Wichtige Beziehungen

Zwischen Affirmation und Kritik: Warum persönliche Beziehungen über die eigene Perspektive hinweg nötig sind und wie sie möglich werden können.

Kritische Wissenschaften und kritischer Aktivismus haben sieben grundlegende Annahmen über das Zusammenleben an sich und im Zusammenleben produzierte Erkenntnisse, die sich grundlegend vom bürgerlichen Verständnis unterscheiden:

  1. Unser Zusammenleben wird von historisch manifestierten materiellen und/oder ideologischen Macht- und Herrschaftsstrukturen durchzogen, die das Handeln und Denken von Personen maßgeblich beeinflussen.
  2. Wir sind uns dessen bewusst, dass unsere Welt nicht perfekt, sondern gewaltvoll ist.
  3. Die Ursache dafür sehen wir nicht in Individuen oder der Natur, sondern in den von Menschen gemachten Macht- und Herrschaftsstrukturen. Individuen re_produzieren diese “nur”.
  4. Die Macht- und Herrschaftsstrukturen, sowie deren Re_produktionen in unseren Handlungen und Denkkonzepten, lassen sich analysieren und erklären.
  5. “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.”  Eben weil unsere Gedanken und Handlungen maßgeblich von Macht- und Herrschaftsstrukturen gelenkt sind und wir in diesen falschen Systemen leben, ist in unserem Verständnis eine ständige Selbstkritik und viel wichtiger: Kritik von außen maßgeblich, um uns selbst und die Welt zu verstehen.
  6. In unserem Verständnis bedeutet, das Gegenüber ernst nehmen und verstehen zu wollen, Gedanken, Handlungen und Dinge, die uns gezeigt oder erzählt werden, in die Strukturen einzuordnen.
  7. Eine Einordnung in die Strukturen bedeutet immer eine Kritik der Strukturen, die durch eine Sache, in der Re_produktion, wirken.

Diese Annahmen stehen im Widerspruch zur bürgerlichen Gesellschaft, die für ihre individualistische Begründung auf ein Personenkonzept zurückgreifen muss, in dem Handlungen dem Individuum zugeschrieben werden und Diskurse sowie Begriffe nicht historisch geprägt werden, sondern als neutrale Beschreibung von Fakten im positivistischen Sinne verstanden werden. Das liberale Bürgertum kann keinen Fehler im System sehen, weil es Handlungen dem Individuum zuordnet. Jede Benennung von Re_produktionen werden vom bürgerlichen Subjekt als Kritik an der Person gewertet, weil es selbst die Ursache für Gewalt und Leid in individuellen Schuldigkeiten denkt. Diese verschiedenen Logiken unterscheiden affirmative und kritische Tätigkeiten im Alltag.

Daraus ergeben sich grundlegende Missverständnisse zwischen bürgerlich und kritisch geprägten Erwartungen an ein Gespräch.

Wenn bürgerlich geprägte Freund*innen von einer Sache erzählen, dann erwarten sie, dass ich als guter Freund darauf reagiere, indem ich affirmativ zustimme. Indem ich Interesse auf eine bestimmte Weise performe: zustimmen, lächeln, nicken, maximal weitergehende, positiv formulierte Fragen stellen. Kritik darf  im Anschluss in Form einer ‘lösungsorientierten Kritik’ formuliert werden. Die zwangsläufig in gewaltvollen Systemen re_produzierte Gewalt darf nicht angesprochen und muss aktiv geleugnet werden.

Wenn ich Freund*innen von einer Sache erzähle, dann erwarte ich zunächst einmal ein kritisches Zuhören: Einordnung meiner Gedanken in die Wirklichkeit, in Systeme und Diskurse. Ich fühle mich ernst genommen, wenn andere Personen die Gedanken, in denen ich mich bewege, mit mir zusammen kritisch beleuchten und mit mir weiter denken. Ich erwarte, dass das, was ich zeige, auf seine spezifische Art und Weise falsch, nur ein Zwischenergebnis ist und bürgerliche Gewalt re_produziert. Ich bin auf Kritik von außen angewiesen, um mich selbst überprüfen zu können. Nicht im persönlichen schuldhaften Sinne, sondern in dem Sinne, dass ich Re_produzent von gewaltvollen Systemen bin. Ich bin sehr dankbar für Freund*innen, die dieses Außen für mich sein wollen, die sich die Zeit nehmen, meinen Gedanken zu folgen und sie mit mir kritisch einzuordnen.

