Dresdner Gesetze

Im Juni stehen in Dresden Wahlen an. Da über die Kandidatin Tatjana Festerling (auf ihrer Homepage ist nicht eine politische Aussage zu finden) nicht viel bekannt ist, außer dass sie aus dem Milieu von PEGIDA kommt, lohnt es wahrscheinlich sich doch einmal, die für mich bemerkenswertesten Punkte des letzten veröffentlichten Dokuments von PEGIDA genauer anzuschauen.

Am 15.02.2015 veröffentlichte PEGIDA die Dresdner Thesen, ähnlich wie das Vorgängerwerk enthält auch dieses Papier wenig konkrete Aussagen, doch relativ klare Unterstützung für bestehende Ressentiments und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
Ich möchte das Originaldokument aus verschiedenen Gründen hier nicht verlinken, es ist online schnell auffindbar und eine Kenntnis ist zum Verständnis dieses Artikels nicht notwendig, die betreffenden Stellen werden zitiert.

zur Einleitung:
PEGIDA bezeichnet sich als eine „ideologiefreie“ Bewegung. Natürlich kann keine Bewegung tatsächlich frei von Ideologien sein, hinter jeder politischen Aussage steht immer eine Ideologie. Eine politische Bewegung ist schon (hoffentlich) allein durch die Verfassung an bestimmte Ideologien gebunden. Dieser Terminus der Ideologiefreiheit wird in vielen extremen Strömungen verwendet, in der die eigene subjektive Weltsicht im verblendeten Glauben an diese gern ausgeblendet wird.

Im Folgenden noch ein paar willkürliche Behauptungen, die zwar bestehende Klischees unterstützen, die trotz unkonkreter Formulierungen Ressentiments schüren:

„stetig wachsende Parallelgesellschaften“-  Bei dieser Aussage drängen sich folgende Fragen auf: Ab wann ist eine Gesellschaft nach PEGIDA eine Parallelgesellschaft? Wo wachsen diese stetig? Was wären die Punkte, die gegen verschiedene Gesellschaften in einem Staatsgebiet sprechen? Was wäre der richtige Weg? Gibt es den einen richtigen Weg?

Diese Parallelgesellschaften nun „beunruhigen [laut PEGIDA] die Menschen“. Hier finden wir die Anmaßung der Allgemeingültigkeit, die uns von PEGIDA durch „Wir sind das Volk“- Rufe und den verwendeten Terminus des ‚Ideologiebefreiten‘ schon bekannt sind. Nur weil diese, laut Umfragen, wahrscheinlich kleine Minderheit Angst vor angeblichen Entwicklungen hat, hat dies nichts mit den „Menschen“ zutun. Auch wenn die PEGIDA- Bewegung Rückhalt von einer Mehrheit in der deutschen Bevölkerung  hätte, bliebe es eine Teilmenge und weder „das Volk“ noch „die Menschen“

„1. [1.1] Schutz, Erhalt und respektvoller Umgang mit unserer Kultur und Sprache. [1.2] Stopp dem politischen oder religiösen Fanatismus, Radikalismus, [1.3] der Islamisierung, [1.4] der Genderisierung und der Frühsexualisierung. Erhalt der sexuellen Selbstbestimmung.“

Hier sind wir schon mitten in diesem Wirrwarr von ungenauen Äußerungen und Ressentiments. Auf der einen Seite geben sie durch die unklaren und ungenauen Formulierungen wenig Möglichkeit zur konkreten Diskussion. Auf der anderen Seite unterstützen sie Vorurteile durch die bloßen Formulierungen. Ich versuche sie im Folgenden ein wenig zu strukturieren.

