner Meinung abrücken muss, jedoch sollte man sich selbst gegenüber so fair sein, sich seinen Rassismus einzugestehen und sich nicht unter dem bürgerlichen Gewand von diesen Strömungen distanzieren.

Enden soll diese Darstellung mit den mutigen und klaren Worten von Dunja Hayali:

„In einem Land, in dem die Meinungsfreiheit so ein hohes Gut ist, darf und muss jeder seine Sorgen und seine Ängste äußern können, ohne gleich in die rechte Nazi-Ecke gestellt zu werden. Aber: Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt nochmal ein Rassist“

Hurra wir erben… Krieg – Warum die Alten uns Jungen die Zukunft verbauen

Wenn man die Geschichte der Progressiven und Linksliberalen zur Zeit betrachtet, könnte man auf die Idee kommen, dass Links sein und die Vorstellung, die Welt grundlegend verbessern zu wollen, etwas Jugendliches und Naives ist. Etwas, aus dem man im Alter schon noch herauswächst. Es wirkt als wäre es ein natürlicher Alterungsprozess, eines Tages zur Besinnung zu kommen und einzusehen, dass es doch besser ist, alles beim Alten zu lassen.

Und trotzdem behauptete Gesine Schwan in einem Interview mit Jakob Augstein einmal, dass man überhaupt erst ihr Alter erreicht haben müsse um von sich behaupten zu können, die Welt verbessern zu wollen, ohne dabei naiv zu klingen. Ein schöner, motivierender und sinnvoller Satz – und trotzdem klingt dieser Satz nach einem Widerspruch.

Die Frage ist: wie viele Personen aus der Generation um Gesine Schwan wollen noch die Welt verbessern?

Vielleicht wollten die Grünen irgendwann mal die Welt verbessern. Das muss vor der Zeit gewesen sein, zu der ich mich für Politik interessierte. So lange ein Boris Palmer ohne tiefergehenden Widerspruch aus der eigenen Partei Flüchtende vereinfachend für alles verantwortlich machen und rassistisch pauschalisieren kann, kann ihr nicht viel an einer nachhaltigen Verbesserung der Welt liegen. Was, wenn ich einmal flüchten muss und andere Gesellschaften richten sich nach den Normen eines Boris Palmer?

Die SPD… Die SPD? Muss auch vor meiner Zeit an eine bessere Welt geglaubt haben. Immerhin, die bereits erwähnte Gesine Schwan kämpft in Talkshows fleißig gegen Rassismus und Vereinfachungen, in der Partei kommt davon allerdings scheinbar wenig an.

Die Piraten haben von der Realpolitik desillusioniert das Handtuch geworfen.

Und die Linke? Sahra Wagenknecht versteht Jakob Augsteins sinnvolle Forderung nach einem linken Populismus falsch und greift die Rhetorik des rechten Populismus auf. Nicht nur die Rhetorik, auch die gauländische Marketingstrategie wird übernommen. Im Nachhinein war natürlich alles ganz anders gemeint. Der Grat wird ausgelotet, mit dem genug Rechte auch mal herüber schielen, die Aussagen vor der linken Stammwählerschaft aber wieder relativiert werden können. Man hätte eine fehlgeschlagene Sicherheitspolitik kritisieren können, man hätte eine verfehlte Außenpolitik kritisieren können, man hätte den Mangel des Sozialstaates als große Ursache kritisieren können: was tut die sonstige Wortakrobatin Wagenknecht? Sie kritisiert eine der wenigen richtigen Entscheidungen in der politischen Karriere der Kanzlerin, Flüchtende nicht mit Gewalt von ihrer Sicherheit abzuhalten. Das alles nachdem Frau Wagenknecht schon einmal versucht hatte, die Menschen in „eigene Gruppe“ und „fremde Gruppe“, in Anwohner*innen und Gäst*innen, in ‚Normal‘ und ‚Anders‘ zu unterteilen. Natürlich, der Ausschluss von Flüchtenden aus unseren Sozialsystemen könnte kurzfristig das Leben einiger Deutschen verbessern, doch zu welchem langfristigen Preis? Die Praxis, Menschen, die „anders“ oder „fremd“ wirken, als Gefahr für die Mehrheitsgesellschaft zu stilisieren, global als üblich zu etablieren, kann auch für mich in Zukunft gefährlich werden. Was, wenn andere Gesellschaften, in die ich später einwandern möchte, sich diese Praxis abschauen? Was, wenn ich einmal als „anders“ in dieser Gesellschaft wahrgenommen werde? Haben wir nicht genug Beweise, dass Gruppen oder Gesellschaften mit mehr „Input“ sich besser entwickeln als stagnierende Gesellschaften, die unter sich bleiben? Züchten wir uns mit der Ablehnung von Kulturen, die wir als ‚fremd‘ wahrnehmen und dem Weiterführen rassistischer Denkmuster nicht im Endeffekt nur mehr Feindschaften heran?

Nicht nur die AfD, sondern auch Lutz Herden vom „Freitag“ springt ihr heldenhaft apologetisch zur Seite. Es sei nur Realpolitik: eine „unbefangene […] Bestandsaufnahme“. Klingt erschreckend nach dem politischen Superhit „Wir müssen den Rassismus (beziehungsweise euphemistisch ‚die Sorgen‘) der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen und deshalb eine rassistische Politik betreiben,“ der im letzten Jahr rauf- und runtergespielt wurde.