Wenn ich meine Erwartung auf bürgerliche Freund*innen projiziere, dann führt das häufig im besten Falle dazu, dass sie sich verarscht fühlen, im schlechtesten Falle wird es als fundamentaler Angriff auf die eigene Person wahrgenommen. Wir erinnern uns: die bürgerliche Gesellschaft kennt nur das versagende Individuum, nicht das versagende System.

Wenn kritische Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen erleben, dass ihre Gedanken, ihre kritisch einordnende Perspektive, als Angriff wahrgenommen werden, haben sie zwei Optionen, um dies nicht zu wiederholen:

  1. Sie passen sich an, sprechen ihre Gedanken nicht mehr aus: sie schweigen oder lügen in letzter Konsequenz.
  2. Sie brechen den Kontakt aus Selbstschutz ab oder schränken ihn ein.

Der erste Weg ist anstrengend. Es ist anstrengend, Themen, die uns wichtig sind und uns beschäftigen, nie ansprechen zu können. Wir können die Themen nicht aufgreifen, wenn wir davon ausgehen müssen, dass alleine das Aufbringen des Themas als Angriff verstanden wird. Gleichzeitig führt das dazu, dass Freundschaften oberflächlicher werden, wenn wir über für uns wichtige Themen nie reden können. Die Folge ist häufig, dass der Kontakt von alleine weniger wird und ausläuft. In der ausgeprägten Form kann es auch sehr anstrengend werden, bei einem Treffen permanent Zeug*in von (bürgerlicher) Gewalt zu werden, ohne sie thematisieren zu können. Kritische Personen sind dann allein schon zum Selbstschutz gezwungen, den Kontakt einzuschränken oder ganz abzubrechen.

Zusätzlich fühlen sich auch kritische Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen von ihrem bürgerlichen Umfeld missverstanden und nicht ernst genommen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Situation, in der ich einem bürgerlichen Freundeskreis von einer Situation erzählte, in der ich selbst Täter war. In der ich nicht einschritt, als ich Zeuge rassistischer Gewalt wurde. Mein Freundeskreis war so fixiert auf die Form der Gewalt, deren Re_produktion ich nicht unterbrach, dass ich mich zu einem mir wichtigen Thema überhaupt nicht austauschen konnte: die Reflexion von mir als Täter. Während ich über meine eigene Tat und Re_produktionen von Gewalt sprechen wollte, wollten sie mich von meiner “Schuld” reinwaschen, über die Taten von anderen sprechen und meine Tat relativieren, wie es in der bürgerlichen Gesellschaft wohl auch üblich ist: Ich fühlte mich missverstanden und von meinen Freunden nicht gesehen. Die Ursache ist der fundamentale Unterschied in der Perspektive. Für mich stand das System im Vordergrund, das ich re_produzierte, für meine Freunde die individuellen Taten.

Ein Plädoyer für übergreifende Beziehungen

Für uns kritische Personen ist die Freundschaft zu Bürgerlichen ungemein wichtig. Es ist für uns wichtig, Kontakt zur bürgerlichen Welt zu haben, uns zu erden und mitzubekommen, was in der bürgerlichen Welt, über die wir so viel nachdenken, los ist. Häufig sind es bürgerliche Freund*innen, die uns auf Themen stoßen, wenn wir sie und die bürgerliche Gesellschaft, die sie in unserem Verständnis unkritisch re_produzieren, besser verstehen wollen. Ich habe mich aus ernsthaftem Interesse an bürgerlichen Freund*innen schon stundenlang mit affirmativen YouTuber*innen, Homepages von Sportvereinen und mit Erziehungsratgebern beschäftigt. Es ist wichtig, dies nicht als Hierarchie zu verstehen: es muss Menschen geben, die etwas tun, damit es etwas zu analysieren gibt. Auch das Handeln von kritisch geprägten Personen ist von der bürgerlichen Gesellschaft beeinflusst. Deshalb analysieren wir unser Tun selbst und gegenseitig. Meine Arbeit wäre aktuell sinnlos, wenn es keine affirmative, bürgerliche Gesellschaft gäbe und auch in wahren Demokratien und anderen Utopien wird es weiterhin notwendig sein, kritisch zu beleuchten: eben weil wir uns nur ausgehend von unserer Geschichte in Richtungen irren können.