Bei 1.1 wäre nun die klare Frage, die sich wahrscheinlich jedem Menschen stellt, wo die Verfasser*innen diesen respektvollen Umgang mit [der] Kultur eingeschränkt sehen. Scheinbar sehen sie ihn irgendwo eingeschränkt. Nur wo? Auch ist nicht klar wie ‚unsere‘ Kultur definiert ist. Unsere Kultur ist bekanntlich ein Amalgam aus Kulturen und auch nicht genau fass- und abgrenzbar. Wie sollen wir etwas schützen, was nicht klar fassbar ist und wovor schützen wir sie?

1.2 Wie definiert PEGIDA politischen und religiösen Fanatismus und wie Radikalismus und wie grenzen sie diese Begriffe von ihrer eigenen Strömung ab. Einer Minderheit, die sich als unideologisch bezeichnet und als Mehrheit insziniert.

1.3 neben der oben schon erwähnten Frage zur Definition, könnte man hier eine Andeutung in Richtung Islamfeindlichkeit sehen. Obwohl Punkt 1.2 zwar vor allen radikalen Strömungen warnte, muss der Islamismus noch einmal explizit betont werden. Islamismus spielt zwar in Deutschland statistisch keine große Rolle, doch das Feindbild ist scheinbar so klar fassbar und muss nur bereits bestehende Ressentiments aufgreifen.

1.4 der für mich undurchsichtigste Abschnitt in Punkt eins: Was ist die ‚Genderisierung‘? Auch wenn ich diesen Begriff nicht klar einordnen kann, würde ich ihn jetzt in diesen merkwürdigen Protest gegenüber der rechtlichen, politischen, sozialen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung aller Menschen (ohne Bewertung nach Geschlecht) einordnen.
An dieser Stelle ist es besonders interessant zu fragen, wie das konkret gemeint ist:
Liegt die Kritik bei der Idee der Gleichwertigkeit aller Menschen?
Liegt die Kritik dem Fakt zugrunde, dass diese Bestrebungen Hand in Hand mit den neusten Erkenntnissen aus der Forschung einhergehen?
Wenn dem so wäre, ist die Frage, handelt es sich um eine Kritik an der Wissenschaft im allgemeinen? Wären in diesem Fall die Verfasser*innen nicht mit den Methoden oder den Erklärungsmodellen der Gender- Forschung, der Biologie, der Psychologie und der Linguistik in den betreffenden Gebieten zufrieden? Gibt es bessere? Ist PEGIDA der Meinung, dass ein Geschlecht höherwertiger als die anderen sei? Soll sich die Politik im Allgemeinen nicht mehr der Erkenntnisse der Wissenschaft bedienen oder gilt dies nur im Fall der geschlechtlichen Gleichberechtigung, beziehungsweise anderen Themen, bei denen die Erkenntnisse nicht den eigenen politischen Überzeugungen entsprechen?

„2. Schaffung und strikte Umsetzung eines Zuwanderungsgesetzes nach demographischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gesichtspunkten. Qualitative Zuwanderung ([2.1] anstatt momentan gängiger quantitativer Masseneinwanderung) nach schweizerischem oder kanadischem Vorbild.“

Punkt zwei ist relativ unmissverständlich formuliert, auch wenn er in meinen Augen moralisch sehr bedenklich ist. Gerade die kanadische Einwanderungspolitik ist nach meiner Beurteilung nur auf Basis von rassistischen oder ethnopluralistischen Theorien als Vorschlag möglich. In jedem Fall müssten wir in Kauf nehmen, dass wirtschaftliche Interessen über moralische Argumente gestellt werden.
Warum diese Überlegungen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu menschenfeindlichen Handlungen führen, werde ich in einem folgenden Artikel beleuchten [Aktualisiert: inzwischen hier].

Punkt 2.1 bedürfe wohl eines Beweises. „Masseneinwanderung“ sagt sich immer so leicht, wie diese in der Tat gemeint ist, wie Einwanderung überhaupt definiert ist, warum dies negativ bewertet werden sollte, bleibt wie häufig unbeantwortet.