Ein paar Wochen später empfiehlt uns dann auch Jakob Augstein eine starke Vereinfachung als Mittel zur Symptomlinderung. Er rät uns in der wiederkehrenden Diskussion um den Doppelpass zu einer vereinfachten Denkweise, nach der möglicherweise durch den Rückschritt zum Alten wieder kurzfristig Probleme gelöst werden könnten, langfristig allerdings nur mehr Feindschaften gezüchtet werden. Kaum kommen nationalistische und faschistoide Strömungen aus dem Ausland, geht es scheinbar sogar bei Augstein nicht mehr darum, Pauschalisierungen zu dekonstruieren und die Pluralität individueller Identitäten sichtbar zu machen. Nach der Mentalität „früher war es besser“ (falls das kein einmaliger Ausrutscher war, sollte Augsteins Spiegel-Kolumne vielleicht bald den Namen „Im Zweifel auf dem alten Weg“ tragen) wird eine verspätete Einsicht inszeniert. Wenn man nur die doppelte Staatsbürgerschaft wieder abschaffen würde, wäre alles wieder gut. Personen könnten einwandfrei integriert (wohl eher im Sinne von assimiliert als von gleichberechtigter Teilhabe) und geformt werden.

Wieder sind die, die die Welt verbessern und in ihrer Kompliziertheit akzeptieren und mit dieser arbeiten wollen die Naiven. Sie sind die Unbelehrbaren. Wagenknecht, die Grünen und die Aussagen Augsteins scheinen den Konservativen zu beweisen, dass das Rückwärtsbesinnen etwas mit Realismus, Rationalität und dem geerdeten Alter zu tun habe.

Beifall gibt es von der CDU. Menschen können nicht bunt sein. Sie müssen sich entscheiden: Schwarz-Rot-Gold oder Rot-Weiß. Kurzfristige Vereinfachung für einige wenige statt Anstrengung, die langfristig allen ein besseres Leben ermöglicht. Binärer Reduktionismus statt Diskurs. Loyalität ist nicht teilbar. Damit steht Augstein nicht allein: schon zuvor forderte Rainer Haubrich in der „Welt“, dass die „Türken“ in Deutschland ihre Loyalität klären müssten und die Band Culcha Candela (in ihrer Jugend Weltverbesserer im positiven Sinne dieses Artikels) fordert „Mitbürger“ (Ja, keine Bürger, keine Bürgerinnen, sondern nur Mit-Bürger: die Beilage zum Hauptgericht) mit türkischen Wurzeln auf, sich zu fragen, ob ihre Loyalität Erdoğan oder „der Bundesrepublik“ gilt.

Fehlt das Vertrauen in unsere Werte? Vertraut man nicht darauf, dass Werte wie Demokratie, Pluralismus, Bereitschaft zu Diskurs und Kompromiss auch von Menschen verstanden werden und nachhaltig von sich überzeugen können? Kann man nicht davon ausgehen, dass eben jene Türk*innen, die auch Teil der deutschen Bevölkerung sind, so wahrgenommen werden und diese Werte auf Augenhöhe mitformen, diese Werte dann auch in der Türkei leben? Auch in ihrer türkischen Identität leben könnten? Was, wenn ich einmal in ein anderes Land ziehen und mich augenblicklich zur Loyalität mit diesem und dessen Staatsideologie bekennen muss? Spricht man mir dann nicht meine demokratischen Rechte zur Teilhabe an beiden Gesellschaften ab?

In jedem Fall wird uns klar sein, dass diese eingeforderten einseitigen Assimilationsbestrebungen türkische Nationalist*innen nicht weniger nationalistisch werden lässt. Vielleicht ließen sich einige Konflikte damit für ein paar Jahre unter den Teppich kehren, auf meine Generation werden sie dafür jedoch noch verstärkt zurückschlagen.

Ist es nun naiv in der Jugend die Welt verbessern zu wollen oder ist es unmenschlich, wenn Menschen mit zunehmenden Alter eher kurzfristig Symptome behandeln wollen?

Ich denke weder noch, die rationalen Interessen verändern sich einfach. Da ich hoffentlich auf dieser Erde noch mehr Zeit verbringen darf, als ich bis jetzt gelebt habe, lohnt sich für mich die Anstrengung, die Welt grundlegend zu verändern. Mich dafür einzusetzen, dass Ungleichheiten und Diskriminierungen in Normen abgebaut werden (die auch mich selbst einmal betreffen könnten), scheint sich rational für mich zu lohnen.

Für eine Person, die schon länger lebt, als sie wahrscheinlich noch leben wird, gibt es kaum rationale Gründe, so in die Zukunft zu denken. Ein kurzfristiges Vorteilsdenken mit wenig Aufwand scheint hier aus einer egoistischen Perspektive interessanter zu sein, zumindest bis keine anderen egoistischen Geninteressen (eigene Kinder, Kinder von nahen Verwandten) diese Parameter verändern.

Nun sollte man sich die Frage stellen, ob man diese unterschiedlichen rationalen Interessen im Spiegel der demografischen Entwicklung politisch ausgleichen muss. Ideen wären, das Wahlalter herabzusetzen oder so etwas wie einen Rat der Jüngeren zu bilden, doch wäre gerade der zweite Vorschlag gerecht? Warum sollte unser Leben (oder das der noch Jüngeren) mehr wert sein als das Leben einer Sechzigjährigen? Wir leben in einer Demokratie und daher müssen wir damit leben, dass verschiedene Menschen verschiedene Interessen vertreten. Für einige ist nun einmal die kurzfristige Symptombekämpfung von größerem Interesse als eine grundsätzliche Weltverbesserung. Es scheint daher auch kein Wunder zu sein, dass ältere Menschen den Jungen den Brexit und damit wieder mehr langfristige Unsicherheit in Europa beschert haben. Es scheint auch nicht verwunderlich, dass sich bei mir langsam das Vorurteil manifestiert, mit einer erschreckend größeren Zahl an Vertreter*innen bestimmter Altersgruppen nicht mehr über Politik reden zu brauchen. Lange schob ich diese subjektive Wahrnehmung auf den geringeren zeitlichen Abstand der Gesprächspartner*innen zum Nationalsozialismus, was sicherlich auch ein Faktor ist, der jedoch noch durch den Faktor dieser unterschiedlichen Interessen zumindest verstärkt wird.