Darüber hinaus ist es für mich in einer übermäßig privilegierten Position wichtig, Situationen, in denen ich selbst zum Täter wurde, zu reflektieren. Mit wem ginge das eigentlich besser als mit anderen privilegierten Personen. Es würde bei ebenfalls privilegierten Freund*innen nicht wieder den Fokus auf Privilegierte verschieben und marginalisierten Perspektiven keinen Raum nehmen. Die Überschneidung von privilegierten Personen, zu denen ich Vertrauen habe und bürgerlichen Freund*innen ist besonders hoch. Mir würde hier besonders viel an diesem Austausch liegen. So lange bürgerliche Personen sich selbst jedoch als alleinige Urheber*innen ihrer Taten sehen, machen sich kritische Personen bei der Reflektion ihrer Handlungen, Gedanken und Emotionen als Täter*innen einseitig verletzlich.

Es ist für mich wichtig Teil von bürgerlichen Treffen zu sein. Je mehr ich jedoch meine Perspektive zurückhalten muss, umso mehr ich Gewalt erleben muss, ohne sie benennen zu können, umso anstrengender ist es gleichzeitig für mich. Umgekehrt ist es sehr anstrengend für Bürgerliche, wenn die sonst akzeptierte bürgerliche Gewalt auf einmal hinterfragt und kritisch kontextualisiert wird: eben weil sie als Schuld auf die eigene Person projiziert wird.

Zuletzt bleibt noch die Verbundenheit mit der individuellen bürgerlichen Person. Geschichten, die über Jahrzehnte verwoben sind und die für uns alle persönlich und eben nicht nur analytisch wichtig sind. Personen, mit denen wir aufgewachsen sind, mit denen wir Erfahrungen, Wissen und Emotionen geteilt haben und auch weiterhin teilen wollen. Niemand wird in die kritische Perspektive rein geboren: wir alle haben auf unserem Weg bürgerliche Wegbegleiter*innen und Wegbereiter*innen. Übergreifende Freundschaften und Beziehungen müssen einen Weg finden, in dem sich beide Seiten gegenseitig ernst nehmen und nicht zur Projektionsfläche des Anderen werden. Alle müssen sich gleichzeitig sicher fühlen können, ihre Gedanken loszuwerden, wenn diese Freundschaft aufrechterhalten werden soll. Es ist natürlich gleichzeitig für beide Seiten legitim, das nicht zu wollen.

Ich kann aus meiner Perspektive nur sagen, dass es nach den vielen Erfahrungen der Enttäuschung unserer Erwartung ein absoluter Vertrauensbeweis ist, wenn ich mich traue, meine Kritik zu formulieren und meine Gedanken nicht einfach zurückhalte. Ich kann sagen, dass ich mich nicht aus Gemeinheit, sondern aus reinem Interesse durch jede Formulierung des Zeitungsartikels aus der bürgerlichen Presse durcharbeite, den ihr mir geschickt habt und es kein Anzeichen von Boshaftigkeit ist, wenn ich die in euren Augen einzige negative Passage herausarbeite. Es ist die Art, in der ich die Welt begreife. Die Kritik ist dabei in meinem Verständnis keine bösartige Vernichtung, sondern die Möglichkeit einer positiven Perspektive in gewaltvollen Strukturen. Die ernsthafte Kritik ist der Beweis unserer Hoffnung.

Was außerhalb der Hoffnung steht, produziert Zynismus. Was Hoffnung gibt, produziert ernsthafte Kritik.