„3. Dezentrale Unterbringung von Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten, entsprechend der kommunalen Möglichkeiten und der Sozialprognose des Asylbewerbers. Verkürzung der Bearbeitungszeiten von Asylanträgen nach holländischem Vorbild und sofortige Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern. [3.1] Aufnahme eines Rechtes auf und der Pflicht zur Integration ins Grundgesetz.“

Hier ist vor allem Punkt 3.1 interessant. Eine Integration wird gefordert, klar wird nicht formuliert wer worein integriert werden soll. Ich gehe jetzt davon aus, dass sich diese Idee in ethnopluralistische Überlegungen eingliedert. Ein Modell in dem jede Kultur einen bestimmten, angestammten Platz hat, von dem sie sich nicht bewegen kann. Nach dieser Überlegung geht es scheinbar darum, dass die minderwertige(?) Kultur sich der ‚deutschen‘ Kultur unterzuordnen hat. Ohne eine unterschiedliche Wertung der Qualität dieser Kulturen und einem gewissen Chauvinismus, gäbe es für diese Vorstellung wohl keine Begründung.

„6. Konsequente Rechtsanwendung, ohne Rücksicht auf politische, ethnische, kulturelle oder religiöse Aspekte des Betroffenen.“

Auch hier bleibt wohl offen, wo der Autor oder die Autorin diese „konsequente Rechtsanwendung“ nicht sieht. Dieser Absatz erschwert übrigens erheblich die oben genannten Punkte, bei denen PEGIDA die Rechte für Migrant*innen beispielsweise ihre Kultur frei auszuleben, da hier Recht nicht mehr in unterschiedlichem Maße nach ethnischer Herkunft gemessen werden darf. Auch der wiederkehrende Ruf nach „Abschiebung krimineller ‚Nicht- Deutscher‘ “ wäre mit diesem Punkt ausgehebelt, da hier genau dies verlangt wird. Ein anderes Strafmaß nach ethnischer oder ‚biologischer‘ Herkunft.

Dies waren nur die dramatischsten Punkte der Dresdner Thesen. Natürlich sind auch die anderen nicht unbedingt klar formuliert und könnten unter Umständen mit dem Grundgesetz in Konflikt geraten.

Wie man auch sieht, wären einige der Punkte womöglich sogar für einen demokratischen Diskurs geeignet, wenn sie genauer oder ohne mitschwingende Xenophobie formuliert wären.
Dass Bemühung, ohne Bedienung von Ressentiments oder Diskriminierung, wenig mit einer diktierten „politischen Korrektheit“ zutun hat, sondern als Bestrebung jedes einzelnen Teils dieser Gesellschaft wünschenswert wäre, mit Formulierungen möglichst wenig oder vielleicht sogar keine Menschen zu diskriminieren, ist inzwischen wahrscheinlich bei dem oder der Letzten angekommen, der oder die das Grundgesetz als Teil seiner Kultur anerkennt und würdigt.

Klar bleibt, wer eine Repräsentantin dieser Bewegung wählt, wählt auch diese mitschwingende, angedeutete: Xenophobie, Islamhass, Bestrebungen gegen die Betrachtung aller Menschen (in den Beispielen: Geschlecht, Religion, Kultur) als gleichwertig und der wohl größte Punkt eigentlich keine genauen Wahlinhalte, sondern eben nur einen Ausdruck der oben genannten, ausgedrückten Andeutungen.

Erwähnt sollte wahrscheinlich auch werden, dass die NPD Dresden beschlossen hat keine*n eigene*n Kandidat*en zur Wahl zu stellen, sondern gab die Wahlempfehlung zu Tatjana Festerling.

Hoffen wir, dass die Toleranz und nicht der Hass diese Wahl gewinnen wird…

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Einheit ist gut, Vielfalt ist besser

Der Mythos von der Reinheit einer Kultur

Viele moderne, radikale ideologische Strömungen fallen durch ihren Anspruch auf die Reinhaltung einer bestimmten Identität oder dem Teil einer Identität auf.