Die Wahrung dieser anderen Interessen ist durchaus legitim, doch muss man sich bewusst werden, was kurzfristige Symptombehandlungen wie zwanghafte Assimilation, aufgedrängter Patriotismus, nicht diskutierte Werte, die Diskriminierung bestimmter Religionen und Gruppen, das Ausspielen von Schwachen gegen noch Schwächere, der Austritt aus Gemeinschaften und die Unterbindung der Einwanderung in der Vergangenheit bewirkt haben und was es für die Zukunft bringen wird… Schwierig wird es natürlich, wenn die rationalen Bestrebungen zur Verbesserung der Welt von den Alten als naiv belächelt werden oder die konservativen Gedanken als Egoismus stigmatisiert werden. Wir Jungen müssen uns, wie auch die Beteiligung beim Brexit zeigt, wesentlich stärker für unsere Interessen einsetzen. Die Demokratie muss hier im Diskurs für einen Kompromiss zwischen den Interessen der Generationen sorgen.

Es ist legitim, dass ihr auf Kosten der Generationen nach euch leben wollt, doch seid euch dessen bewusst und lebt im Dialog mit dieser.

Hurra wir erben… das, was ihr uns hinterlasst.

Unpolitisches Olympia –ein kurzer Kommentar

Wie kommt man auf die Idee, dass Politik bei den olympischen Spielen oder anderen sportlichen Veranstaltungen nichts zu suchen hätte?

Internationale Großveranstaltungen bei denen Nationen gegeneinander antreten.

Wer schon allein die Existenz von Nationen voraussetzt, definiert was eine Nation ist und festlegt welche Nationen existieren, übt politische Macht über andere aus.

Wenn dann noch medial einige Nationen (nur per Vorurteil) des Betruges bezichtigt werden, an muslimischen Sportlerinnen das Kopftuch und nicht ihre Leistungen interessant sind, Damen-Disziplinen nur als „Randsportart“ geführt werden, „Sportler“ bei den Damendisziplinen antreten und Angela Merkel beschuldigt wird erstens nicht vor Ort zu sein und dann auch in alter Pegida-Manier als undifferenziertes Hassobjekt für angebliches Versagen angeführt wird, wie ist es da möglich von einer unpolitischen Veranstaltung zu sprechen?

Das kann man man jetzt doof finden oder negieren wollen, die positiven oder die negativen Seiten sehen, aber Veranstaltungen, bei der Menschen(gruppen) gegeneinander antreten, werden immer politisch sein.

Der Naziproll – ein dankbares Opfer II

Vor fast einem Jahr schrieb ich für die Freitag Community einen Artikel mit dem Titel „Der Naziproll – ein dankbares Opfer“. Ein paar Dinge müssen korrigiert werden.

Was mein Artikel von damals nicht bedenkt und vernachlässigt, sind die institutionalisierten und kulturell verankerten Diskriminierungen als Ursache.
Wer sich ungerecht behandelt fühlt, will die Verhältnisse für alle ändern. Wer neidisch ist, ist auch neidisch auf den Flachbildfernseher seines weißen männlichen Nachbarn.
Die Entwicklung des Hasses auf bestimmte Gruppen, ist nicht nur sozialer Ungleichheit zuzuschreiben, sondern auch den permanent anwesenden Normalisierungen und Diskriminierungen in der Kultur, die in allen Schichten gebildet wird.

Schuld ist eine Kultur, von der auch ich ein Teil bin. Eine Kultur, deren Normalismus und resultierende Diskriminierungen so tief geht, dass auch bei mir Schaumküsse in meiner Kindheit einen anderen Namen trugen, „schwul“ und „weiblich“ auf dem Pausenhof und im Sport negative Adjektive waren und bis heute in meinem Kopf meine erste Assoziation mit Flitterwochen eine Ehe zwischen „Mann“ und „Frau“ ist.

Wir sind nicht nur in einer Populärkultur des Klassismus aufgewachsen, sondern eben auch in einer Populärkultur des Rassismus, des Sexismus, des Normalismus, des Nationalismus, des Antisemitismus und des Orientalismus.
AfD, Trump, AKP und Front National sind Produkte dessen.

Man macht es sich sehr leicht, wenn man die AfD als Protestpartei abstempeln, doch ist dieser Schritt sehr unpolitisch. Der wichtigste Punkt, in dem sich die AfD von den anderen Parteien im öffentlichen Diskurs unterscheidet ist, dass sie klar und ganz offen rassistische und sexistische Ziele anspricht. Niemand kann mit den Zielen der AfD sympathisieren ohne Rassist*in oder Sexist*in zu sein, auch wenn diese Person selbst sich dessen nicht bewusst sein muss.

Die soziale Ungleichheit mag Auslöser oder Teil des Problems sein. Doch ohne, dass wir Diskriminierungen aus den Köpfen verbannen und zwar in allen Schichten, werden wir das Problem des Rechtsrucks nicht lösen können.

Damit soll nicht eine von oben aufdiktierte „politische Korrektheit“ gemeint sein, die ein sprachliches Mäntelchen über weiter bestehende Diskriminierungen legt. Die Veränderung der Sprache kann erst ein Ausdruck eines freiwilligen Umdenkens im Kopf sein.
Nur durch unsere starken Werte der Toleranz, des Pluralismus und die Vermittlung der Gleichwertigkeit aller Menschen können wir dieses Ziel erreichen.