Eine Methodik des übergreifenden Austauschs für kritische Personen könnte im Umgang meiner Partnerin mit solchen Situationen stecken. Sie schafft es, sowohl die kritische Perspektive nicht zu verlieren, als auch sich durch affirmativ geprägte Gesprächsrunden zu bewegen. Sie findet sich in beiden Welten zurecht. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie in vielen bürgerlichen Situationen an meiner Seite ist, sie meistert und im Gespräch mit mir nahtlos in die kritische Reflektion umschalten kann. Dabei performt sie weder das bürgerliche Ernstnehmen der Affirmation, noch verliert sie den kritischen Kern aus den Augen, ohne ihrem bürgerlichen Gegenüber ein schlechtes Gefühl zu geben. Ihre Methode: eine tiefgehende Empathie für das bürgerliche Gegenüber. Empathie bedarf keiner kritischen Reflektion. Emotionen des Gegenübers können im ersten Schritt wahr und ernstgenommen werden, ohne sie sofort kritisch einordnen zu müssen. Das Problem des bürgerlichen Denkens sind die undialektischen Antworten auf die Emotion, die erlernte gewaltvolle Performanz von Emotionen (z.B. white tears), sowie die diskursive und performative Einbettung von Emotionen, nicht die Emotion an sich: sie ist im Kern real. Meine Partnerin hat das verstanden, ich noch nicht.

Grundvoraussetzungen sind sicherlich ein bürgerliches Gegenüber und ein Kissen an Privilegien. Als heterosexuelle weiße cis Frau ist meine Partnerin stark privilegiert und mit Sicherheit ist es für sie leichter, empathisch gegenüber Bürgerlichen zu sein, als Personen, deren Existenz dauerhaft von der bürgerlichen Gesellschaft abgesprochen wird. Doch vielleicht ist genau das unsere Aufgabe als privilegierte kritische Personen: die Empathie bereit zu stellen, die von der Gewalt betroffene nicht leisten können und sollen. Wir haben die Möglichkeit, empathisch gegenüber dem Schmerz, der Trauer und der Wut zu sein, den Bürgerliche fühlen und auf die sie in der bürgerlichen Gesellschaft nur undialektische und affirmative Antworten finden. Ich rede hier explizit von bürgerlicher und nicht von faschistischer Gewalt, die eine Einordnung, aber mit Sicherheit keine Empathie verlangt. Trotz des besseren Umgangs meiner Partnerin mit solchen Situationen, sind auch für sie Situationen, in denen sie ununterbrochen Zeugin von bürgerlicher Gewalt wird und sie die Themen, die sie beschäftigen, nicht ansprechen kann, unglaublich anstrengend. Wenn wir kritische Personen, den freundschaftlichen Kontakt zu bürgerlichen Personen halten wollen, sie als Subjekte wahrnehmen und nicht als Projektionsfläche zu degradieren, müssen wir die Methodik der kritischen Empathie erlernen und unseren Blick auf das Reale in den Erzählungen lenken. Wenn bürgerliche Freund*innen den freundschaftlichen Kontakt zu uns halten wollen, uns als Subjekte wahrnehmen wollen, müssen sie sich auch die Mühe geben, bürgerliche Gewalt zu reflektieren und Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft nicht als Angriff auf sich zu werten, sondern als Ausdruck unserer Hoffnung und unseres Ernstnehmens zu begreifen. 

Das Erlernen von Empathie kann unser Schritt zu auf bürgerliche Freund*innen sein, damit sie sich durch uns ernst genommen und nicht fundamental abgewertet fühlen. Das Zulassen von Kritik kann ein Schritt von bürgerlichen Freund*innen auf kritische Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen sein, damit diese sich nach Gesprächen nicht nur ausgelaugt fühlen, nicht gezwungen sind, ihnen wichtige Themen auszulassen oder zu lügen.

Ich denke, wir sind häufig nicht leicht – fundamentale Eindringlinge im nahezu perfekten Schlaraffenland – die das kostenlose Essen relativieren, abstrahiert einordnen und im wissenschaftlichen oder aktivistischen Kontext eure Re_produktionen von bürgerlicher Gewalt sogar teilweise öffentlich diskutieren und auswerten. Wenn ihr es aber zulasst und diese Perspektive als untrennbaren Teil von uns begreift, nehmen wir euch ernster, als jede bürgerliche Freund*in es könnte und wir wissen es zu schätzen, dass ihr uns Teil eurer Welt sein lasst, dass wir ganz dabei sein können, obwohl ihr wisst, dass wir eigentlich nicht dazu gehören. Wir können nicht versprechen, dass unsere Loyalität im stetigen Zustimmen oder Schweigen liegt, unsere Loyalität liegt in dem Versprechen, euch, im kritischen Verständnis, immer verstehen zu wollen und vollends ernstzunehmen.

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