Was ist an dieser Vorstellung so schwierig?

In den Kulturwissenschaften gehen wir davon aus, dass Kulturen immer Amalgame verschiedener Kulturteile sind und in einem Komplex aus Völkerbewegungen, kulturellen Entwicklungen und Migration von Individuen unter einer kontinuierlichen Beeinflussung stehen.

Zu so einer Beeinflussung der Kultur bedarf es immer der Mitarbeit zweier Seiten. Eine Partei muss beeinflussend wirken und die Andere muss die Beeinflussung auch zulassen, um so einen Einfluss nachhaltig in einer Kultur zu etablieren.

Beispiele einer beeinflussten Kultur aus dem Alltag:

religiöse Beispiele:

  • Die Organisation „Islamischer Staat“ strebt eine Rückkehr zu einem angeblich ursprünglichen Islam an. Was von den Initiierenden dabei meist vergessen wird, ist das selbst dieser Ausgangspunkt schon einer Bandbreite von äußeren Einflüssen ausgesetzt gewesen wäre und sich nicht nur als typisch islamisch bezeichnen ließe. Denken wir an die Einflüsse aus früheren altarabischen Religionen: unter anderem Mekka als heiligen Ort, das Verbot vom Alkoholgenuss, das schon zu Zeiten der römischen Herrschaft über die Provinz „Arabien“ belegt ist oder die große Zahl von religiösen Überschneidungen mit Tanach und Bibel.
  • Ein weiteres Beispiel aus dem Islam wäre die Strömung des Sufismus. Sie ist stark von christlich- asketischen und buddhistischen Einflüssen geprägt, trotzdem wird sie in der Mehrheit der mir bekannten Texte ohne Zweifel als muslimische Strömung bezeichnet.
  • Von liberalen, muslimischen Apologet*innen und Islamwissenschaftler*innen wird gern behauptet, dass Homophobie nicht islamisch sei, da sie vor dem Import aus dem viktorianischen Westen nicht nachweisbar sei.
    Im Gegenteil, uns ist aus einer Vielzahl von Quellen bekannt, dass homoerotische Literatur an herrschaftlichen Höfen sogar verbreitet war.
    Dieser Fakt ist zwar historisch nicht von der Hand zu weisen, trotzdem ist auch Homophobie heutzutage in einigen Regionen leider Teil des gelebten Islam. Ob dieser Teil der Religion nun unter einem äußeren Einfluss oder autark entstanden sei, ist vielleicht aus historischer Perspektive interessant, sagt allerdings nichts über seinen Stellenwert im Islam aus.

Doch auch auf der Ebene nationalistischer Ideologien begegnet uns dieses Phänomen.
Ein Beispiel wäre die Theorie von der angestrebten Reinhaltung der Sprache.
In diesem Zusammenhang gibt es einige Bestrebungen, in der eine angenommene ‚Ursprache‘ als Konsens gewählt und ein Versuch unternommen wird, diese nun isolierte Sprache jeglichen Einflüssen zu entziehen.
Vereinbar sind diese Vorstellungen vor allem mit nationalistischen Theorien, auch für diese eine reine ‚Urkultur‘ von Nöten ist und häufig mit dem scheinbar nationalen Element, Sprache, verknüpft wird.