Der Appell an den inneren Antrieb des Menschen: eine Welt zu wollen, die in jeder Rolle lebenswert ist. Eine Welt zu wollen, in der man sich bewusst ist, dass man jederzeit in die Position der anderen Person oder des nicht „normalen“ gelangen könnte, ist für diesen Kampf gegen die Diskriminierungen des „unnormalen“ Anderen unabdingbar. Auf der anderen Seite kommen wir nicht daran vorbei, Diskriminierung offen anzusprechen. Egal wie groß die Hürden im ersten Moment zu sein scheinen. Niemand mag freiwillig die Ressourcen für einen Streit oder Unruhe aufbringen. Niemand will als Moralapostel oder „politisch korrekte“ Spaßbremse gesehen werden. Doch die allgegenwärtige Diskriminierung muss angesprochen werden, um sie sichtbar zu machen – online oder offline. Langfristig ist der Nutzen durch die nachhaltige Etablierung dieser Werte wesentlich größer, als unser kleiner Einsatz.

Mit dieser Einsicht können wir alle gemeinsam feststellen, welche Diskriminierungen noch in unseren Kulturen stecken und diese langfristig in unserem eigenen Sinne bekämpfen.

Leitfaden zur Integration

Wenn Politik und Medien bei Ostdeutschen genauso pauschalisieren und stereotypisieren  würden, wie bei Geflüchteten. Für alle, die sich fragten, was an einer Anleitung für Geflüchtete diskriminierend sein sollte – ein Leitfaden für Ostdeutsche.


Lieber ostdeutscher Mann!

Willkommen in Deutschland.
Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht.
Einige sogar Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch halb Osteuropa.

Das ist nun vorbei. Sie sind jetzt in der Bundesrepublik.

Deutschland ist ein friedliches Land.
Nun liegt es an Ihnen, dass sie nicht länger fremd bleiben in unserem Land, sondern ein Zusammenleben zwischen Ostdeutschen und Einwohner*innen, nach über 20 Jahren endlich erleichtert wird.

Eine Bitte zu Beginn: Lernen sie so schnell wie möglich eine in Deutschland gängige Sprache (Deutsch, Türkisch, Kroatisch, Italienisch, Kurmandschi, Russisch, Griechisch, Englisch, Polnisch, Spanisch, Niederländisch, Farsi, Plautdietsch, Sinte-Romani, Portugiesisch, Vietnamesisch, Deutsche Gebärdensprache, Marokkanisches Arabisch, Chinesisch, Tamil, Afghanische Sprachen, Algerisches Arabisch, Tunesisches Arabisch, Toskisch, Hindi, Urdu, Dänisch, Japanisch, Turoyo (Surayt), Sorbisch, Jenisch, Tigrinya, Kabardinisch, Koreanisch oder Friesisch), damit wir uns verständigen können und auch sie ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen können.

In Deutschland leben die Menschen mit vielen Freiheiten nebeneinander und miteinander:

Es gilt Religionsfreiheit für alle: Das gilt auch, wenn Sie unbegründete Vorurteile gegen die eine oder andere Religion haben. Menschen, die diesen Pluralismus nicht tolerieren nennen wir „Menschenfeinde“.

Alle Geschlechter dürfen ein selbstbestimmtes Leben führen und haben dieselben Rechte wie die Männer. Man behandelt alle Geschlechter mit Respekt. Man bringt ihnen sogar so viel Respekt entgegen, dass man versucht Individuen aller Geschlechter auch in abstrakten Formen und Pluralen zu nennen. Auch respektiert man sie so weit, dass geforscht wird, in welchen politischen und gesellschaftlichen Punkten noch Diskriminierungen bestehen.

In Deutschland respektiert man das Eigentum der Anderen.
Man betritt kein Privatgrundstück, keine Gärten, Scheunen, Asyl- und Geflüchtetenheime und andere Gebäude und erntet auch kein Obst und Gemüse, das einem nicht gehört.

In Deutschland respektiert man die Meinung der Anderen.
Man bezichtigt Menschen, die einer anderen Meinung sind, nicht ohne Begründung der Lüge. Wenn politische Weltanschauungen von Wissenschaftler*innen und Journalist*innen in bestimmte Strömungen eingeordnet werden, argumentiert man in Deutschland entweder dagegen und demontiert die These oder man muss davon ausgehen, dass die These des Gegenübers gut begründet ist und sie akzeptiert werden muss.

Im Allgemeinen besteht bei uns eine Freiheit der Wissenschaft. Es ist daher nicht möglich die Forschung auf bestimmten Bereichen der Wissenschaft zu verbieten, nur weil Ihnen die Ergebnisse nicht gefallen.

Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben!
Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer.
Wenn man unterwegs ist, nimmt man seinen Müll mit zum nächsten Mülleimer und wirft ihn nicht einfach weg.

In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet.

In der Bundesrepublik wird Wasser zum Kochen, Waschen, Putzen verwendet.
Auch wird es hier für die Toilettenspülungen benutzt.
Es gibt bei uns öffentliche Toiletten, die für jeden zugänglich sind.
Wenn man solche Toiletten benutzt, ist es hier zu Lande üblich, diese sauber zu hinterlassen.

In Deutschland gilt ab 22.00 Uhr die Nachtruhe. Nach 22.00 Uhr verhält man sich dementsprechend ruhig, um seine Mitmenschen nicht zu stören. Auch werden zu keiner Uhrzeit Geflüchtetenheime angezündet.

Für Fahrradfahrer gibt es bei uns Regeln, um selbst sicher zu fahren, aber auch keine anderen zu gefährden. (Nicht auf Gehwegen fahren, nicht zu dritt ein Rad benutzen, kaputte Bremsen reparieren und nicht mit den Füßen bremsen).

Fußgänger benutzen bei uns die Fußwege oder gehen, wenn keiner vorhanden, hintereinander am Straßenrand, nicht auf der Straße und schon gar nicht nebeneinander.

Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, wir brüllen sie nicht auf Demos heraus, schreiben sie nicht auf Plakate und tragen sie nicht in Talkshows.

Mädchen und junge Frauen fühlen sich durch Ansprache und Erbitte von Handy- Nr. und facebook- Kontakt belästigt. Bitte dieses deshalb nicht tun!
Frauen zu vergewaltigen ist in Ordnung, sobald es ihnen kulturell angebracht erscheint (Oktoberfest, Karneval).

Auch wenn die Situation für sie und auch für uns sehr beengt und nicht einfach ist, möchten wir sie daran erinnern, dass Sie hier bedingungslos aufgenommen wurden.

Wir bitten sie deshalb diese Aufnahme wert zu schätzen und diese Regeln zu beachten, dann wird ein gemeinsames Miteinander für alle möglich sein.


Nach einem Vorschlag der Gemeinde Hardheim.

 

Tod durch EU

Es ist ein bisschen erschreckend: vor ein paar Tagen griff ich hier, Jakob Augsteins Forderung nach einem positiven Populismus auf. Kurze Zeit später haben wir ihn dann– in Form eines Bildes, das abstoßend ist und auch für mich so falsch wirkt, um es als Werbemittel für eine Zeitung zu verwenden.

Und doch funktioniert es, die ersten Facebook-Freundinnen und -Freunde, die sonst durch ihre Forderungen vielleicht indirekt, allerdings um so aktiver für ein Ertrinken von Vertriebenen, Flüchtenden und auch der gezeigten Familie einstanden, zeigen Mitgefühl. Zum ersten Mal scheinen sie zu verstehen, was ihre Ideologien der Abschottung wirklich bedeuten.

Doch statt die gewonnenen Einsichten und Mitgefühle zu nutzen, diskutieren wir, ob das Bild gezeigt werden, beziehungsweise sogar als Titelblatt benutzt werden sollte. Verschwenden wir nicht mit dieser sinnlosen Debatte Zeit und Energie.

Die Argumente sind so vielschichtig, dass eine schnelle, überlegte Antwort wohl nicht möglich ist.

Das Bild wurde nun sowieso schon gezeigt und als Titelblatt auf Zeitungen und als Like-Fänger in sozialen Netzwerken missbraucht. Diese schnelle Verbreitung bewegte allerdings auch etwas in vielen Köpfen.

Nutzen wir diese Energie, die es ohne Zweifel freigesetzt hat.

Der Naziproll – ein dankbares Opfer

Es ist wieder so weit. Ein rechter Mob zieht durch Deutschland und verbrennt Häuser und Menschen.

Der Mob, das Pack und die Rechtsradikalen sind nur einige der Bezeichnungen, die diese Menschen, die dort prügeln und anzünden, bekommen. Anti-Nazi-Seiten wie Hooligans Gegen Satzbau machen bei Facebook auf die geringe Intelligenz der Nazis aufmerksam – als wäre eine hohe Intelligenz der Verdienst einer Person.

Natürlich –  auf das Bild des dummen Nazis ist sich schnell geeinigt. Angela Merkel verurteilt diese Taten ähnlich wie Sigmar Gabriel, ohne sich selbst zu einer Teilschuld zu bekennen. Bekannte Entertainer engagieren sich gegen „den Mob“ und sogar der ein oder andere Kolumnist der „die Welt“ lässt durchblicken, dass es nicht zu tolerieren ist, Asylheime anzuzünden.

Doch macht man es sich mit diesem Bild sehr einfach. Der Mob hat Angst. Das Pack hat Angst vor der spätestens seit den Hartz- Reformen einsetzenden Entsolidarisierung. Es hat Existenzangst vor dem Verschwinden in der vermeintlichen Bedeutungslosigkeit. Unsere Kultur, von der auch der Abbau von Sozialleistungen nur ein Ausdruck sind, vermittelt zunehmend, dass jede*r etwas darstellen müsse, wenn er oder sie geachtet werden will. Es reicht schon lange nicht mehr aus „nur“ Dachdeckerin oder Friseur zu sein, um gesellschaftlich angesehen zu sein, die Sozialdemokratie hat sich seit Anfang des Jahrtausends in den Urlaub verabschiedet und das Proletariat bleibt, von einer sich medial aufspielenden Minderheit diskreditiert, mit seinen Ängsten zurück.

Doch wie eine Facebook-Freundin letztens treffend formulierte, jedes arme Schwein sucht sich ein noch ärmeres Schwein, auf das es mit dem Finger zeigen kann. Und so kam es wie es kommen musste.

Durch das Schauspiel der Politik und Medien der letzten Jahre wurden neue Feindbilder geschaffen, die scheinbar selbst dem Proletariat gefährlich werden könnten, das geht von Ausländer über nichtmännliche Geschlechter bis hin zu Homosexuellen, die jetzt sogar heiraten wollen.

Angela Merkel zeichnet das Bild von dem Flüchtlingskind, dem sie leider keine Staatsbürgerschaft „schenken“ könne, auch wenn sie das gerne täte, aber dann ja „alle“ kämen. Die Massen, die nur auf unsere Kosten Leben und unser letztes Geld haben wollen.
Und ein Herr Seehofer skizziert das Bild des kriminellen Ausländers, der als potenzieller „Wirtschaftsflüchtling“ unter Generalverdacht stehen müsste und bei einer Kleinigkeit „unser Land“ verlassen müsse.
Bei Dieter Nuhr ist klar, dass der Islam der Barbarei entspricht, die zwangsläufig zu Tod, Kriminalität und Unordnung führt.
Durch ständige Reproduktion dieser Feindbilder, verfestigten sie sich zunehmend im kollektiven Gedächtnis.

Genau diese Skizzierungen des Ausländers, geprägt durch Presse und Politik haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass das passiert, was passieren musste. Die ärmsten zeigen auf Jene, die noch weniger, als sie selbst haben und verdammen sie. Unterstützt in ihren Feindbildern und allein gelassen mit ihren Sorgen von Politik und Presse.