  • Ein Beispiel ist der Sprachpurismus, der immer mal wieder belebt wird, zumindest ließe er sich nur aus nationalistischer Sicht begründen. Außer, dass ich in NPD- Kreisen immer häufiger ernst gemeint „Gesichts- Buch“ oder „Weltnetz“ lesen darf, sehe ich darin nicht wirklich einen großen Nutzen.
  • Man kann diese Bestrebungen zur angeblichen Reinhaltung der Sprache auch an der Verweigerungen vor Bestrebungen zur Entwicklung einer geschlechtergerechten Sprache sehen. Einige Menschen argumentieren hier auch mit der Idee, man könne die Sprach, so wie sie besteht, nicht modulieren oder man würde sie in ihrer angeblichen Reinform zerstören. Wo diese Reinform liegen soll und wer diese für die einzig Wahre erklärt, ist nicht ganz offensichtlich. Dieses Argument ist auch durch den Vorschlag, statt geschlechtlich eindeutigen Formen das substantivierte Partizip (Studenten ⇒ Studierende) zu verwenden, ausgehebelt worden, da diese sich nach existierenden Regeln der Grammatik ohne Probleme richtet und die Struktur der Sprache nicht verändert.
  • Ein letztes Beispiel, bei dem die Bestrebungen zur Reinhaltung für mich sehr deutlich werden ist die „Genitiv- Dativ Diskussion“.
    Seit vielen Jahren entwickelt sich die Deutsche Sprache zu einer Vernachlässigung des Genitivs hin. Obwohl es sich um eine übliche und alltägliche Sprachentwicklung handelt, haben es einige populärwissenschaftliche Werke mit diesem Thema sogar in die Bestseller- Liste des Spiegels geschafft.
    Warum es ausgerechnet diese Entwicklung zu so einem starken, wahrscheinlich nationalistischen (?) Symbol geschafft hat, ist mir nicht offensichtlich. Andere Phänomene, wie die Vernachlässigung des Futurs oder des Konjunktivs, sind gar keine Themen.
    Vielleicht ist das Gefühl der Überlegenheit gegenüber ‚dem Fremden‘ besonders groß, um so komplizierter ein grammatisches Konstrukt für Nicht- Muttersprachler*innen zu erlernen ist?Der positive Aspekt an dieser Genitiv- Entwicklung ist, dass die Deutsche Sprache zum Erlernen wieder ein großes Stück logischer wird und trotzdem keine Probleme beim Verständnis aufkommen. Zu diesem Zweck gibt es (aus Sprachwissenschaftlicher Sicht) keine Berechtigung für spezielle Genitiv- Verben und Präpositionen.
    Im Gegensatz sind mit keine negativen Aspekte dieser Entwicklung bekannt.

Welchen Grund hätte ich also kulturelle Entwicklungen dieser Art aufzuhalten?

„Ich suff des Tabaks zu viel.“

Einen Satz wie diesen sage ich ausgesprochen selten und doch klang er zu Zeiten Goethes völlig normal.

Eine Entwicklung der Sprache ist etwas ganz normales und nötiges.

Egal ob wir jetzt über Sprachpurismen, Sprache die keine Geschlechter diskriminiert oder den Genitiv sprechen, bleibt es für mich schwierig nachzuvollziehen wo diese angestrebte Reinform liegen sollte und solang es keinen Nachweis für eine Reinform gibt, auch indiskutabel.

Die Balance zwischen dem Bewahren des Alten und dem Öffnen gegenüber Neuem:

Auch hier, kann ich die Frage zur Balance zwischen den Bestrebungen nicht beantworten.

Natürlich ist es auf der einen Seite nötig eine halbwegs genormte Sprache zu haben, um eine Verständigung möglich zu machen, auf der anderen Seite behindern diese Normen natürlich auch eine natürliche Sprachentwicklung und vergrößern stetig die Entfernung zwischen gesprochener und Hochsprache.

Was mir bleibt, ist festzustellen, dass es eine reine Kultur nach diesen Gedanken nicht geben kann und Theorien dieser Art häufig von sehr fundamentalistischen Strömungen, zur Bekämpfung ungewollter Modernisierungen eines Teils einiger Ideologien, instrumentalisiert wird.

Die Ideologie und der Fanatismus

In meinem letzten Artikel schrieb ich über Ideologien und deren mögliche negative und positive Folgen, diese Überlegung möchte ich gerne noch einmal für ein Gedankenspiel aufgreifen.