Wenn wir die Schuldigen für die brennenden Flüchtlingsheime suchen wollen, sollten wir vielleicht nicht auf den Naziproll mit Pipi in der Hose schauen, auch nicht auf Ralph Ruthes skizzierte „Dummel“ oder auf die schimpfende Omi in Freital.

Stattdessen sollten diese Bilder lieber von einem Horst Seehofer, einem Bernd Lucke, einem Dieter Nuhr und einer Angela Merkel geziert sein, durch deren Ideologien und Reden diese vorurteilsbehafteten Feindbilder überhaupt erst entstehen konnten.

Etwas tiefgründiger möchte ich bei dieser Argumentation noch auf diesen Radiobeitrag hinweisen.

Die Mörderin und die Tierethik

Vorab kurz die oberflächliche Abgrenzung der Begriffe Ethik und Moral, die für dieses Thema wichtig sind.

Die Moral bezeichnet die Bedingungen, also die bestehenden Werte, nach denen eine Person als solche geachtet oder missachtet wird.
Ethik wiederum beschreibt und hinterfragt die bestehenden Normen.

Kurz: Moral ist die Zurechnung auf Personen. Ethik ist die Zurechnung auf Normen.

Der aufmerksamen Leserin und dem aufmerksamen Leser wird bereits aufgefallen sein, dass der Teilbereich der Philosophie beziehungsweise der Theologe: Tierethik und nicht Tiermoral heißt. Das heißt konkret, die Tierethik ist nicht an bestehende Normen gebunden, sondern verhandelt Diese.

Exemplarisch gibt es in den Diskussionen, in denen Laien sich mit ethischen oder moralischen Themen auseinandersetzen, große Missverständnisse zwischen moralischer und ethischer Betrachtung der Themen.
Wie bei anderen ethischen Diskussionen auch, wird schnell mit bestehenden juristischen und damit moralischen Normen argumentiert. „Das steht im Tierschutzgesetz aber anders“ oder „Tiere töten kann kein Mord sein, juristisch ist Mord anders definiert.“. Wenn wir der Logik der Definition von Ethik folgen, wird uns klar, dass ein bestehendes Gesetz nicht allein die Legitimation für die Norm sein kann, da in der Ethik eben jene bestehende Normen, ob nun explizit oder implizit bestehend, diskutiert werden.
Das heißt nicht, dass es für ein Gesetz nicht gute Gründe geben kann, nur dass ein bestehendes Gesetz allein kein Grund für die Norm sein kann, die das Gesetz ja eigentlich erst ausdrücken soll.

Tierethik heißt übrigens nicht zwingend: Tierrechte, also Tieren die gleichen Rechte wie Menschen zuzusprechen. Dies ist vielleicht die medial lauteste der Überlegungen. Die Tierethik an sich beschreibt allerdings das ganze pluralistische und meist gut begründete Meinungsspektrum, die solch eine wissenschaftliche Diskussion aushalten muss und das durchaus sehr bunt sein kann. Ein pauschales Verbot der Überlegung dieses Teilbereichs der Philosophie, spräche also nicht nur gegen Tierrechts- Bestrebungen, sondern gegen das ganze Spektrum der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der Thematik.
Übrigens hat der Teil dieses Spektrums, der gegen Tierrechte spricht, auch sehr gute tierethische Argumente dagegen und diese will man sich doch mit einem pauschalen Verurteilen dieser Summe an Überlegungen sicherlich nicht verderben.

Das gilt nebenbei für alle ethischen Überlegungen im wissenschaftlichen Sinne:

  • Eine ethische Überlegung ist nicht an gegebene moralische Normen gebunden.
  • Demzufolge kann die Existenz eines Gesetzes keine Begründung für eine bestehende Norm sein, maximal Ausdruck Dieser.
  • Bestehende Normen dürfen und müssen von der Ethik hinterfragt werden, sonst handelt es sich nicht um ethische Überlegungen.
  • Die wissenschaftliche Ethik ist (einem kognitivistischen Ansatz folgend) auf alle Bereiche des Lebens anwendbar und  gibt nicht die Möglichkeit nach belieben zu dispensieren: weder in bestimmten Situationen noch von bestimmten Personen.

⇒Wer wider dem Ergebnis der moralischen Überlegung handelt, weil es ihm oder ihr aus ökonomischen, politischen, juristischen oder anderen egoistischen Motiven nicht gefällt, handelt moralisch schlecht, egal in welchem Bereich des Lebens.

Des weiteren ist eine sehr wichtige Eigenschaft der Moral, dass sie symmetrisch ist.
Das heißt: Erwartungen, die ich an andere stelle, muss ich, um Ernst genommen zu werden, auch selbst erfüllen.
Am Beispiel der Tierethik heißt das: wer von anderen Menschen erwartet, dass diese anderen Tieren kein Leid zufügen, muss diese Erwartung selbst erst erfüllen. Was in der Komplexität unserer heutigen Wege der Rohstoffe wohl eher schwierig zu garantieren ist. Einen schönen Artikel zu dieser Problematik findet ihr hier.

In diesem Sinne haben Tierrechtler*innen das Recht anderen auf moralischer Ebene Mord vorzuhalten, allerdings bitte symmetrisch. Normen, die von ihnen für andere aufgestellt werden, müssen auch von ihnen selbst eingehalten werden. Sie haben gute Gründe dafür diese Normen aufzustellen, so wie ihre Gegner*innen wohl gute Gründe haben ihnen zu widersprechen.

Themenflüchtlinge in der öffentlichen Debatte

Nicht nur bei Facebook, sondern auch in privaten Gesprächen fällt es gerade auf, wie bestimmte Themen ungern behandelt werden und reflexartig mit dem Finger auf andere Themen gezeigt wird.

Gerade in der Diskussion über Flüchtlinge fällt auf, wie gern von dem einen Thema auf das Andere umgelenkt wird. Wie oft musste ich schon akrobatische Turnübungen von der Flüchtlingshilfe zur Altersarmut lesen.

Ja, wir haben mehr als ein Problem im Land und ja, Menschen helfen, kostet Geld. Ja, wenn die Entwicklungen sich so fortsetzen werden wir ein Problem mit der Altersarmut bekommen. Ja, auch „deutsche“ Arbeitssuchende leiden unter der gesellschaftlichen Entsolidarisierung der letzten Jahre. Ja, in den Gebieten aus denen geflüchtet wird, muss auch geholfen werden und etwas passieren. Ja, irgendwie muss das alles bezahlt werden. Ja, auch reiche Staaten in der Nähe der Gebiete, aus denen geflohen wird, könnten mehr Flüchtende aufnehmen. Und Ja, eine kleine, bis heute statistisch nicht nachweisbare Minderheit der Flüchtenden, könnte ein Konfliktpotential mitbringen.

Doch all dies ändert nichts daran, dass Menschen, die vor Krieg, Elend und Armut flüchten, jetzt im Moment im Mittelmeer ertrinken, in LKWs ersticken und im Krieg von Bomben zerfetzt werden, wenn wir ihnen nicht helfen. Es hat für mich wenig mit Vernunft zutun, wenn ökonomischer Egoismus und rassistische Klischees über die moralische Verantwortung gesetzt werden.

Gleiches Spiel zur Zeit mit rechtem Terrorismus, der Flüchtlingsheime entzündet und mit online oder offline offen gezeigter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Ja, es gibt auch linken Terrorismus. Ja, es gab die RAF. Ja, auch die ANTIFA zündet Autos an und verprügelt die Polizei. Auch mir sind Geschichten aus befreundeten Kreisen bekannt, bei denen Befreundete von Anhängenden der ANTIFA grundlos als Nazis beschimpft wurden und in Bedrängnis kamen.

Doch wie hängt dieses Thema mit der Betrachtung von rechtem Terrorismus zusammen? Können wir nicht das Thema „rechter Terror“ für sich betrachten, ohne Dieses mit einem Fingerzeig auf links mildern zu wollen? Wenn dieses Kapitel abgeschlossen ist, können wir uns von mir aus gern über gewaltbereite Linke unterhalten.

Wo wir gerade dabei sind, wenn ich über sexistische Diskriminierung in Deutschland rede, bringt es mir auch wenig, wenn die Situation in der Türkei in dem Punkt schlimmer sein sollte. Ähnlich sieht es mit rassistischen Diskriminierungen in Deutschland aus, die in der USA auch viel schlimmer sein sollen. Wenn das Thema, die genannte Problematik in Deutschland ist, ist eine ähnliche Situation in einer anderen Gesellschaft, keine gute Relativierung der hiesigen Problematik.

Das heißt nicht, dass man nicht auch die Rolle der Frau in der Türkei scharf kritisieren sollte, dass auch linker Terror Menschen schadet und dass ein Problem der Altersarmut nicht angegangen werden müsste, doch dies ändert nichts an den angesprochenen Situationen und hat wenig mit den Themen zutun.

Das ist übrigens ein Vorwurf, den auch wir Liberalen und Linken uns machen sollten. Vielen Fragen, für die wir keine einfachen Antworten haben, die von rechter und konservativer Seite sehr einfach und populär beantwortet werden können, weichen wir lieber aus und zeigen mit dem Finger auf ein anderes Problem.
Auch dieses Verhalten von uns war ein Nährboden für die Verschärfung und den offensichtlichen Rechtsruck in Deutschland.
Auch wir brauchen populäre und einfache Antworten, zumindest müssen wir komplizierte Themen viel besser verständlich machen und das Feld des Populismus nicht den Rechten und Konservativen überlassen. Hier stimme ich mit dem scharfen Grundkonsens der Forderung von Jakob Augstein überein, auch wenn ich sie zu einer Forderung nach einem Liberalen und Linken Populismus ergänzen würde.

Zu lange schon überlassen wir das Feld des Populismus der CDU, CSU, NPD und der AfD und werfen diesen Parteien vor, einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu (er)finden, vielleicht sind es auch wir, die die komplizierten Antworten vereinfachen und besser verkaufen müssten und uns von unseren intellektuellen Thrönen erheben und den Meinungen und Beweggründen der Mehrheiten mehr zuhören sollten.

Natürlich ist es leichter, alles beim Alten zu lassen, als es besser zu machen.
Natürlich ist es leichter, bei der alten Software zu bleiben, als Kraft zu investieren, um auf eine neue, bessere Version umzustellen.
Natürlich ist es leichter Menschen, die aus Angst oder Armut zu uns fliehen wollen, im Mittelmeer ertrinken zu lassen oder in ihrer Heimat zu verschrecken, als Kraft hineinzustecken, ihr Leben lebenswert zu machen.

Doch der einfache Weg ist nicht immer der richtige Weg und das müssen wir verkaufen.
Wir Liberalen und Linken müssen besser verkaufen und leichter begreiflich machen, dass reiner Egoismus niemals ein gesellschaftliches Zusammenleben ermöglichen kann.

Die kanadische Einwanderungspolitik

Die kanadische Einwanderungspolitik ist ein gern gewähltes Schlagwort, wenn es um die Beschränkung der Zuwanderung von Menschen in einen Staat geht.
Über die Praxis in Kanada kann ich mir selbstverständlich kein Urteil erlauben, die Situation in Kanada als Staat mit der weltweit größten Einwanderungsrate ist eine völlig andere, als die von Deutschland mit einer im Vergleich sehr geringen Rate an Einwander*innen.