Ich denke die Definition für Radikalismus und Fanatismus sind je nach Kontext und Erlebnissen bei uns allen sehr schwankend. Generell würde ich Fanatismus für mich darüber beschreiben, dass eine Person alle Menschen dazu zwingen will, genau so zu denken wie sie selbst, jedes Individuum als dumm abstempelt, das anders denkt, als die Person selbst oder davon ausgeht, dass jedes Individuum, das die gleichen Informationen wie die Person hat, nach vernünftiger Überlegung exakt die gleichen Schlüsse ziehen müsste.

Eine muslimische Frau, die sich selbst mit einer Burka verhüllt und die davon ausgeht, jede Muslima müsse es ihr gleich tun, weil es für sie Teil des Islam ist, wäre für mich fanatisch.
Auch ein atheistisch lebender Mensch, der selbst keine Burka trägt und auch nicht theologisch tätig ist, der die Burka für Jeden oder Jede verbieten lassen will, wäre für mich fanatisch.

Auch um noch einmal auf meinen letzten Artikel zurückzukommen, wäre sowohl jeder oder jede Gläubige für mich fanatisch, der oder die davon ausgeht jeder Mensch müsse die eigenen, spirituellen Überzeugungen teilen. Anders herum wäre es genau so fanatisch für mich, wenn ein Atheist oder eine Atheistin davon ausgeht, jeder Theist oder jede Theistin wäre dumm oder rückständig, wenn er oder sie vernünftig an Gott glaubt.

Vielleicht fällt es uns in die eine Richtung gedacht leichter den Fanatismus zu erkennen, weil uns die Überlegung näher ist als anders herum.
Einige Ideologien sind uns näher, andere sind uns ferner. Bei einigen sind uns die positiven, bei anderen die negativen Seiten präsenter, ich denke, dass dies in der Natur des Menschen liegt.


Ein Gedankenspiel zur Aufweichung dieser Vorstellung.

Stellen wir uns vor, wir lebten als Atheist*in oder Christ*in in einem muslimischen Staat. Der Islam wäre verfassungsmäßig zwar anerkannte Staatsreligion, doch Anhänger*innen von Minderheitengruppen wie du einer oder eine wärst, wären ebenso verfassungsmäßig anerkannt und von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert.
Ob dieser Staat existiert, ist für das Model unwesentlich, die Situation ist ein Gleichnis.

Du fühlst dich prinzipiell sehr wohl in der Gesellschaft, doch zu islamischen, identitätsstiftenden Großereignissen passiert es dann. Die Straßen hüllen sich in Grün, die Farben Muḥammads.
Nach jedem Festtag häufen sich die Bilder im Internet. 
Bilder, auf denen Menschen mit der Fahne des Propheten auf Denkmälern für ermordete Christen und Christinnen in ‚vergangenen‘ Zeit des extremen Islamismus stehen. Bilder von Firmen, die vor den Feiertagen mit dem Hashtag ‚islamisiert‘ werben, weil sie christliche Kleidung gegen islamische Kleidung getauscht haben, im Staatsfernsehen wird über den Islam nur in der ersten Person Plural gesprochen und du siehst Bilder von Straßenschildern, von Straßen, die die Namen von atheistischen Freiheitskämpfern und Freiheitskämpferinnen tragen, die umgeschmissen und mit Koranversen überschrieben sind oder in den Farben des Propheten übermalt sind. Diese Bilder sind nur ein paar wenige Beispiele, der gewaltigen Flut, die dir jeden Tag entgegen schlägt.

Wenn du deine islamischen Freunde darauf ansprichst sagen sie so etwas wie „Das sind doch alles nur zufällig entstandene Aufnahmen“, „Man kann aber auch alles überpolitisieren“ oder „Das sind wahrscheinlich alles Bildmanipulationen.“
Jeder einzelne Beitrag dieser Flut soll Zufall sein? Der Einzelfall überpolitisiert, wo die Gesellschaft ihn doch scheinbar apologetisch zu verteidigen versucht?