Da ich nicht Teil der kanadischen Gesellschaft bin und mich nicht sehr in der Geschichte von Kanada auskenne, wäre ein Urteil über die innovativen kanadischen Ansätze zur Einwanderungspolitik meinerseits anmaßend. Wohl aber kann ich mich mit dem Vorschlag auseinandersetzen, diese Überlegungen für unsere Gesellschaft zu übernehmen.

Prinzipiell hat das kanadische Einwanderungssystem das Grundanliegen ein Menschenleben nach seiner Wirtschaftlichkeit zu bewerten.
Für jedes Individuum, das in die Gesellschaft einwandern möchte, werden nach einem bestimmten Schlüssel Punkte vergeben. Nach Art des aktuellen Bildungsstandes, Berufserfahrungen, Sprachkenntnisse in Englisch und Französisch, Alter, für Verwandte und frühere Aufenthalte in Kanada wird in Kanada eine Person in ihrem subjektiven Nutzen für die Gesellschaft klassifiziert.

Wie das genau für Deutschland umgesetzt werden würde, ist nicht ganz klar, gerade die Sprachkenntnisse wären wahrscheinlich etwas komplizierter umzusetzen, da Deutschland bekanntlich nur über eine Amtssprache verfügt (nach denen sich die Bewertung der Sprachkenntnisse in Kanada orientiert) und die Deutsche Sprache (anders als Englisch oder Französisch) nur einen vergleichsweise geringen Kreis an Adressat*innen eröffnet, was nach wirtschaftlichen Interessen nicht gerade von Vorteil wäre. Englisch wiederum ist zwar wirtschaftlich interessant, allerdings unter anderem nach Türkisch eher unpopuläre Verkehrssprache in Deutschland. Diese sprachliche Problematik ist zwar ein Punkt, der einem wahrscheinlich sofort als Differenz ins Auge fällt, doch nur eine Kleinigkeit im Kontext der Grundintention darstellt.

Wenn wir uns dieses Konzept nun zu Gemüte führen, fallen uns sicherlich zwei moralische Probleme auf:

  1. Der Nutzen eines Menschens für die Gesellschaft wird nach seiner Wirtschaftlichkeit bewertet. Eine Frage, die wir uns also für eine moralische Überlegung stellen müssten, wäre die Frage: wenn es technisch möglich wäre, würden wir andere Individuen, die in unsere Gesellschaft stoßen würden, auch ihren Nutzen für die Gesellschaft absprechen. Bedeutet, wenn wir ein Kind pränatal auf seine Wirtschaftlichkeit untersuchen könnten, müssten wir unwirtschaftliche Lebewesen, wenn wir diesen Gedanken zu Ende denken, die Eingliederung in die Gesellschaft verweigern. Es wäre die Konsequenz der Überlegung den Nutzen eines Individuums für die Gesellschaft nach seiner Wirtschaftlichkeit zu bewerten.
    Ganz Abstrakt ist diese Vorstellung übrigens nicht, natürlich müssten sich die Fürsprecher*innen schon mit den heutigen technischen Möglichkeiten mit dem wirtschaftlichen Wert (den von diesem Personenkreis scheinbar als absoluter Wert eines Individuums definiert) von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen (juristischer Begriff) auseinandersetzen, die Teil der Gesellschaft werden wollen oder sollen.
    Wenn der oder die Befürworter*in der Einwanderungspolitik nach kanadischem Vorbild diesen Schluss anders zieht, dann kommen wir zu dem zweiten Problem.
  2. Wenn Punkt eins nicht als Ergebnis gilt, müssen wir davon ausgehen, dass noch eine zweite Überlegung hinzukommt, eine zusätzliche nationalistische oder rassistische Differenzierung des Lebens. In diesem Fall wäre ein deutsches Individuum auch mit schlechter wirtschaftlicher Bewertung immer noch mehr von Nutzen für die Gesellschaft, als ein Zuwandernder mit mittlerer wirtschaftlicher Bewertung.

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit einzugestehen, dass es moralische Bedenken gibt, aber die wirtschaftlichen Argumente höher als die moralischen Argumente zu werten. Dies ist ein legitimer Einwand, doch an dieser Stelle ein kleines Gedankenspiel, dass diesen Konflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und Moral veranschaulichen soll.

Stellen wir uns vor, dir wird angeboten für einen Geldbetrag einen Menschen zu töten. Es könnte eine abstrakte Situation sein, in der der Druck auf einen Knopf einen Menschen töten würde, es würde also nicht einmal einen Zeitverlust für dich bedeuten. Dir würde versichert werden, dass der Tod des Menschen keinerlei Konsequenzen für dich hätte und du würdest daran glauben.
Würdest du es tun? Wenn ja, was wäre dein Preis für diese Tat? Gäbe es einen minimalen Preis für dich?

Schon die Überlegung eines minimalen Preises für die Handlung, wäre Anzeichen für eine moralische Überlegung, da die handelnde Person keinerlei Nachteil oder (relevanten) Aufwand durch ihre Handlung hätte.
Jeder oder jede, die für einen möglichst niedrigen Betrag (Preisverhandlungen ausgeschlossen) sofort den Knopf gedrückt hätte, kann frei von sich behaupten in Diskussionen, wirtschaftliche Argumente über moralische Argumente zu stellen. Jede Person, die den Knopf nie oder nur für einen sehr hohen Preis drücken würde, sollte noch einmal bedenken, ob die Moral nicht auch für sie eine große Kontrollinstanz ist und eine so offensichtliche rein egoistische Handlung zum Schaden von anderen Individuen wirklich in ihrem Interesse wäre.

Jeder und jede kann in eine Situation kommen, in dem er oder sie von den Entscheidungen anderer Personen abhängt.
Hoffen wir, dass diese Person nicht das Geld für das Drücken des Knopfes nimmt, wenn wir selbst davon betroffen wären.
Moralische Überlegung ist kein ‚emotionales Gewäsch‘, sondern die rationale Basis eines Zusammenlebens sozialer Individuen.