Im gleichen Milieu gibt es geistige Obrigkeiten, die sich wünschen, dass auch alle nicht Gläubigen bitte beten sollten und einige islamische Gelehrte fordern sogar, dass man alle nicht Gläubigen zu islamischen Traditionen verpflichten solle, schließlich lebe man ja auch hier.

Als Witz schenken dir deine Freunde zu den islamischen Feiertagen Dinge, mit denen du dich islamischer fühlen kannst. Sie denken es wäre witzig, doch du weißt genau was sie dir damit zeigen, dass du nicht dazugehörst, dass man es sich wünschen würde, dass du genau so wärst.

Die Krönung findet dann für dich am bedeutendsten aller Feiertage statt. Du bist auf dem zentralsten Platz der Stadtmitte, tausende von Menschen sind gekommen, um diesen wichtigsten aller Feiertage miteinander zu verbringen.
Der Höhepunkt des Tages wird erreicht, die angesehensten islamischen Gelehrten haben einen traditionellen Tanz einstudiert, in dem sie bildlich darstellen, wie ein Muslim geht, stolz mit erhobenem Haupt überragt er alles.
Er hat es gelernt alles andere zu besiegen und ist der einzige, dessen Entwicklung so weit ist, dass er aufrecht gehen kann. Anschließend verbildlichen sie einen Christen, der gebückt, einem Affen gleich, fast auf allen Vieren läuft.

Als du am nächsten Tag deine Freunde und Freundinnen darauf ansprichst, sind ihre ethischen Rechtfertigungen so etwas wie: „Das ist halt Teil unserer Kultur.“, „Man muss ja nicht überall so viel reininterpretieren.“, „Das machen die Sunniten über die Schiiten auch.“ oder „Mensch, die haben sich halt gefreut, dass sie Muslime und Muslima sind.“

Eine ethische Argumentation, der du wahrscheinlich nur schwer folgen kannst.


Eine kleine Selbstkritik

Eigenartig, nicht wahr?
Es wirkt irgendwie so fremd, obwohl wir genau das gleiche vor nicht all zu langer Zeit schon einmal exakt so erlebt haben. Wo wäre in der beschriebenen muslimischen Gesellschaft die Grenze zwischen dem gesunden, einigenden Islam und dem, der die Arroganz zum Glaube an die Überlegenheit, ja zur ungesunden Abgrenzung von allen anderen führte.
Wo ist in unserer nationalstaatlichen Gesellschaft die Grenze zwischen dem gesunden, einigenden Nationalismus und dem, der die Arroganz zum Glaube an die Überlegenheit, ja zur ungesunden Abgrenzung von allen anderen führte.

Die Übergänge werden wohl sowohl für den Nicht- Muslim oder die Nicht- Muslimin, als auch für seine Freundinnen und Freunde langsam verschwinden.

Wie wahrscheinlich jedem klar geworden sein dürfte, spiele ich mit meinem Beispiel oben auf fast genau so erfahrene Erlebnisse anderer identitätsstiftender Großereignisse an, ob diese Identität nun durch eine religiöse oder eine nationale Identität gestiftet wird, ist für die Ereignisse eigentlich relativ egal.

Wichtig ist wie ich oben schon nannte, die persönliche Komponente, während der WM 2014 war ich sehr stigmatisierend unterwegs, jeder Mensch mit einer Deutschlandfahne wurde in meiner Wahrnehmung zu einem oder einer fanatischen Nationalist*in. Schwarz- Rot- Gold wurde zu einem Feindbild, in dem auch ich die positiven Seiten eines identitätstiftenden Nationalismus gerne übersah und nur zu gern verteufelte, wie der oder die Dawkinist*in die Religion.
Anders herum wird es dem einen oder anderen Fußballfan nicht aufgefallen sein, wie er in dieser Zeit alles noch so nationalistische oder rassistische Verhalten auf einmal gut fand oder schön geredet hat, weil es gerade in die Zeit passte.

Auch ich bin davor nicht gefeit in einigen Punkten dem undifferenzierten Fanatismus zu verfallen und muss meine Gedanken vielleicht mit einem gewissen Abstand ständig selbst hinterfragen.

Auch als halb bekennender Kosmopolit, sollte ich die positiven Aspekte einer nationalistischen Ideologie würdigen können, auch wenn es mir nie gelingen wird die negativen Aspekte bei einer Überstrapazierung aus den Augen zu verlieren.
Zu bewusst sind mir die leeren Schuhe vor denen ich in Auschwitz stand, zu bewusst der Hass, dieses Gefühl der Überlegenheit des genetisch aufrecht laufenden Deutschen über den gebückten Völkern der „Anderen“, das die Besitzer und die Besitzerinnen dieser Schuhe alle vernichtete.


Fanatismus und Identitäten

Was wir wohl an den Beispielen sehen können, dass diese unterschiedlichen Wahrnehmungen von Fanatismus, Radikalismus und dem gemäßigten Verteidigen einer Ideologie individuell sehr unterschiedlich sein und von der Zeit und dem Umfeld der Betrachtung abhängen.

Es ist nicht entscheidend, welche Eigenschaften wir zur Beschreibung unserer Identität in den Vordergrund stellen, ob es nun eine Nationalistische oder eine Religiöse ist. Wichtig ist nur, dass wir erkennen, dass wir niemanden dazu zwingen können Elemente der eigenen Identität zu übernehmen (das hat auch nichts mit Integration zu tun). Sei es nun ein religiöses Element wie ein Gebet oder ein nationalistisches Element wie eine Sprache, die künstlich mit einer nationalen Identität verknüpft wird.

Wer ist nun fanatisch, radikal oder gemäßigt?
Im islamischen Land: die Person, die sich wünscht, dass alle in dem Land lebenden Menschen beten sollen? Die Person, die fordert, dass alle Menschen in dem Land auch in ihrer Freizeit islamisch beten müssen? Die Person, die sich wünscht, dass vor jedem auch nicht islamischen Laden Korantexte zu sehen sind? Die Gesellschaft, in der 90% der Bevölkerung glauben, dazu gehöre nur, wer muslimisch lebt?
In einem Nationalstaat: die Person, die auch wünscht, dass alle Menschen eine einheitliche Sprache sprechen? Die Person, die sich wünscht, dass alle Menschen die Nationalhymne mitsingen? Die Person, die Menschen dazu bringen wollen auch in ihrer Freizeit deutsch zu sprechen? Die Menschen, die sich wünschen, dass alle Läden in der Sprache der Mehrheit beschriftet sind? Die Gesellschaft in der 90% der Meinung sind dazu gehöre nur, wer die mit der Nation künstlich verknüpfte Sprache spricht?

Die Situationen sind analog und doch werden sie wahrscheinlich je nach Betrachtungswinkel und Zeit unterschiedlich bewertet.
Wichtig bleibt festzustellen, dass jeder oder jede seine oder ihre Identität selbst beschreiben können sollte, wie er oder sie es für richtig erachtet und zu keiner Identität oder zu keinen Elementen einer Identität von außen gezwungen werden sollte und es auch nicht erwartet werden sollte.

Vielleicht wäre es einfacher, wenn man versuchen würde alle gleich zu schalten. Alle zu einer Ideologie, einer Religion, einer Vorstellung von Geschlechtern und einer Sprache zu zwingen, doch es würde unsere Welt wahrscheinlich um einiges langweiliger machen, viele Menschen unterdrücken und wahrscheinlich unweigerlich zu Menschenhass führen…

Gleichheit macht die Welt sehr wahrscheinlich einfach, jedoch sehr unwahrscheinlich auch besser.